Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- Seite 423 (sequence 5)
- Language
- German
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423 „Während des Wahlkampfes im Kreise Duisburg tauchte iu den „Deutschsozialeu Blättern" auf, die Natioualliberalen hätten sich bindend verpflichtet, für den Verzicht der Deutschsozialen auf eine eigene Kandidatur den Deutschsozialen ein Mandat für den Landtag bei den künftigen Landtagswahlen zuznsicherii. Gegenüber dieser Behauptung, die übrigens nirgends Glauben gesunden hat, bemerken die „Mitteilungen für nationalliberale Vertrauensmänner": Daß ein einzelner Vertreter der Dentschsozialen einem einzelnen Mitglied der nationalliberalen Partei die Nilregung entgegengebracht hat. mall möge den Dentschsozialen den Verzicht auf die Zählkandidatur durch Zusicherung eines Landtagsmandats erleichtern, mag ja richtig sein. Der betreffende Nationalliberale wird wohl korrekt gehandelt und erklärt haben, das; r die Anregung seinem Parteiborstand weitergeben werde. Dort wird man sie einfach zu den Akten eutgegengenommen und in den Akten 'ermerkt haben, bon wem sie ausgegangen und durch wen sie zur Nenntniß des Vorstandes gebracht war. Wie aber aus diesem Hergang die Behauptung entstehen konnte, es sei den Antisemiten für wen Verzicht auf eine Zählkaudidatur ein Landtagsmandat zngesichert, >t ganz unerfindlich." Was in der freien Schweiz alles möglich ist, das kann nan aus einem Bericht entnehmen, den ein dortiges Ltramontanes Blatt in dieser Woche gebracht hat. Die eisenden fremden Gäste werden gerade in einem Augenblick, oo der Fremdenverkehr in der Schweiz seinen Höhepunkt erricht hat, im Kanton Wallis geradezu als Menschen- und Nnderfresser gekennzeichnet. Im nltramontanen „Walliser -oten" findet sich als „Warnung" folgende Schauermär: „Am Montag, 12. d. M. reisten in St. Niklans drei Herren zu usz nach Zermatt. In einiger Entfernung trafen sie bei einem am Lege stehenden Hause einige Kinder, welche spielten. Sie betrachteten le Kinderschaar einen Augenblick und verlockten dann eines der ttesteu Bublein, mit ihnen zu gehen. Das Kind zog mit. Eine Strecke weit gings ohne weitere Schwierigkeiten, alsdann jedoch begegnete ihnen eine Bauersfrau, die Nachbarin dieses Kindes, welche es ogleich erkannte und fragte: „Wohill willst Du heute?" Einer der?erren aber antwortete sogleich: „Das geht Sie nichts an, wir haben s gekauft." „Nein. Herr, ich bin seine Mutter, und das Kind gehört lir." „Nun, was »vollen sie denn dafür?" fragte der Herr weiter, ich will Ihnen zahlen, was recht ist." „Und was wollen Sie denn mit dem Kinde?" fragte die Bäuerin. Und der Herr erklärte: „Wir erden es schlachten, denn wir wollen es essen. Bei uns wird, womöglich alle Tage, so ein Kind geschlachtet und gegessen, da es nichts mineres giebt als Kinderfleifch." Erschrocken nahm das Weib das ind ai» der Hand, und mit einem Ausdruck der Verachtung ries sie eil Reisenden zu: „So was ist bei uns verboten, geht Eures Weges;hr verächtlichen Menschen," und sie brachte das Kind seiner eigentchen Mutter zurück. Und der Berichterstatter fügte dann noch hinzu Zchon in den Vorjahren reiste einmal eine solche Bande nach Zermatt, welche ihre Kost selbst besorgte und augenscheinlich zum Theil ans Nnderfleisch. Die Kinder sind, gerade wie die Hasen, tausend Feinden usgesetzt. Daher, ihr Eltern, seid auf der Wacht für eure Kinder, .'sonders zur Sommerszeit, wann Füchse und Wölfe durchs Land ringen, suchen, well sie verschlingen." In allem Ernste, wie es bei iuem so frommen, von einem Geistlichen geleiteten Blatte überhaupt acht anders möglich ist, fügt die Redaktion des „Walliser Boten" och hinzu: „Wir sind nicht in der Lage, beurtheilen zu können, ob - agliche Reisende es ernst meinten mit ihren Aussagen, lind überlassen le Verantwortung dem Korrespondenten." 4 In Verbindung mit der „Lritisll Ll-otlwrs' von er wir bereits gesprochen, hat sich kürzlich eine englische Bereinigung gebildet, die den Zweck verfolgt, der Einwanderung on mittellosen Fremden im Osten von London entgegenutreten. In einer dieser Tage stattgefundeuen Versammlung ieser Gesellschaft wurde einstimmig eine Resolution folgenden Inhalts angenommen: „Die Versammlung britischer Einwohner von Ost-London sieht mit Entrüstung und Sorge die stetig zunehmenden „Horbell von Fremden" in diesen Distrikt kommen, wodurch die allgemeinen Lebensbedingnngen verschlechtert, die eingeborene Bevölkerung verdrängt und die Wohnnngsnoth verschlimmert wird. Die Versammlung ersucht die Negierung, Schritte gegen die Einwanderung mittelloser Fremden zu unternehmen und verspricht, alle Anstrengungen zu machen, damit dieser unglückliche Zustand geändert werde." Unter den hier erwähnten „Horden von Fremden" sind natürlich nur jüdische Einwanderer zu verstehen, welche den Osten Londons bevölkern. In England ist man nur zu feige, dies auszusprechen; nichtsdestoweniger bleibt die Thatsache bestehen, das; sich auch dort der Antisemitismus zu regen beginnt, wie ein deutsches Antisemitenblatt mit aufrichtiger Genugthunng konstatirt. Vor einigen Wochen wurde uns aus Brasilien mitgetheilt, daß in der an der Mündung des Amazonenstroms gelegenen Stadt Cometa, die dort ansässigen Juden überfallen und zum Verlassen des Ortes gezwungen worden seien. Diese Nachricht erregte um so mehr unser Erstaunen, da im Allgemeinen unsere Glaubensgenossen in der brasilianischen Republik wohlgelitten und viele von ihnen, die brasilianische Bürger geworden sind, als Staatsbeamte aller Art wirken. Aber wie die Verhältnisse irr Brasilien auch sein mögen, in Argentinien denkt man im Allgemeinen günstig über die Juden, und als Beweis möge ein im „El Pais" — eine der gelesensten Zeitungen von Buenos-Aires — am 2. Juli veröffentlichter Leitartikel über die Juden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gelten, den uns ein Freund unseres Blattes Herr ArthurBab, Verwalter der Kolonie Mauricio in Argentinien, in deutscher Uebersetzung zuschickt. Der Aussatz giebt in durchaus sachlicher Weise einen Abriß über die Geschichte des Judenthums seit Zerstörung des Teuchels. Der Verfasser spricht über die Verfolgungen während des Mittelalters, die Emanzipation während des 19. Jahrhunderts und fährt dann wörtlich fort: „Aber — zur Schande der Civilisation und der Moral der Menschheit sei es gesagt, — gar zu oft noch bringt uns der Telegraph Nachricht über den unseligen und verhängnißvollen Antisemitismus, dem unreinen Widerhall der Barbarei und des moralischen Rückschritts Bei den Völkern, die den Juden völlige Gleichberechtigung gegeben haben, wie Frankreich, Italien, England, Belgien. Holland und etwas welliger Deutschland, tragen diese wie die besten Bürger zum Ruhm und Neichthnln des Landes bei, während man in Rußland. Rumänien, Oesterreich und etwas welliger in der Türkei den Israeliten der» Bildungsgang erschwert, ihnen viele Beschäftigungen verbietet, sie in gewisse Städte einzwängt, ihnen landwirthschastlichen Betrieb nicht gestattet. Dort vermehren sie das Heer der Armen, des menschlichen Elends, des Fanatismus und der Verkommenheit. Aber hier muf; man all das berühmte Wort erinnern, daß „jedes Land die Juden hat, die es verdient". Der Jilde, der in normalen sozialen Verhältnissen lebt, ist gesund an Leib und Seele, er »leigt wenig zu Krankheiten wegen seiner Vorsicht und mäßigen Lebensweise, er betrinkt sich nicht und ist selten in Verbrechen und Gewaltthaten verwickelt. Er achtet die Gesetze des Landes, in denen erlebt; gehorsam und respektvoll seinen» Brodherrn gegenüber, bewahrt er dabei stets einen gewisseil Stolz, würdig des „anserwählten Volkes" und des Bekenners des ältester» der großen Neligionsshsteme, welche die zivilisirten Völker besitzen. Er ist ein guter Familienvater, ein guter Bürger, ein treuer und edelmüthiger Freund." Indem der Aussatz dann von den Inden in Amerika, deren Zahl auf 600000 geschätzt wird, im Besonderen spricht, heißt es in den Schlußsätzen: