Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- Seite 422 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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422 einzelnen Gemeinden übrigens der Fall ist, die Lokalschnlinspektion im Ganzen dem Rabbiner oder sonst einer hie fürgeeigneten Persönlichkeit übertragen, genannten Personell wenigstens die Beaufsichtigung des Religionsunterrichtes überwiesen? Ist damit zu viel verlangt? Ist hier wohl Geduld allgebracht? Sollten sich nicht die Männer finden, die fort und fort diese Forderung stellen? Hier ist wieder geeignetes Material für unsere jüdischen Abgeordneten vorhanden; von diesen Wünschen müßten sie überhaupt ausgehen; deren Erfüllung widerspricht doch den Interessen der Gesammtheit gewiß nicht. Es genügt nicht mehr, zu verlangen, daß wir gegen Verleumdungen und Verdächtigungen unserer Widersacher geschützt werden, wir müssen vielmehr mit Entschiedenheit für unser Recht eintreten und vor allem verlangen, daß der Staat auch für unsere religiösen Bedürfnisse ein wenig Sorgfalt übernehme, die der Gesammtheit keine Schädigungen einbringt, sondern nur dem Ganzen zum Heile gereichen kann. Stellen wir diese Forderung mit allem Nachdruck, und verlieren wir hierbei nicht die Geduld, wenn nicht sogleich der erste Ansturm die Mauern der Vorurtheile durchbricht — durch Kampf zum Sieg, das bleibe unsere Parole in aller Zeit. Die Wachs. Berlin, 4. September. ie 48. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands hat natürlich in der abgelaufenen Woche allgemeines Interesse erregt. Auch für uns ist dabei manches Lehrreiche abgehandelt worden. Schade nur, daß der Tropfen antisemitischen Oels gleichfalls nicht fehlte, namentlich in den Reden der Abgeordneten Gröber, Bachem und Schädler. Wir erhalten hierzu von sachkundiger Seite die folgenden Ausführungen: Der Neichstagsabgeorduete Dr. Bachem sührte in seinem Vortrag in Osnabrück: „Der Katholik und die moderne Zeit" folgendes aus „Der Liberalismus sage, die katholische Religion sei nicht mehr zeitgemäß, sie entspreche nicht den modernen wirthschastlichen Anforderungen. Daher seien auch die katholischen Gegendeil in wirthlicher Beziehung vielfach rückständig. Die Liberalen, die so reden, hüten sich zu bekennen, daß die Protestanten in wirthschastlicher Beziehung gegen die Juden rückständig seien. (Beifall.) Wenn die Güte der Religion nach dem Neichthnm bemessen werden solle, dann sei die beste Religion nicht die des Liberalismus, sondern des Mammonismus. der das Znchthans mit dem Aermel streife, wenn es nur möglich sei, den Säckel zu füllen." (Stürmischer Beifall.) Diese Definition der besten Religion" erschien dem Abgeordneten Dr. Gröber nicht präzis genug, daher gab er in der am folgenden Tage abgehaltenen Generalversammlung des „Volksvereins für das katholische Deutschland" folgende nähere Erklärung: „Wenn man die Güte der Religion nach dem Neichthnm der Neligionsangehörigen bemessen wolle, dann können die Christen allesammt nichts Besseres thnn, als sofort ihren Glauben zu wechseln und Mitglieder des Oberamts Jerusalem zu werden." Der erste Redner stellt also die Juden als wirthschastlich überlegen, der zweite in geschmackvoller Ausdrucksweise als wohlhabender als die übrigen Volkskreise dar. Beide bethätigeu dann ihre mehrfach betonte religiöse Toleranz, indem sie Jndenthnm mit Mammonismus identifiziren. Wie steht es nun mit der wieder neu anfgefrischten Legende . von den durch die wirthschaftliche Ueberlegenheit in jüdischen Händen angehäuften Reichthümern? Bestände diese Ueberlegenheit thatfachlich, so wäre wohl der Neid der Untüchtigeren verständlich, vielleicht auch das Entstehen intensiven Haßgefühles. Allein es ist nicht die. wenn auch widerwillige. Anerennnng größerer Fähigkeiten, welche Dr. Bachem ausspricht, fand rn es wird in ungerechter Weise die wirthschaftliche ileberleg' nheit der Inden dem Mammonislnus gleichgestellt, „der das Znchthans mit dem Aermel streift", während „das Streben nach Wohlstand" ans der „Grundlage der (katholischen) Religion und Moral" liebevollste Berücksichtigung findet. Aber ernsthaft gesprochen, glauben diese Herren wirklich noch an die großen Reichthümer der Juden? Heute noch, wo ein Rothschild und Bleichröder nur als armselige Stümper erscheinen gegenüber den Krupp und Stumm, geschweige den amerikanischen Milliardären Vauderbilt, Gonld, Morgan u. s. w.?! So blind gegen die Vorgänge der heutigen Zeit kann doch kein ernster Mensch sein. Vielleicht aber haben sie gar nicht diese wenigen Auserwählten, sondern die große Masse der Inden im Auge. Und da müssen wir es denn allerdings für möglich halten, daß die Herren in gutem Glauben gesprochen haben, daß sie, unberührt von der Tragik gerade der letzten Jahre, noch immer in naiver Unbefangenheit „den Juden" für den reichen Mann halten, daß sie nie etwas gelesen und gehört haben von den gewaltigen Auswanderungen bettelarmer Juden ans Rumänien, nie von dein trostlosen Elend der russischen Inden, daß sie die Noth der galizischen Proletarier nicht kennen, daß sie von der Existenz riesenhafter Ghettos in London, Newhork und Warschau nichts wissen. Möglich auch, daß sie gar nicht von den Juden im Allgemeinen sprechen wollten, sondern nur von den deutschen. Nun, wir dürfen Wohl zugestehen. -- und ich glaube, wir brauchen uns dessen nicht zu schämen, — daß wir unter den deutschen Juden kein sogenanntes „Lumpenproletariat" haben, allein zahlreiche Existenzen, die mit der bittersten Noth zu kämpfen haben, giebt es auch bei uus. Die Inden sind, aus nur allzu bekannten Gründen, in überwiegender Anzahl in den Städten ansässig. Man bedenke, daß von den 545800 in Deutschland lebenden Juden allein in den zehn Großstädten Berlin, Hamburg-Altona, Breslau, Frankfurt a. M., Cöln, München. Nürnberg! Dresden, Leipzig. Mannheim 180000 wohnen, also ein Drittel der Gesammtzahl! Hierin, in ihrer überwiegenden Zugehörigkeit zu städtischen Berufen wird freilich allgemein gerade ihre Ueberlegenheit in wirthschastlicher Beziehung gesucht. Aber man betrachte sich nur genauer die Verhältnisse in diesen Großstädten. Wenn wir z. B. Nüssen, daß in Hamburg bei einer jüdischen Einwohnerschaft von 18 000, 4200 Personen ganz oder znm Theil voll Unterstützungen leben, mithin über 23 Prozent, so wirft dies wahrlich ein grelles Licht auf den durchschnittlichen Neichthnm der Juden. Und wie in Hamburg, ist es in allen großen Gemeinden. Wer mit offenem Blick um sich schaut, der weiß, daß heute thatsächlich der Mittelstand in überaus schwieriger Lage sich befindet, daß aber hieran nicht die wirthschaftliche Ueberlegenheit der Juden die Schuld trägt, sondern daß eben diese angeklagten Juden doppelt und dreifach leiden, da auf ihnen nicht nur der wirthschaftliche Druck, sondern auch die soziale Bohkottiruug lastet! Das freilich mögen und können die Herren Volksredner, die ihren Hörern etwas bieten müssen, nicht zugestehen. Die so heterogen zusammengesetzte Partei darf es nach keiner Seite verderben. Giebt es ein bequemeres Mittel, aus dieser Zwickmühle herauszukommeu, als den allbeliebten Prügeljungen hervorznhebeu und ihm die Schuld zuzuwälzen? Dr. Ernst Tuch. Ebenso wie Jene die wirthschaftliche, betonte Domkapitular Schädler die geistige Rückständigkeit der Katholiken. Und auch da mußten die Juden herhalten. Zum Schluß wurde aber doch eine Resolution, erfreulicherweise einstimmig, angenommen, in der der katholischen Presse zur Pflicht gemacht wird, „im Kampfe mit dem Gegner die Klugheit, die Gerechtigkeit und die christliche Liebe niemals außer Acht zu lassen." Ncms verrous. Etwas spät und etwas schüchtern erscheint das Dementi, welches von nationalliberaler Seite den Mittheilungen über ein Bündniß zwischen dieser Partei und den Antisemiten im Kreise Duisburg entgegengesetzt wird. Die „Nationalliberale Korrespondenz", das offizielle Organ der Partei, schreibt nämlich: