Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 36. Allgemeine Berlin» 6. September 1901. eitung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem- Zeitung des Judenthums", Berlin I 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zn richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Änhlllt. Leitartikel: „Schöne Geduld". — Die Woche. — Ruhe dem Ruhetage! Von Rabbiner Dr. Samuel in Essen. II. — Emilie Ludwig. Bon Lina Morgenstern. — Zu Moses Mendelssohn. Von Ludwig (Seiger. — Eine Jüdin auf dem Throne von Bulgarien. — Feuilleton: Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. III. Eine Episode aus dem 2eben von Robert Jljisch. — Badebriefe. II. — Litterarische Mittheilurigen. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin Greifen- Hagen, Pudewitz, Kattowitz, Bad Landeck, Frankfurt a. Ai., Wien. — Von Rah und Fern. „Schöne Geduld". Berlin, U. September. (HHDNeses Wort, das die verklärte edle Dulderin auf dem Königsthrone, die Kaiserin Friedrich, für die Langmuth unserer Glaubensgenossen gegenüber den erlittenen Beleidigungen und Zurücksetzungen geprägt hat, ist sicherlich eine Anerkennung ans hohem Munde gewesen, über die wir uns anr freuen dürften. Vielleicht können wir aber auch einen leisen Vorwurf aus diesem Worte heraushören, eine nicht ganz unbeabsichtigte Zurechtweisung. Ist es keine rühmenswerthe Geduld, Kränkungen und Hechtsschmälerungen von Anderen ohne genügende Gegenwehr -sinzunehmen, werden wir vielmehr versucht, einen Jeden der Behandlung für würdig zu erachten, die er sich gefallen läßt, so dürfen wir Juden uns ja nicht rühmen, Geduld zu besitzen, wen» wir uns etwa gegen die Verleumdungen und Unbilden von Seiten unserer Gegner nicht mit aller Entschiedenheit wehren. Sicherlich wird kein Verständiger Denen Beifall zolle» wollen, welche die genug erörterte Peltasohn'sche Interpellation als eine Ausgeburt stürmischer Ungeduld bezeichneten. Wir wollen es gleichfalls nicht, daß wir mit Unbesonnenheit, ohne Ueberlegung, tollkühn uns in den Kampf ums Recht, um Freiheit und Gleichheit hineinbegeben, doch glauben wir vor allzu großer Geduld immer wieder warnen und gemahnen;u müssen, damit wir wenigstens das lins zu Theil werdende Anrecht sich nicht einbürgern lassen und von ihm so lange und so eindringlich wieder reden, bis daß wir schließlich doch lehört werden. Denn „steter Tropfen höhlt den Stein." Mit vollem Recht ist vor kurzem in unserem Blatte als Ursache für diesen oder jenen Verlust, den wir durch die Judentaufen" erfahren, die mangelnde religiöse Erziehung, und unter den Gründen für dieses Defizit auch die Stellung des Rabbiners in den meisten Gemeinden angegeben worden, letztere ist voll und wahr der Wirklichkeit entsprechend geschildert worden, — wie traurig auch das Bild ist, das uns da entrollt wurde, es ist jedoch dem Leben treffend nachgezeichnet. Warum ist aber der jüdische Seelsorger in den mittleren und kleineren Gemeinden zu solcher Stellung verurtheilt? Die Schuld liegt da nicht nur auf Seiten der Gemeinden. So lange der Staat nicht den Rabbiner anstellt, wird sein Deftnitivum immer ein zmun UosiUerimu bleiben, und damit er selbst, von dem Wohlwollen der Großen und Mächtigen in der Gemeinde allzusehr abhängig, niemals genug Einfluß gewinnen können. Freilich würde da der Staat ein wenig in den Geldbeutel zu greifen haben. Er könnte sich nicht damit begnügen, daß so und so viele Gemeinden eines Rabbiners entbehren, so daß ans ganze Strecken hin ein solcher nicht zu finden ist, er müßte die Pensionsberechtigung und Reliktenversorgung sür diesen neuen Beamtenstab regeln. Dies würde Aufwendungen erfordern, wäre dies aber nicht billig und recht? Stehen wir denn mit unseren Leistungen abseits? Zahlen wir nicht unsere Steuern? Was in Süddeutschland und in den Neichslanden möglich ist, sollte das bei uns nicht zu erreichen sein? Hier sind die Hebel anzusetzen, das müßte für die nächste Zeit unsere vorzüglichste Sorge bleiben: die Rabbiner müssen Staatsbeamte werden, ihre Bestallung vom Staate und damit für ihre Gemeinden die nämlichen Rechte erhalten wie die Geistlichen der anderen Konfessionen. Warum sollen denn die jüdischen Gemeinden für die Bestreitung ihrer religiösen Bedürfnisse allein die Mittel hergeben? Sind wir denn Bürger zweiteil Grades? Hat denn der Staat wirklich kein Interesse daran, daß der religiöse Sinn auch unter unseren Stammesgenossen gefördert werde? Dieses Ziel wird keineswegs etwa damit schon erreicht, daß der Staat in letzter Zeit auf allgemeine Ertheilung des Religionsunterrichtes dringt. Wird auch der Jugend schon hinreichende Belehrung, so fehlt wieder für das herangewachsene Geschlecht jener zahlreichen Gemeinden jede religiöse Unterweisung. Welche Zurücksetzung liegt aber auch in der einen Thatsache, daß an den jüdischen Elementarschulen der Religionsunterricht jeder Aufsicht entbehrt! Gewöhnlich wird das Prinzip der konfessionellen Schule so gedeutet: es soll die Religion im Mittelpunkte des gesammten Elementarunterrichtes stehen. Ist dieses Prinzip nicht auch für die jüdische Elementarschule maßgebend? Wird es aber aufrecht erhalten, wenn hier der Religionsunterricht keiner fachmännischen Aufsicht untersteht? Daß der evangelische Geistliche der geeignete Inspektor hierfür ist, wird doch Niemand gerade behaupten können. In der That ist dieser zumeist rücksichtsvoll genug, um in den jüdischen Religionsunterricht nicht einzngreifen. Warum wird nun nicht, will man nicht durchweg, wie es in