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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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L all das Gute und Edle, das sie hieniedcn geübt. Dir, o Gott, sei Lob und Preis für alle Gnade, die du an der Entschlafenen während ihres Erdenlebens und durch sie au unserem Vaterlands gethan, fürall den Segen, den du durch sie verbreiten ließest. In Demuth beugen wir uns vor deinem Willen und flehen zu dir: Sende Trost und Aufrichtung in das Herz unseres trauernden Kaisers, tröste mit deinem himmlischen Tröste seine hohen Geschwister sowie alle Mitglieder des Herrscherhauses, auf daß sie in Ergebung tragen, was du über sie verhängt hast, und sie Alle deinen heiligen Namen preisen! Deinen Trost wende dem gesummten deutschell Volke zu, auf daß es sich wieder erhebe in Hoffnung und Vertrauen zu dir! Amen!" Wo das Gebet für den Landesherrn nicht deutsch verrichtet wird, ist obiges Gebet dem Schlüsse des hebräischen Kaisergebetes anzureihen. BurgsteirrflN't, 26. August. Vor einem Jahre theilte ich Ihnen mit, daß Louis Rose aus Osterwick (Kreis Coesfeld, Provinz Westfalen) als freiwilliger Infanterist mit nach China gezogen, um gegen die Boxer zu kämpfen. Am 17. d. M. wurde derselbe beurlaubt, um seine Eltern und Geschwister zu besuchen. Louis Rose ist mit heiler Haut wieder angelangt. Vom Bahnhof wurde derselbe von fünf Offizieren des Kriegervereins Osterwick Per Wagen abgeholt; etwa (2 Kilometer vom Orte war der Kriegerverein mit Musik angetreteu, um ihren Freund und Kameraden gebührend zu empfangen. Der Amtmann der Gemeinde Osterwick hielt eine begeisterte Rede, ermahnte den jungen Krieger, ferner ein guter Patriot und Bürger zu bleiben, damit seine Eltern, Geschwister und die Gemeinde Osterwick stolz auf ihn sein könne. Der ganze Ort war geflaggt, das Elternhaus mit Guirlanden und Sprüchen geschmückt. Abends war zu Ehren des heimkehrenden Kriegers Festball, der bis zum Morgengrauen dauerte. Ich bemerke noch, daß in Osterwick seit länger als 50 Jahren nur zwei jüdische Familien wohnen; der Vater wie ein Bruder sind ebenfalls Krieger. Am vorigen Sonntag, 24. August, war Louis Rose in Horstmar i. W. bei seinem dort wohnenden Bruder; während des Gottesdienstes wurde derselbe zur Thora anfgernfen und sprach das Gebet nach überstandener Gefahr. * Heidelberg,23.August. Der Landesvereiu israelitischer Neligionslehrer in Bad eil hat am 4. d. M. hier seine vierte Generalversammlung abgehalten. Gegen 40 Mitglieder waren dem Rufe des Vorstandes gefolgt. Als Gäste hatten sich die Herren M. Liebold als Vertreter des Synagogenrathes in Heidelberg, Kollege Steinhardt-Magdeburg im Aufträge des Vorstandes des „Verbandes jüdischer Lehrer im Deutschen Reiche" und Kollege Elias-Darmstadt eiugefnnden. Nach herzlicher Begrüßung der Gäste sowie der Mitglieder erstattete der Vorsitzende, Driesen-Karlsruhe, den Jahresbericht. Mit besonderer Anerkennung wurde darin der Kollegen Friedmann- Hockenheim und Rosenberger-Sinsheim gedacht, die in Wallung ihres Amtes als Mitglieder der Fürsorgekommission das traurige Loos der Hinterbliebenen eines Kollegen zu lindern verstanden haben. Laut Bericht des Kassirers bestand der Verein im verflossenen Vereinsjahre aus 74 beitragspflichtigen Mitgliedern, wovon 17 noch mit ihrem letzten Jahresbeitrag, einige mit dem Beitrag für mehrere Jahre rückständig sind. Aus Beschluß der Generalversammlung werden diejenigen Kollegen, welche zwei Jahre lang trotz wiederholter Aufforderung ihren Beitrag nicht bezahlt haben, von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. Der Kassenbestand beträgt 98.08 Mark. Die Rechnung wurde von den Kollegen Hahu-Walldorf und Lippmanu-Karlsruhe geprüft und dem Kassirer Decharge ertheilt. Der zweite Punkt der Tagesordnung brachte eine Vorführung des Marxschen Leseapparates. Der Referent, Rosenberger-Sinsheim, bezeichnte denselben als ein neben einer guten Fibel wohl brauchbares Lehrmittel. Irr der Debatte wurde bemängelt, daß die Vokale zu klein seien und ein Vokal gänzlich fehle. Hierauf erhielt Herr Steinhardt-Magdeburg das Wort. Der gewandte Redner ließ an den Hörern die segensreiche Thätigkeit des „Verbandes der jüdischen Lehrervereine" für die Hebung des jüdischen Lehrerstandes und der jüdischen Schule vorüberziehen und richtete einen warmen Appell au die Versammlung, mitzuwirken an der gemeinsamen großen Sache, besonders daraus hinweisend, daß diese Mitwirkung um so werthvoller wäre, als in Baden schon vieles geschehen sei, was in anderen deutschen Ländern erst errungen werden müsse. Lebhafter Beifall folgte diesen Ausführungen, und der Anschluß an den Verband wurde auch alsbald beschlossen. Als Delegirte zu dem im Dezember d. I. in Hamburg stattfindenden Verbandstag wurden Driesen-Karlsruhe und Müller- Heidelberg gewählt. Nach einer eiustündigen Mittagspause wurden die Berathungen wieder ausgenommen und eine Kommission ernannt, die in einer Denkschrift an den grobherzoglichen Oberrath die infolge des rapiden Rückgangs der Landgemeinden entstandene Nothlage der Neligionslehrer in Baden darlegen soll. Als Ort der nächsten (fünften) Generalversammlung wurde Baden-Baden bestimmt. b. Karlsruhe, 21. August. Der neueste Trick der antisemitischen Agitation scheint darin zu bestehe!,, antisemitische Flugschriften in unpolitische Zeitschriften zu schmuggeln. So findet sich in der neuesten Nummer der „Badischen Schulzeitung" folgender Vermerk: „Dieser Nummer liegt bei: Ein Prospekt vom Flugschriftenverlag (Th. Fritsch) Leipzig." Dieser Prospekt ist aber nichts anderes als eine Doppelnummer der Flugschrifteuserie „Brennende Fragen" mit dem Titel: „Die semitischen Menschenopfer und die heutige Blutmordfrage." Der Verfasser. Theodor Fritsch, sucht darin in der bekannten antisemitischen Hetzmanier den „Ritualmord" alseine geschichtliche Thatsache hinzustellen, und weil ihm der Nachweis begreiflicherweise nicht glücken will, müssen Schimpfereien auf die Juden aushelfen. Es verlohnt sich nicht, an das öde antisemitische Machwerk weitere Worte zu verschwenden. Der „Prospekt" ist der „Badischen Schnlzeitnng" natürlich beigegeben worden, ohne daß die Redaktion über seinen Inhalt unterrichtet war. In der badischen Lehrerschaft ist kein Boden für den Antisemitismus. 8. Offenburg, 22. August. Das Jubiläum unseres Rabbiners Dr. M. Rawictz wurde hier in solenner Weise gefeiert. Am Freitag Abend und Samstag Morgen war in der Synagoge Festgottesdienst. Der Jubilar predigte beim Morgeugottesdienst über den Vers: Num. 27, 16. wobei derselbe im ersten Theil über die Pflichten und Aufgaben des Seelsorgers im Allgemeinen sprach und im zweiten Theil einen Rückblick aus seine eigene Wirksamkeit während der letzten 25 Jahre warf. Die Predigt wurde mit großem Beifall ausgenommen. Nach den! Gottesdienst kam der Synagogenrath, geführt von, Vorsteher, der in einer längeren Ansprache die Glückwünsche der Gemeinde überbrachte. Daun folgte eine Deputation des hiesigen litterarischen jüdischen Vereins „Harmonie", den unser Rabbiner im Verein mit Anderen vor 7 Jahren gegründet hat. Die Hauptfeier fand jedoch am Sonntag Abend statt, zu der sich sehr viele Leute von Ofsenburg und den Bezirksgemeinden eiufanden. Jede Gemeinde sandte zwei bis drei offizielle Vertreter, denen sich zahlreiche Gemeittdemitglieder anschlossen. Zunächst wurde dem Jubilar ein namhafter Betrag seitens des Bezirks als Festgeschenk überreicht, uni solchen zu einen, guten Zwecke zu verwenden. Rechtsanwalt Beit von hier hielt eine schwungvolle, an Form und Gehalt gleich ausgezeichnete Festrede, die großen Enthusiasmus hervorrief. Darauf verlas Herr Professor Stern von hier die von ihm verfaßte und von sämmtlichen Bezirksvorsteheru unterschriebene Adresse, die ein wahres Kunstwerk in, Inhalt wie an lithographischer Ausführung genannt werden kann. Der Jubilar dankte tief bewegt und verbreitete sich in einer längeren Ansprache über die beiden Säulen, worauf das Judenthum beruht: die Wissenschaft des Judenthums und das religiöse Gefühl. Die Wissenschaft ist nur wenigen Auserwählten erschlossen, während das religiöse Gefühl Jedem, der zum jüdischen Stamme gehört, eigen ist. Der schon genannte Verein „Harmonie" ließ durch seinen Vorsitzenden Professor Stern einen prachtvollen silbernen Pokal überreichen. Das Wort ergriff alsdann Rabbiner Dr. Posner aus Karlsruhe, ein ehemaliger Schüler und Freund des Jubilars, der in schöner, geistreicher Weise auf die Familie unseres hochverehrten Rabbiners toastete. Jur Namen der Lehrer und Kantoren des Bezirkes überreichte mit passender Ansprache Lehrer Bähr von hier gleichfalls einen silbernen, kunstvoll gearbeiteten Pokal. Ferner sprachen Herr Eduard Oberbrunner, ein guter Freund des Jubilars und Mitglied des Synagogenraths, der in zündender Rede seine Gefühle für unfern verehrten Rabbiner kund gab; dessen bedeutende Verdienste um das Judenthum präzisirte der Bezirksälteste und Vorsteher der israelitischen Gemeinde Altorf, Herr Lang, dann Herr Vorsteher Dreifuß aus Nonnenweier und Herr Synagogenrath Karl Heiner von hier, der den Vorsitz an den, Abend führte. Auf das Festessen folgte dann ein Tanz für unsere Jugend, und so schloß das schöne und würdige und in jeder Weise gelungene Fest, das allen Teilnehmern stets in Erinnerung bleiben wird. Möge unser hochverehrter Herr Rabbiner noch lange segensreich in unserer Mitte wirken!

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