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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Oesterreich - Ungarn. o Wien, 26. August. Dauk der Ne i ch sra t hs - uud Gemeinderathsserien ist hier eiue friedliche Stille eingezogen, die llach deu täglichen Hetzen und erbitterten Wortgefechten wohlthuend wirkt. Dagegen haben die Gerichte keine Ferien und können daher mit Muße den zahlreichen Kriminal- und anderen Verbrechern ihre Zeit widmen, die sich in der abgelausenen Woche wieder einmal aus recht arischen und antisemitischen Kreisen rekrutiren; da wurde n. A. im katholischen Steiermark der Marbnrger städtische Bauiuspektor wegen Bestechung im Amte durch große Summen zu acht Monaten schweren Kerkers verurtheilt, der sogenannte „Erfinder" Theodor Adam in Korueuburg erhielt für seine zahlreichen, allerdings „erfundenen" Betrügereien und Schwindeleien fünf Jahre schweren Kerkers und spätere Landesverweisung u. s. w. — Wieder einmal giebt die Leitung eines streng christlichen Vereins (Per eg rin ns) Anlaß, das; sich die Aufmerksamkeit der Behörden in unliebsamer Weise — für die Betroffenen wohl — ihr zuwendet. Der Kassierer wurde wegen Unzukömmlichkeiten seines Amtes enthoben. — Vom Trauerhause Liechteusteinstraße Nr. 59 aus hat am 16. dieses Monats das Leichenbegängniß des verstorbenen Geueraldirektionsrathes der österreichischeil Staatsbahuen Nobert Brüll stattgefunden. Außer den Hinterbliebenen und den persönlichen Freunden des Verstorbenen hatten sich im Trauerhanse geheimer Nath Sektionschef Dr. Rudolph Wrba, Ministerialrath Zdenko Ritter v. Förster, Direktor Emanuel Ziffer, Baukdirektor Isidor Kanitz, viele hohe Beamte der Staatsbahnen sowie der Nordwestbahn eingefunden. Nachdem Oberkalltor Singer, vom Chorpersonal begleitet, die Trauergesäuge zum Vortrag gebracht, wurde der Sarg ans den Centralfriedhof überführt' Jll der Ceremonienhalle widmete Sberrabiner Dr. Gndemann dem Andenken des Verblichenen anerkennende Worte, worauf die Beisetzung erfolgte. — Baron Nathaniel Rothschild hat dem israelitischen Bethausvereine Bahnhof Oderberg außer dem bereits gespendeten Betrag von 1000 K. zur Erbauung eines Vethanses den weiteren Betrag von 2000 K. zur Erwerbung eines Friedhofes gespendet. — Der Kaiser hat dem Evidenzhaltungs-Direktor Abraham Broch den Titel eines Hosrathes verliehen. Nußland. 11'. Petersburg, 24. August. Wie die „Nowoje Wremja" seinerzeit zu melden wußte, trug man sich in Petersburger Regiernngskreisen mit dem Gedanken einer Abschaffung der unter dem Namen „K a> robka" iil Rußland bestehenden schweren indirekten „Jndeusteuer" auf die unentbehrlichsten Lebensmittel, wie Fleisch und Licht. Der Gedanke einer völligen Abschaffung der Karobka wurde jedoch schließlich unter der seltsamen Begründung fallen gelassen, daß die Einkünfte aus derselben nicht blos zur Bestreitung der speziell jüdischen Gemeinde^ ausgaben, sondern auch zu Straßenlind Wegebauten dienten. Es scheint jedoch, als wenn die Negierung dennoch wenigstens eine gründliche Reform des Karobkawesens beabsichtigt. In einem Cirknlar au die Kolnmunalbehörden fordert die Regierung diese auf bis spätestens den 14. September Auskunft darüber zu ertheilen: nj Wie viel Gelverbescheine werden alljährlich von Juden genommen und welche Summen für dieselben au die Staatskasse gezahlt werden? b) Welche Ausgaben werden aus den Karobkageldern bestritten, wobei die Ausgaben für speziell jüdische Zwecke voll den für allgemeine Zwecke getrennt anfgeführt werden müssen. Endlich e) wie hoch ist der Betrag, der auf den jüdischen Gemeinden lastenden Schulden und rückständigen Steuern? — Wie der Gouverneur von Nishni-Nowgorod bekannt macht, sind die zur Messe kommenden Juden gehalten, spätestens eine Stunde llach ihrer Ankunft in Nishni-Nowgorod ihre Papiere vorznlegen, und zwar nicht mehr wie bisher der jüdischen Jahrmarktskommission, sondern dem nächsten Polizeirevier, welches ihnen darüber eine Bescheinigung ausstellt, die sie dann der Kommission vorzulegen haben. Diese arge Belästigung wird mit „der besseren Negistrirung der die Messe besuchenden Inden" motivirt. Als wenn die Juden ausschließlich zu dem Zweck llach Nishni-Nowgorod kämen um da das hohe Vergnügen zu haben, von den Tschinowniks daselbst registrirt zu werden. Die Polizeiverwaltung von Nishni-Nowgorod hat eine große Anzahl jüdischer Familien, welche seit vielen Jahren sich unrechtmäßigerweise daselbst anfgehalten haben, mit der Bestimmung ausgewiesen, spätestens bis zum 13. August die Stadt zu verlassen. Eine große Anzahl der ausgewiesenen Inden hat sich mit einer Eingabe direkt an den Zaren gewendet, worauf die Ausweisungsordre zurückgenommen und ihnen der Aufenthalt in Nishni-Nowgorod bis auf weiteres gestattet wurde. — Nachdem das Kischinewer Komitee zur Unterstützung der nothleidenden Juden im Gouvernement Bessarabien EndeJuni seine letzteSitznng abgehalten hat, ist auch das Odessaer Komitee für die nothleidenden Juden des Gouvernements Cherson seinem Beispiel gefolgt und hat am 2.August seine Thätigkeit eingestellt. Die Ernte im Gouvernement Cherson ist sehr befriedigend ausgefallen, und die unterstützungsbedürftig gewesenen Juden sind nunmehr in der Lage, sich selber zu erhalten. Eine Ausnahme bilden jedoch diejenigen Fuhrleute und Handwerker, welche in der verzweifelten Noth ihre Pferde resp. ihr Handwerkszeug verkauft haben. Das Komitee würde seine Aufgabe als nicht vollständig gelöst anseheu, wollte es diese Leute ohne die zur Fortführung ihres Erwerbes nothwendigen Pferde und Instrumente lassen. Alis diesem Grunde wurde beschlossen, die im Besitze des Komitees noch verbliebenen Gelder zum Ankauf des für diese Juden zur Fortsetzung ihrer Betriebe erforderlichen beweglichen Inventars zu verwenden. Das Komitee beabsichtigt zum Herbst einen detaillirten Bericht über seine Thätigkeit wahrend der beiden letzten Jahre zu veröffentlichen Von Nah und Fern. — Der bisherige Privatdozent in der philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Professor Dr. Richard M. Meher,ist zürn außerordentlichen Professor in derselben Fakultät ernannt worden. — Am 18. d. M. hat der Rektor der Technischen Hochschule zu Cha rl ot ten b urg die Gründung des „Vereins jüdischer Studenten" (des 5. im B. I. C.) au dieser Allstalt genehmigt. Zuschriften re. sind zn richten an Stud. chem. I. Grünberg. Charlottenburg, Goethestr. 32.— Zum zweiten Male aufgehoben wurde der gegen den Verlagsbuchhändler Dewald auf den 24. August vor der zweiten Ferien-Strafkammer angesetzte Termin, in welchem er wegen Beschimpfung jüdischer Neligionsgebränche durch seine Ansichtskarten über deu Kouitzer und Polnaer Blutmord abgeurtheilt werden sollte. — Das seltene Fest der goldenen Hochzeit feierte am 19. d. M. inJnowrazlow in vollster Rüstigkeit der Großkausmann Moritz D obrszhnski mit seiner Gattin. Dem sich allgemeiner Beliebtheit uud Hochachtung in allen Kreisel; erfreuenden Jubelehepaar gingen Glückwünsche, Ueberraschungen und Aufmerksamkeiten in überaus großer Anzahl von Nah und Fern zu. — Der Rothe Adlerorden Hl. Klasse mit der Schleife wurde dem Kreisphysikus a. D. Geh. Sanitätsrath Dr. Wolff in Sprottau verliehen. — Die israelitische Gemeinde zu Chemnitz hat insofern einen Erfolg auszuweisen, als seit laugen Jahren zum ersten Male wieder ein jüdischer Geschworener ausgeloost worden ist. — Dem Privatdozenten der Philosophie und experimentellen Psychologie an der Universität Freibnrg, Dr. I o n as Cohn, ist der Charakter als außerordentlicher Professor verliehen worden. — In Marseille nahm sich eilt Unteroffizier das Leben, weil er die Quälereien seilles Hauptmanns nicht mehr ertragen zn können glaubte. Der „Jntransigeant" war schnell bei der Haud, um den Hauptmann als Juden auzuklageu, da derselbe Kautz heiße. Rochesort braucht es ja nicht zn wissen, daß dieser urgermanische Name selten von einem Juden getragen wurde. — In voriger Woche hatte ein russischer Grenzsoldat vier jüdischen Auswanderern beiMilowice den Uebertritt gestattet, welche dann in Schoppinitz von einem preußischen Gendarmen wegen Paßlosigkeit angehalten wurden. Der russische Soldat ist nun aus Furcht vor strenger Strafe fahnenflüchtig geworden und hat sich über die preußische Grenze nach Oesterreich geflüchtet. — Das rus fische Unterrichtsministerium verbot die Aufnahme von 3uden in das technologische Institut in Petersburg während dieses Jahres. — Der englische Staatsbeamte Alfred Chotzuer wurde jüngst zu einem höheren Amte im englisch-i ndisch e n Staatsdienste befördert. Einem indischen Blatte zufolge wird derselbe in seinem Verwaltungskreise von den Bekennern verschiedener Religionen gleichmäßig hochgeschätzt. — Es wird allgemein interessiren, daß in Melbourne kürzlich zwei jüdische Militärs hohe Orden erhielten, und zwar: Oberstleutnant Salomon für vierzig Jahre Dienstzeit und Major I. Daniels, der 22 Jahre im Dienste steht. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.

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