Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 bezügliche Anfrage,! wohlhabender russischer Juden an französische Schulen sind ablehnend beantwortet worden, wobei darauf hingewiesen wurde, daß in Frankreich ein Gesetz in Vorbereitung sei, das die Aufnahme fremdländischer Schüler in französischen staatlichen Anstalten wesentlich beschränken werde. §2 Berlin, 25. August. Ein hiesiger Arzt meldet der „V. Z." folgende Badeerle baisse: „Gestatten Sie mir. Ihnen ein Reiseerlebnis mitzutheilen. durch dessen Veröffentlichung Sie manchen jüdischen Lesern Ihres geschätzten Blattes peinliche Erfahrungen ersparen werden. In Bold erb ad bei Hall (Tirol), wohin ich mich, veranlaßt durch das hübsche Kinzelsche Reisebnch, mit den Alleinigen zur Sommerfrische begeben hatte, wurde mir durch zwei reichsdeutsche protestantische Herren, mit denen ich freundschaftlich verkehrte (einen Oberbürgermeister und einen Rektor), am fünften Tage unseres Dortseins voller Empörung mitgetheilt, daß die überwiegend katholische und antisemitische Gesellschaft Demonstrationen und Insulte gegen uns plane, wenn wir nicht freiwillig das Feld räumten. Jene Klique hatte der Wirthin zugleich gedroht, sie würden sämmtlich ihr Haus verlassen, falls sie die Juden länger bei sich beherbergte. Thräuenden Auges bestätigte mir die freundliche Wirthin, bei der wir sehr gut aufgehoben waren, die Zwangslage, in welche sie durch die antisemitisch-ultramontanen Hetzereien versetzt war. Ihr zu Liebe und der Uebermacht weichend, verließen wir das anmuthige, aber uns durch diese widerwärtige Agitation verleidete Volderbad. Als Haupthetzer wurden uns ein Doktor aus Negensburg und ein angeblicher „Prinzenerzieher" (!) aus Wien genannt. Die feige Gesellschaft hütete sich, mir mit ihren Provokationen persönlich, Auge in Auge, gegenüber zu treten: ich wäre ohne weiteres bereit gewesen, den Hauptagitatoren einen bleibenden Denkzettel mitzugeben. Allein die Rücksicht auf die daraus sich entwickelnden, meine Ferienerholung störenden Folgen und die Rücksicht auf meine Damen hielt mich von solchen Schritten zurück. Ich beschloß also, einen Ort, in welchem Personen von so niederem Bildungsgrad und so verächtlicher Gesinnung tonangebend sind, mit den Meinen fortan zu meiden. Ich erwähne noch, daß die beiden reichsdeutschen Protestanten, von denen ich oben sprach, entrüstet erklärten, sie würden jederzeit bereit sein, den skandalösen Vorfall als Zeugen zu bestätigen." (A) Königsberg, 27. August. Am 25. d. M. ist der Begründer und frühere Eigenthümer der Bernsteinwerke von Palmnicken, Geh. Kommerzienrath Moritz Becker, in Heringsdorf gestorben. Becker war ein Mann von großer Energie. Aus kleinen Anfängen heraus wußte er sein unter wenig günstigen Auspizen begonnenes Palmnicker Geschäft zu einem Betriebe hinaufzubringeu, von dem schließlich nicht nur der gesammte Bernsteinmarkt des Inlandes, sondern auch des Auslandes abhängig war. Das hatte selbstverständlich mancherlei Reibereien und nicht unerhebliche Angriffe gegen Becker in der Oeffentlichkeit, zum Beispiel im preußischen Abgeordnetenhaus, zur Folge. Becker hatte insbesondere den Danziger Bernsteindrechslern gegenüber (in Wahrung seiner durchaus berechtigten kaufmännischen Interessen) eine Praxis eingeschlageu — Sperrung des Rohmaterials—, die in vielen Fällen berechtigt, in einigen dagegen ungerechtfertigt war. Diese wenigen Fälle und die Thatsache, daß in dem kurz vorher verhandelten Prozeß Beckers gegen den Bernsteinwaarenfabrikanten Westphal in Stolp i. P. verschiedene Dinge zur Sprache gekommen waren, hatten zur Folge, daß schließlich der preußische Staat die Nutzung des Bernsteinregals wieder an sich brachte. Beckers beste Rechtfertigung gegenüber den gegen ihn erhobenen Angriffen war, daß die Preußische Staatsregierung den Danziger Drechslern dieselben Bedingungen stellte wie er, und daß sie auch dem Auslande gegenüber von den Geschästsgrundsätzen Beckers nicht abgeheu zu können glaubte. In den letzten Jahren lebte Becker in Berlin. o. Allenstein, 22. August. Es dürste bei der jetzigen Zeitströmnng von Interesse sein, zu erfahren, daß unser Glaubensgenosse Herr Ludwig Levy, bisheriger bewährter Hilfslehrer am hiesigen königlichen Gymnasium, vom Ministerium am 18.V.M. zum Oberleh re r ernannt wurde. L. machte im Jahre 1886 sein Staatsexamen als Philologe, war demnach1888 anstellungssähig, mußte aber trotz seiner Fähigkeiten bis 1897 warten, in welchem Jahre er am hiesigen königlichen Gymnasium eine Anstellung als Hilfslehrer erhielt. Ich theile Ihnen dies mit, da es den Beweis liefern kann, daß trotz aller Anfeindungen gegen die Juden doch auch Gerechtigkeit geübt wird und daß Ausdauer und Beharrlich- I keit schließlich doch zum erwünschten Ziele führen. Unserer Jugend kann dies nicht oft genug eingeprägt werden. H 2t Jnowrazlaw, 23. August. Im Anschluß an den Artikel über das Posener Provinziallandwehrfest theilen wir heute folgenden an Herrn Rabbiner Dr. Tietz gerichteten Brief mit: „Ew. Hochwohlgeboren beehren wir uns in Abänderung unseres Schreibens vom 2. d. M. Mittheilung davon machen zu können, daß wegen anderweitiger unabweisbarer Gründe die Abhaltung der Generalversammlung und die Feier des Verbandsfestes daselbst im September d. I. nicht stattfinden kann. Wir freuen uns, damit Ew. Hochwohlgeboren Wünschen, wie solche in dem gefälligen Schreiben vom 29. v. M. erneut zum Ausdruck gebracht worden sind, nunmehr entsprechen und die Kameraden jüdischer Konfession die uneingeschränkte Theilnahme an unserem Verbandsfeste zu gelegener Zeit im nächsten Jahre ermöglichen zu können. Hochachtungsvoll Der Vorstand des Posener Proviuziallandwehrverbandes." — Ans dem Inhalt dieses Schreibens ist in erfreulicher Weise ersichtlich, daß einem am Schlüsse des Artikels in Nummer 34 d. I. ausgedrückten Wunsche in künftigen Fällen entsprochen werden wird. Hoffentlich werden auch andere Provinzen dem brüderlichen, hochherzigen Beispiele folgen. Dem Vorstände des Posener Proviuzial-Landwehr-Verbandes aber sprechen wir hiermit unseren aufrichtigen Dank ans für seine loyale Zusage. ). Rogasen, 18. August. Zn Ehren des von hier nach Berlin berufenen Rektors Herrman Cohn veranstaltete der hiesige jüdische Literaturverein gestern eine Abschiedsfeier, bestehend ans Konzert,Theater, Verloosnng und Ball. Herr Cohn war Begründer und Leiter des erwähnten Vereins. Die Theilnahme an diesem Feste war sehr rege und gab voll und ganz Zeugniß, welch großer Beliebtheit sich der Scheidende hier erfreute, und wie ungern mau ihn von hier scheiden sieht. — Dyhernfurth, 16. August. Eines Tages im Februar dieses Jahres trieb sich eine Schaar Knaben, allerlei Unfug machend, im Dyhernfurther Parke herum. Einer von ihnen, der 14jährige Arbeitsbursche Fritz Hübner, gerieth dabei auch aus den jüdischen Friedhof. Ohne Scheu vor der jedem empfindenden Menschen heiligen Stätte ließ er seinem Nebermuthe die Zügel schießen, hob von einzelnen Grabgittern die Thüren aus und bombardirte die Leichensteine mit Steinwürfen. Schließlich riß er auch noch im Parke einem Eisengitter einen starken eisernen Pfahl aus und nahm ihn mit sich, um ihn in der Stadt bei einer Trödlerin, der er sagte, er habe ihn auf der Landstraße gesunden, für 32 Pfennige zu verkaufen. Der Unfug der Burschen kam zur Anzeige, und während die Züchtigung verschiedener Anderer, die noch nicht strafmündig waren, den Eltern überlassen blieb, wurde Hübner wegen Gräberschändung und Diebstahls unter Anklage gestellt. Die Ferienstrafkammer verurtheilte ihn, da er schon zweimal wegen Diebstahls je einen Verweis erhalten hatte, zu einer Gesammtstrafe von fünf Monaten Gefängniß. Neben ihm hatte sich die Trödlerin wegen Hehlerei zu verantworten. Sie wurde jedoch sreigesprocheu, weil das Gericht annahm, sie habe glauben können, der eiserne Pfahl sei eine herrenlose Sache, die der Knabe gesunden und für sich verwerthet habe. tH Hannover, 26. August. Die Landrabbiner von Hannover, Hildesheim und Emden haben, um den Gefühlen der Trauer über den Heimgang der Kaiserin Friedrich Ausdruck zu verleihen, für den Sabbathgottesdienst in das übliche Gebet für den Landesherrn das folgende Gebet angeordnet: „Herr und Vater! Barmherziger und gnadenreicher Gott! Du hast vor wenigen Tagen in das Reich der Ewigkeit die edle Kaiserin Friedrich abberusen und durch ihren Heimgang unseren geliebten Kaiser und König mit seiner hohen Familie in tiefe Trauer versetzt. Mit dem thenren Herrscherhause weilt auch das ganze deutsche Vaterland trauernd an der Gruft der entschlafenen Fürstin, die drei Jahrzehnte hindurch eine treue Lebensgefährtin des unvergeßlichen ersten Kronprinzen im neuerstandenen deutschen Reiche, des späteren Kaisers Friedrich, gewesen, die dem Vaterlande seinen gegenwärtigen Herrscher geschenkt. Erleuchteten Geistes, warmsühlenden Herzens hienieden wirkend, hat die Verewigte in reinster und edelster Menschenliebe gar segensreich gewaltet inmitten ihrer erlauchten Familie, inmitten des ganzen Volkes, allezeit das Heil und die Wohlfahrt des Vaterlandes gefördert. Nun ist sie nach deinem unerforschlichen Rathschluffe heimgegangen in dein lichtes Reich! Laß ihre Seele beglückende Ruhe finden unter den Fittichen deiner Herrlichkeit und gedenke ihr