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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Ar- 35. Gertm, 30. August 190^ Vertage zur „Mtgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. _Berlin, 26. August. Am 19. d. M. ist auf dem Friedhöfe in Weißensee unter zahlreichem Trauergeleite ein Mann zur ewigen Ruhe gebettet worden, dem es leider nicht lange vergönnt war, der wohlverdienten Ruhe nach des Lebens Arbeit zu Pflegen. In Herrn Elieser Feilchenfeld ist im 71. Lebensjahre ein Mann dahingegangen, der, pflichlgetreu in seinem Kreise wirkend, zn den Trägern der jüdischen Wissenschaft gezählt zu werden verdiente. Als Prediger und Lehrer hat er bis zn seinem siebzigsten Lebensjahre über fünfzig Jahre mit seltener Gewissenhaftigkeit und Ueberzeugungstrene seines Amtes gewaltet und in wahrhaft seelsorgerischer Weise das Wohl und Wehe seiner Gemeinde gelheilt. Besonders hervorzuheben war seine Wohlthätigkeit, in der er, der durch und durch fromme Mann, keinen Unterschied der Konfession kannte. Wo er gewirkt hat, dort hat er, den Blick fest auf die Vorschriften der Religion und Humanität gerichtet und durch eigenen Vor- oder Nachtheil sich nicht beirren lassend, die Jugend das Wort Gottes gelehrt und ihr den Weg des Rechtes gewiesen, während er im Gotteshause mit jugendlichem Feuer in zündender, inhaltsreicher Rede seine Zuhörer belehrte und begeisterte. Hierdurch und durch seinen geraden, biederen Charakter hat er sich die Verehrung der Gemeinden, in denen er gewirkt, in hohem Maße erworben; davon zeugte auch die Betheilignng zahlreicher Mitglieder aus diesen Gemeinden, die es sich nicht versagen konnten, diesen von ihnen so verehrten Mann in aufrichtiger Trauer zu Grabe zu geleiten und ihm an seiner Ruhestätte eine Thräne des Dankes zn weihen. Die Eigenschaften des Verblichenen, sein Wirken im Hanse und in der Gemeinde hat sein Bruder, der Landrabbiner von Mecklenburg- Schwerin. Herr Dr. Feilchenfeld. in ergreifender Weise, oft von Rührung über den so schweren Verlust übermannt, geschildert und Denen, die sich mit den trauernden Mitgliedern der Familie um die Bahre des Verstorbenen geschaart hatten, das Bild eines Mannes entworfen, von dem man mit Fug und Recht sagen kann: „Das Andenken des Gerechten bleibt zum Segen!" 8. Berlin, 23. August. Das Leicheubegäuguiß des Herrn Leonhard Sachs, mit dessen Heimgang die Gemeinde eines ihrer treuesten Mitglieder verloren hat. fand am vorigen Dienstag unter zahlreicher Betheiligung weitester Kreise vom Trauerhause aus statt. All der Bahre des Entschlafenen widmete zunächst Herr Immanuel Sachs dem verstorbenen Bruder herzliche Worte des Abschieds und dankte ihm für die Liebe, die er ihm und allen Mitglieder der Familie stets erwiesen hat. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Weihe. In seinen tiefergreifenden Worten ging der Redner davon aus, daß nach einer alten jüdischen Legende die Lippen der Entschlafenen sich im Grabe zu bewegen beginnen, sobald ein schöner Gedanke, ein erhabenes Wort, das sie einst ans Erden ausgesprochen hätten, in ihrem Namen erwähnt werde, woraus sich bei unseren Alten der Gebrauch gebildet habe, nach dem Hinscheiden theurer Menschen ein Wort, das sie einst gesprochen, in ihrem Namen mitzutheilen. Er erinnerte an das aus dem Siegeslied stammende Wort, dessen sich der Verblichene oft und gern bedient: „Dieses ist mein Gott, ihn will ich Preisen, der Gott meines Vaters, ihn will ich verherrlichen," ein Satz, den allerdings der Verstorbene gern umgekehrt hätte wissen wollen, da er alles, was er von Gott, von Hohem, Frommem und Idealem in sich trage, nur seinem Vater verdanke, dessen Verehrung ihm die Liebe zn Glauben und Gemeinde gegeben habe. Leonhard Sachs habe in seinem ganzen Dasein das bethätigt, was sein edler Vater, Michael Sachs, gelehrt und gesonnen. Er sei ein Mann voll klarem und scharfem Erfassen gewesen, der ein feines Verständnis für nnser modernes praktisches Leben und seine Bedürfnisse besessen, andererseits jedoch eine geradezu ideale, sich selbst ganz vergessende Liebe für seinen Glaubell und seine Gemeinde gehabt habe. Wohl habe er unermüdlich und rastlos ein Menschenalter hindurch als Kaufmann ill der beruflichen Wirksamkeit gestanden, die er in Gemeinschaft mit dem theuren Bruder und gleichgestimmten Freunde ausgeübt, doch so sehr auch seine Zeit allsgefüllt und seine Kräfte angestrengt gewesen seien, wenn es sich um die jüdische Gemeinde handelte, habe er stets bereitwillig gesucht und gefunden die Muße zu liebevollem Eingehen selbst aufs Einzelne. Nur wenige wichtige Kommissionen ill der Gemeindeverwaltung habe es gegeben, in denen er nicht gewirkt und anstrengend mitgearbeitet hätte. Doch alle diese Aemter seien nicht im Stande, auch nur annähernd sein wahrhaft segens- und arbeitsreiches Wirken zn schildern; geradezu ein Verhältnis der Liebe habe ihn mit den Institutionell der Glaubensgemeiude verknüpft. Gleichviel ob es sich lllil Angelegenheiten der Schulen, Shnagogen und Wohlthätigkeitsanstalten oder um andere Zweige der Verwaltung handelte, überall habe er freudig, anregend, mit tiefem Verständnis; und verbindend eiugegriffen. Unbekümmert um Gegensätze, die sich ill einer religiösen Gemeinschaft leicht stärker und schärfer ausprägten. als sie in Wirklichkeit seien, habe er stets v .'rmittelnd die Anschauungen ausgesprochen, wie sie sich harmonisch in seiner Seele zusammengefunden hätten. Jahre hindurch habe der Verstorbene fast allein die höchst anstrengenden inld verzweigten Anordnungen für die vielen Festgottesdienste getroffen, deren würdige Ausgestaltung in ihrer heutigen Form und Ausdehnung vornehmlich als sein Werk bezeichnet werden könnte. Noch in seiner Krankheit, als die Fittige des Todes ihn umrauschten, hätten ihn diese gottesdienstlichen Einrichtungen mitten zwischen Psalmen- und Prophetenworten beschäftigt, voll denen seine scheidende Seele erfüllt gewesen sei. Neben der Thätigkeit in der Gemeinde habe der Verklärte noch ein stilles, reiches Wohlthun geübt, durch seinen ermunternden, wohlwollenden Rath, seine ebenso guten wie klugen Anregungen, sein unermüdliches Mitsorgen habe er unendlich Vielen dauernd geholfen, in jener herzlichen und zartfühlenden Weise, die die Wohlthat erst zu einer solchen mache, dem Worte unserer Alten folgend, daß jedes Wohlthun seinen Werth nur nach dem Mast des Wohlwollens, mit dem es geübt werde, erhalte. Zum Schluß gedachte der Redner noch der treuen und opferwilligen Freundschaft, deren der Verblichene fähig gewesen, und erinnerte mit Wehlnnth an die innigen Beziehungen, die ihn selbst mit dem Verklärten verknüpft hätten. Die Kraft für seine reiche und weitnmfassende Thätigkeit habe der Verstorbene aus seinem gesegneten und schönen Familienleben geschöpft, all der Seite einer edlen und gottesfürchtigen Gattin, im Kreise seiner Kinder und in Beziehung Zu einem großen Familienkreise, dessen Mitgliedern er stets ein kluger Berather und bereitwilliger Helfer gewesen sei. Ein imposanter Leichenzug geleitete alsdann die Hülle des Verblichenen nach dem Friedhofe in der Schönhauser Allee. Im Trauergefolge befanden sich alle hier anwesenden Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Repräseutantenversammlttng, vom Nabbinat die Herren Dr. Maybaum, Eschelbacher und Blumenthal und Vertretungen aller der zahlreichen Vereine und Institutionen, denen der Verstorbene angehört hatte. Ergreifend war namentlich zu sehen, wie auf dem Friedhofe Leute aus den einfachsten und ärmlichsten Verhältnissen schluchzend den Sarg geleiteten, ein beredtes Zeugniß der großen Liebe und Verehrung, deren sich der Verklärte in weiten Kreisen erfreute und seines stillen und segensreichen Thuns. Ehre seinem Andenken! 22 Berlin, 27. August. Hiesige Blätter melden: Die Zahl der russischen Sind eilten und Studentinnen an der Berliner Universität beträgt gegenwärtig nach amtlichen russischen Mittheilungen etwa 300. Auch die Berliner Gymnasien und Realschulen weisen in letzter Zeit ziemlich viel aus Rußland stammende Schüler aus, zumeist Söhne jüdischer Eltern, die wegen der prozentualen Beschränkungen in der Ausnahme jüdischer Schüler in russischen Lehranstalten in den Schulen ihrer Heimath nicht untergebracht werden konnten. Dies-

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