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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
Seite 420 (sequence 14)
Language
German
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420 Restaurants ist ein einzigartiger Vertreter seines Genres. Zunächst spricht er ein so gewähltes Deutsch, daß ihn mancher Universitätsprofessor darum beneiden könnte. Dann entwickelt er im Persönlichen Verkehr eine Würde, eine Höhe, die alle Vertraulichkeit entfernt, und die manchen: Gemeindeparnes als erhabenes Muster dienen könnte. Was aber am Meisten zu imponiren vermag, das ist die hohe Meinung, die er von seinem Berufe hat. Hier steigert sich unsere Achtung zur Bewunderung. Denn dieser vortreffliche Mann ist nicht etwa blos ein gewöhnlicher Restaurateur, sondern im höchsten Sinne desMortes ein Gastronom. Er nimmt es sehr ernst mit seinem Berufe, und nur selten kommt ein Lächeln über seine schönen Lippen. Er läßt sich auch durch keine Opposition vorlauter Gäste beirren, und treffend hat er einem solchen Grünschnabel kürzlich geantwortet: „Wenn Ihnen das Beefsteak nicht schmeckt, so ist das ein Fehler Ihrer Geschmacksnerven. Meine Frau und ich werden doch noch ein Beefsteak erzeugen können!" Der Mann hat Recht. Aber wenn er auch energisch in der Abwehr, so ist unser Held doch mild und gütig in der positiven Belehrung seiner Gäste. Ich war glücklicher Ohrenzeuge einer solchen, in der die ganze Größe seiner Weltanschauung erhaben zu Tage trat. „Bei nur finden Sie." — so schloß die feierliche Szene — „die sogenannte gastronomische Regie. Man kann nämlich mit verschiedenen Mitteln Verschiedenes erreichen. Wenn ich einmal mein Lokal umbaue, dann schreibe ich nicht Breslauer, nicht Berliner, sondern europäischer Komfort. Und meine hygienischen Einrichtungen können sich sogar in der Breslauer Loge sehen lassen." Man kann sich kaum denken, welchen Eindruck diese Offenbarungen auf das Gemüth des bewegten Gastes machten. Ich glaube, er hat sich sofort noch eine Portion Schalet bestellt. Aber wie alles Menschliche hienieden unvollkommen, so hat die vortreffliche gastronomische Regie des Johannisbader Hygienikers doch auch einen Fehler. Wenigstens in meinen Augen. Während ich den gastrosophischen Theorien des Mannes meine Huldigung nicht versagen kann, muß ich seine verderbliche Lehre von „höheren und niederen Mehlspeisen" auf das Entschiedenste bekämpfen. Denn, o Qual, die nieder« Mehlspeisen erscheinen mir gerade als die begehrenswerthen, während ich auf die sogenannten höheren gern Verzicht leiste. Aber ohne Zweifel ist das auch ein Fehler meiner Geschmacksnerven. Der Mann muß das besser wissen; er hat die Materie durchstudirt. Seine Gastronomie wäre allen Amtsgenossen zu empfehlen. Mit weiser Fürsorge überträgt er diese sogar auch auf die religiöse Regie, und eine große Anschlagtafel in dem improvisirten, ihm gehörigen Betlokal kündet jedem müden Wanderer, der seine Schritte hierher lenkt: „Ja hrzei te n werden im Restaura nt bestellt." Sv ist die innere ethische Einheit von Religion und Küche, über die unsere Neuorthodoxie sich vergeblich den Kopf zerbrochen, von diesem fürtrefflicheu Manne in der schlichtesten und erhabensten Weise hergestellt worden. Ach, wie ist es hochersreulich Solchen Jüngling »och zu finden, Jetzt in einer Zeit, wo täglich Mehr und mehr die Bessern schwinden 6. X. Fitterarrsche Mitteilungen. — Steinhardt, M.: Der Unterricht unserer Jugend. Ein Mahnwort an die deutsche Judenheit. Frankfurt a. M. 1901. I. Kanffmann. Es sind wahrhaft beherzigenswerthe Worte, die hierein bewährter Pädagoge zu Gunsten der jüdischen Schulen spricht. Für die. die noch zu überzeugen sind, werden hier Gründe ausgeführt, die kaum ernstlich zu widerlegen sind. Simnltanschulen giebt es tatsächlich im vollen Sinne des Wortes in Deutschland überhaupt nicht mehr; in den christlichen Volksschulen geht den Kindern der Gedanke des Judenthnms schon im zartesten Kindesalter verloren. Was bleibt also da übrig? Der Verfasser hat auch sehr recht, wenn er sagt, daß 95 Prozent der Täuflinge in ihrer Jugend sicher eine nichtjüdische Schule besucht haben. Es wäre zu wünschen, daß dieses Mahnwort überall gelesen und wahrhaft beherzigt werde. — Julius Platte: Die rumänischen Juden unter dem Fürsten und König Karl. Frankfurt a. M. 1901. Unter diesem Titel hat Rechtsanwalt Julius Plotke kürzlich an der Hand des bekannten Werkes „Aus dem Leben König Karls von Rumänien" eine aktenmäßige Darlegung der Leidensgeschichte der rumänischen Juden und ihrer Kämpfe um die konfessionelle und staatsbürgerliche Gleichberechtigung von dem Regierungsantritt des Fürsten Karl bis zu dem nunmehr zum zweiten Male erfolgten Rücktritt deS Ministeriums Carp veröffentlicht. In der Broschüre ist mit großem Fleiß das reichhaltige Quellenmaterial znsannnengetragen über die vielfachen vergeblichen Bemühungen in der Zeit vor und nach dem Inkrafttreten des Berliner Vertrags, die politische Regeneration des Landes durchzuführen. Es würde den Nahmen einer kurzen Besprechung überschreiten. wollten wir, wenn auch nur in flüchtigen Strichen, ein Gesammtbild des Inhalts der ebenso geistvollen wie interessanten Schrift entwerfen, deren Lektüre wir unseren Lesern Wohl kaum noch besonders zu empfehlen brauchen. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! (^>er Artikel in Ihrer Zeitung vom 19. Juli. „Judenverfolgungen in Chicago" von Gregorio Dastis o Jsali, giebt einen so vollständig unrichtigeil Eindruck der hiesigen Zustände, daß er im Interesse der Wahrheit der Berichtigung bedarf. Ich selbst wohne an der Halstedstraße und bin mit den Verhältnissen der jüdischen Einwanderer vollständig vertraut. Ich war anwesend bei der Massenversammlung welche im Interesse der Hausirer in Chicago abgehalten wurde. Die beider! einflußreichsten Sprecher daselbst waren Richtjuden, und es wurde besonderer Nachdruck darauf gelegt und allgemein zugegeben, daß die Belästigungen, die nur in sehr seltenen Fällen so unglückliche Resultate hatten, wie die in der sensationellen und unzuverlässigen Zeitung „Hw (UiienSo ^marienn" angeführten, sich durchaus nicht ans jüdische Hausirer beschränkten, sondern daß alle Einwanderer darunter zu leiden hatten, die durch ungewöhnliche Kleidung oder Manieren auffallend waren. Die Thatsache, daß die Belästigungen durch Schulkinder und halbwüchsige Jungen veranlaßt waren — wie Schreiber des Aussatzes selbst sagt— beweist allein schon, daß gedankenlose Freude an Unfug und nicht Neligionshaß der Beweggrund derselben war. Herr Heymann Goldberg hatte in seinen Bemühungen den besten Erfolg und wird von der Polizei und vom Schulrathe aufs Kräftigste unterstützt. Die Behauptung des Korrespondenten, daß die neu eingewanderten Juden sich fürchten, an die Polizei zu appelliren, ist vollständig aus der Luft gegriffen. Ein Besuch der Polizeistation an der Maxwellstrabe an irgend einem Tage, besonders aber am Sonnabend — ans welchen Tag sie meistens die Verhandlungen verlegen lassen — beweist, wie unwahr sie ist. Eine andere bemerkenswerthe Thatsache ist, daß Bunker- und Unionstraße fast ausschließlich von Juden bewohnt sind, und es daher sehr seltsam erscheint, daß die armen verfolgten Hausirer keine Hilfe bei ihren Glaubensgenossen finden konnten. In der That ist Chicago ebenso frei von dem Fluche des Antisemitismus wie alle anderen amerikanischen Städte; und der Artikel scheint vielmehr inspirirt zu sein durch seinen Haß gegen Amerika und den Wunsch, demselben die Sünden seines Heimathlandes zuzuschreiben, als durch Liebe für unsere jüdischen Glaubensgenossen. Chicago, 1. August. Clara Landsberg. Druck und Verlag von Ruoolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.

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