Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- Seite 419 (sequence 13)
- Language
- German
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419 obgleich ich Jude bin,sondern eben wegen meiner jüdischen Abstammung. Von der ersten Stunde unserer Bekanntschaft nannte er mich scherzhaft „mon ccnisin", und diese schmeichelhafte Benennung blieb mir während der mehrere Jahre dauernden Bekanntschaft, gleichsam als sei ich in der That sein Vetter, so daß nicht nur das Personal der Botschaft (Attache und Sekretäre), sondern auch die Bedienung bis zu dem imposanten Schweizer im goldverbrämten Dreimaster mit Federbusch und dem großen Stab mit dem goldschimmernden Knauf an dem monumentalen Eingang des Botschaftshotels mich nicht anders als le eousin äs 8vii exeollenee nannten. Unsere Bekanntschaft vollzog sich aus ganz eigenthümliche Weise. Professor Klemer nahm mich beim Arm, führte mich zu dem in der Anschauung des „Erlkönigs" versunkenen türkischen Marschall und sagte mit dem diesem Künstler eigenen Lakonismus: „Schakir — Jljisch. Ich bemerke Ihrer Exeellenz, daß mein Freund Jljisch zu der auserwählten Nation gehört. Bitte, das zu berücksichtigen und ihn demgemäß zu behandeln." (Forts, folgt., Badekriefe. Johanuisbad im Juli. ch habe in den Studienjahren einen Freund gehabt, an den ich in letzter Zeit oft habe zurückdenken müssen. Er überraschte uns nämlich eines Tages durch die Einladung zu seinem Verlobungsfeste. Ueberflüssig zu sagen, daß wir dieser landsmänmschen Einladung vollzählig entsprochen haben. Unsere kühnsten Hoffnungen auf ein vorzügliches Abendbrot» wurden da übertroffen, unsere bescheidensten Erwartungen hinsichtlich des Aussehens der Braut blieben leider unerfüllt. So bemächtigte sich denn unserer jugendlichen Geinüther eine gewisse drückende Stimmung, als wir uns empfohlen hatten. In tiefem Schweigen, wie die Mönche eines Trappistenklosters, gingen wir die Treppen hinunter. Da, am untersten Treppengeländer, ballte der erstaunte Bräutigam die Faust, klopfte mit derselben auf den Holzknopf und ries mit erhobener Stimme: „Es thut mir doch nicht leid!" Wir aber hatten weder vorher noch später ein Wort gesprochen, das ihn zu diesem Ausrus hätte veranlassen können. An diese Episode wurde ich nun hier, wie gesagt, oft erinnert. Es thut mir doch nicht leid, daß ich hierher gekommen bin, obwohl mir gute Freunde theilnahmsvoll den Puls gefühlt, als ich ihnen in schonender Weise die Absicht mittheilte, nach Johannisbad zu gehen. Ich aber sage euch heute in dem vielbewährten Brustton einer gefestigten Ueberzeugung: Es thut mir doch nicht leid! Denn Johannisbad ist wirklich schön, viel schöner als sein Ruf, zwar nicht so schön wie das wirkliche Gasten», dem es von überschwenglichen Verehrern kühn au die böhmische Seite gestellt wird, aber doch wiederum mindestens ebenso schön wie manche Sommerfrische, die auf dein Kurszettel der Sommerreisen viel höher im Werthe steht. Von einem Kranz von bewaldeten Bergen umsäumt, liegt es so abgeschlossen, friedlich und idyllisch da, daß man nur wünschen möchte, es kämen iu diese Bergeinsamkeit nicht die Menschen mit ihrer Qual, mit ihren Sorge»» und Leidenschaften, mit ihren Tugenden und Lastern. Oder sie gingen anderslvohin, etiva in die Modehöhen der Schweiz, wo von den hohen Bergen reißende Seidenkleider niederrauschen und kühl» in die Wolken die falsche Frisur der Damen ragt. Hier in Johannisbad sollte alles einfacher sein, die Wirthe wie die Gäste. Leider hat sich diese Einfachheit aber nur noch in den sogenannten Wohnungen und in den respektive»» Badekabinen erhalten. Sonst ist sie auch hier nicht mehr anzntreffen. Am wenigsten in den Preisen, die mit denen der großen und größten Bäder erfolgreich konkurriren. Nichtsdestoweniger ist Johannisbad von unseren Glaubensgenossen aus den» guten Mittelstände sehr bevorzugt. Namentlich Breslau spielt hier eine große und wichtige Rolle. Und besonders gern kommen die Rabbiner in diese liebliche S omni erfrische, rings umragt von dunklen Bergen, „die sich trotzig übergipfeln", und als deren höchster die Schneekoppe »iiit ihrer vulkanförmigen Kugelspitze mächtig aufsteigt. Allerdings wird auch hier übertrieben, und ich habe erst gestern im Prvmenadenwalde gehört, wie^ ein altdeutscher Jüngling seiner holden Maid förmlich tvie ein Geheimniß die Kunde zuraunte : „Wissen Sie, daß hier augenblicklich 16 Rabbiner sich aufhalten?" Ich kann mir denken, daß diese Schauermär der „altdeutschen" Jungfrau ein gewisses Gruseln verursacht hat. Befinden »vir uns hier doch in» Wahlreise des alldeutschen Antisemiten K. H. Wolf und in» übertragenen Wirkungskreise der „Ostdeutschen Rundschau". Nein, so viele Rabbiner waren hier nicht. Aber auch ein Drittel dieser Zahl, das der Wahrheit entspräche, würde ja schon hinreichen, den antisemitischen Unnmth hervorzurufen, während es in unseren Kreisen natürlich die völlig entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hat. Was mich speziell anbelangt, so stehe ich hier streng unter Aufsicht des Rabbinats. Auf demselben Flur wohnt ein Berliner Rabbiner; wenn ich das Fenster öffne, sehe ich in das Hauptquartier der Berliner Orthodoxie, links wohnt eil» Breslauer und rechts der andere Breslauer Rabbiner und so weiter. Merkwürdig ist dabei nur der Zufall, daß der konservative Rabbiner auf der linken und der Reformrabbiner auf der rechten Seite wohnt. Und was noch merkwürdiger: der religiöse Friede wird in unseren» Kreise fast niemals gestört. Liegt dies nur daran, daß die Vertreter der verschiedenen Parteien, die zufällig hier in» Bassin zusammen baden, wirklich gescheidte und feingebildete Männer sind? Oder hat man im Sommer überhaupt den Wunsch, die Streitaxt zu begraben und die Wintersorgen zu vergessen? Gleichviel. Die Eintracht ward hier niemals gestört — und die Wälder von Johannisbad Hallen wieder von den» Gelächter über die jüdischen Witze, die unser Kreis, den die liebenswürdigen Frauen, Witwen und Töchter von Rabbinern aninuthig schmücken, und de»»» auch der hoffnungsvolle Nachwuchs nicht fehlt, täglich neu zu erzählen oder zu produziren weiß. Nicht wenig trägt allerdings zu dieser behaglichen Stimmung die gute Verpflegung bei, deren »vir uns hier, in» Gegensätze zu so vielen anderen Badeorten, erfreuen dürfen. Schon ans den» Bahnhof iu Freiheit wird uns die frohe Botschaft zu Theil, daß »vir in Johannisbad nicht nur streng rituell, sondern auch mit allem modernen Komfort geatzt werden sollen. Und »vas uns Freiheit verspricht, das täuscht die hoffende Seele nicht. Der Besitzer des hiesigen jüdischen