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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
Seite 418 (sequence 12)
Language
German
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418 „von der Hand eines allgemein beliebten Schriftstellers" beigegeben werden. Dies veranlaßte Dr. Bloch (Nr. 69,10. Jnni) zu erklären, daß früher angekündigt worden sei, er werde eine Ausgabe der Schriften Mendelssohns herausgeben; nach der Anzeige der Wittwe werde er aber von seinem Plan abstehen und die andere Ausgabe unterstützen. Auch diese gleich »ach dein Tode von zwei verschiedenen Seiten geplante Ehrung des Weltweisen unterblieb. Die erste offizielle, nach Handschriften und Originalen hergestellte Ausgabe seiner Schriften erschien erst 1813 in Leipzig, der zwei andere, nicht von der Familie autorisirte und unterstützte Editionen 1809 und 1838 vorangegangen waren. Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. Eine Episode aus dem Leben von Robert Iljisch. II. Der türkische Diplomat. r>r dem von düsterer Poesie erfüllten Kvlossalbilde „Erlkönig" in monumentalem Goldbronzcrahmen saß ein Mann so ungefähr in der Mitte der Fünfziger, sehr bescheiden in einen langen schwarzen, ziemlich fadenscheinigen Gehrock gekleidet, der fast bis au den Hals zugeknöpft war, so daß fast kein Zeichen von Wäsche zu sehen war. Ein dichter runder, kurzgeschorener, schwarzer, stark mit Grau untermelirter Vollbart umgab ein volles, leicht von Pockennarben durchfurchtes Gesicht mit einer groben, tiefgebogenen, fleischigen, semitischen Nase, welche gleichfalls Spuren von Pockennarben aufwies. Die knrzgeschorenen, üppigen, schwarzgrauen Haare lagen platt an dem länglichen Schädel. Große schwarze Augen, in denen Herzensgüte und Lebensfreudigkeit unverkennbar leuchteten, befanden sich in seltsamem Widerspruch mit dein scheinbar gebrechlichen Aeußeren dieses Mannes, der eine srappirende, geradezu verblüffende Aehnlichkeit mit dem Thpns eines polnisch-lithanischen Rabbiners oder Magis hatte, welche Aehnlichkeit noch durch die ziemlich vernachlässigte Kleidung erhöht wurde. Schwerlich konnte Jemand in diesem untersetzten, breitschulterigen Manne im fadenscheinigen Nocke, der eine ganz vorzügliche Havannah rauchte und ganz in den Anblick der nebelhaften Erscheinungen von Erlkönigs Töchtern versunken war, die dem Knaben so verlockende Anerbietungen machten, den berühmten türkischen Feldherrn errathen, der mit so heroischer Selbstaufopferung den von nun an historisch gewordenen Schipkapaß des Balkangebirges gegen die heldenmüthigen russischen Heeresabtheilungen vertheidigte. Selbst russischerseits wurde dem türkischen Heerführer Schakir Pascha (der in der Folge zum „Muschir", d. h. Generalfeldmarschall ernannt wurde) bedingnng-Nose Anerkennung gezollt. In dem Augenblick meiner Erzählung war er bei dem Petersburger Hofe als außerordentlicher Botschafter und bevollmächtigter Minister des Padischah und der hohen Pforte akkreditirt und wurde seinem Posten als Diplomat ebenso gerecht, wie seinen Funktionen als Heerführer und bewegte sich auf dem Parkett des Kaiserpalastes mit eben der Leichtigkeit, wie ans den blutgetränkten Schlachtfeldern von Bulgarien. Ja, es war schwer, fast unmöglich, in diesem bescheidenen, nachlässig gekleideten älteren Herrn den ottomanischen Feldherrn, den Repräsentanten desBeherrschers aller Gläubigen, zu erkennen, der auf den Hvfbällen im Winterpalais in überreich mit Gold gestickter Feldmarschalluniform und strahlenden Brillantenepaulettes, die Brust mit schillernden Ordensbändern und Diamantsternen bedeckt, die Ehre hatte, als Aeltester (Doyen) des diplomatischen Korps die liebreizende, junge, in Schönheit Anmttth und Majestät erstrahlende Kaiserin in der ersten Tour der Polonaise zu führen. Schakir Pascha, dessen Bekanntschaft ich im Atelier des Professor Klemer machte, dessen häufiger Gast und Verehrer er war, zeichnete sich ganz besonders durch seine Liebenswürdigkeit und Zuversicht aus, durch seine rührende Einfachheit nnd Bescheidenheit, dank welcher Eigenschaften er alle Diejenigen bezauberte, die mit ihm in nähere Berührung traten, sowohl in den höchsten Sphären der Petersburger Gesellschaft als auch in den niederen. Er sprach fließend sranzösisch und radebrechte sogar etwas russisch, welche Sprache er besonders liebte, und deren Studium er in der Folge unter meiner Leitung eifrig betrieb. Er war überhaupt ein eifriger Anhänger Rußlands geworden, und seine zwei Söhne, charmante Knaben im Alter von 10 und 12 Jahren, wurden im Marinekorps in Petersburg erzogen. Schakir Pascha war peri-oila, gratmsima sowohl bei Hofe als auch der tine tlenr der Residenzgesellschaft. Er war kein strikter Jünger der Lehren und Vorschriften des Koran und huldigte mehr der Devise „Wein, Weib und Gesang", erfreute sich einer großen Popularität im Balletkorps, und unsere Ballerineu waren ganz entzückt von dem türkischen Diplomaten, der sie gelegentlich mit ebenso reichen als erlesenen Geschenken bedachte und sie häufig (wie auch die Vertreterinnen und Vertreter der anderen Musen) zu Diners und Soupers in eine der herrlichen Gegenden des Newaarchipels, auf eine der entzückenden, lauschigen Inseln der Newa in ein französisches Restaurant cinlud, wo der schlagfertige, gefürchtete Heerführer, der so große blutige, glänzende Siege errungen, der gewandte Diplomat, der aus dem Schachbrett der internationalen Politik so kühne Züge gemacht, die selbst professionelle ergraute Politiker in Staunen versetzten, sich in einen liebenswürdigen Wirth, einen dienstfertigen Kavalier und unterhaltenden Gesellschafter verwandelte. Bald nach dem durch den Berliner Kongreß von 1878 erfolgten Friedensschluß zwischen Rußland und der Türkei wurde Schakir Pascha auf den damals ziemlich heiklen Posten eines Vertreters der Pforte ernannt und eroberte im Sturm die Sympathien der russischen Gesellschaft. In seiner luxuriösen Wohnung am Newaquai (wo einst der bekannte jüdische Finanzier Baron Jewsel Günzburg residirt) fanden oft Routen und Bälle statt, zu denen mich der Botschafter stets mit einer freundlichen Einladung beehrte. Die besten vokalen und instrumentalen Kräfte wirkten auf diesen künstlerischen Soireen mit, die auch von der höchsten Gesellschaft mit Vorliebe srequentirt wurden. Was meine Persönlichen Beziehungen zu Schakir Pascha betrifft, so gestalteten sich dieselben von Anfang an sehr freundlich und nahmen bald einen geradezu freundschaftlichen Charakter an. Er beehrte mich mit seiner besonderen Gewogenheit, nicht.

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