Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- Seite 416 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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416 Diese Summen, deren Zinsen ausreichen müssen zur Dotirung und Pension, sollen entweder demReiche oder den akademischen Senaten der Universitäten zu diesem Zwecke übergeben werden, mit der Bedingung, daß diese Lehrstühle nur von Juden beseht werden dürfen. Ich weiß nicht, ob dieser Plan durchführbar ist, ob im Ministerium und bei den akademischen Senateil so viel Geneigtheit zu finden sein wird, daß allen Gegnern zum Trotz der Gedanke verwirklicht werden könnte. Vor einem falschen Wege möchte ich nur warnen: man frage nicht vorerst, sondern trete mit den erforderlichen Summen an den Staat heran. Es wird schon einmal der Moment kommen, in welchem man unseren Wünschen gern willfahren wird, dann sollen wir den Augenblick nicht versämnen. sondern ihn sofort benutzen können. Viele werden auch sagen, diese jüdischen Professoren werden vor leeren Bänken sprechen. Möglich, daß es heute so wäre. Aber auch bessere Zeiten erhoffen wir ja, in welchen christliche und jüdische Hörer der jüdischen Wissenschaft gern ein Stüudlein widmen werden. Vor allem wäre es aber für die jüdische Wissenschaft ein geradezu unschätzbarer Gewinn. Heute sind ihre Pfleger Rabbiner oder Seminarlehrer, beide werden von den Gelehrtenkreisen nicht für voll angesehen, besonders die Rabbiner nicht, wogegen ein Buch von einem ordentlichen Universitütsprosessor allseitige Beachtung fände. Ich denke nur an das Aufsehen erregende Buch Chamberlains. Alle Entgegnungen sind werthlvser Rauch; hätten wir aber bedeutende Universitätsprosessoren der jüdischen Wissenschaft, die würdige Antwort hätte nicht aus sich warten lassen und hätte auch Beachtung gesunden. Man dürfte mir entgegenhalten: Wir Juden haben so viele Opfer zur Abwehr und zur Wohlthätigkeit zu bringen, daß derzeit an die Aufbringung der erwünschten Summen nicht zu denken ist. Diesen möchte ich entgegnen, daß dies die erfolgreichste Abwehr bilden würde, daß sodann nicht verlangt wird, heute und morgen solle die Sache schon aktivirtwerden. Es dürfen auch zwei Jahrzehnte, wenn es sein müßte, zur Sammlung der erforderlichen Gelder verwendet werden. Aber beginnen soll man so bald als möglich. Wird es der Jndenheit gelingen, in allen Ländern an den größeren Universitäten ordentliche Professuren für die jüdische Wissenschaft zu gründen, dann wird auch eine Lieblingsidee des verewigten David Kanfmann, die Gründung einer „Akademie der jüdischen Wissenschaft", dem Bereiche der Durchführung näher rücken. Zu Mofts Mendelssohn. Von Ludwig Geiger. i. Ein Denkmal für Moses Mendelssohn in Berlin. ie Reichen Israels können ohne Sorge sein: es soll nicht an ihre Geldbeutel appellirt werden. Nur eine geschichtliche Reminiscenz sei anfgefrischt, die, wenn sie auch bald 120 Jahre alt ist, ein Augenblicksinteresse gewährt und in sehr seltsamem Gegensatz zu Urtheilen und Stimmungen steht, die heute herrschen. In Kayserlings: Moses Mendelssohn (2. Aufl. Spg. 188, S. 518 f.) steht Folgendes: „Einige Wochen nach Mendelssohns Tode bildete sich in Berlin ein Komitee, bestehend aus Engel. Biester, Nicolai, Friedländer, Herz und Anderen, das mit dem Plane umging, Leibniz, Lambert, Sulzer und Mendelssohn ans dem Opernplatze ein Monument zu errichten. Zu diesem Zwecke wurde Dienstag, den 23. Mai 1786 eine Gedächtnißfeier veranstaltet, für welche Ramler sein „Sulamith und Eusebia" dichtete, eine Kantate, welche der Kapellmeister Wessely, ein Neffe Hartwig Wesselhs, in Musik setzte." Zur Erläuterung des Vorstehenden sei Folgendes bemerkt: Mendelssohn starb am 4. Januar. Schon im Februarstück der „Allg. deutschen Bibliothek" (Bd. 65 S. 624 ff.) veröffentlichte CH. F. Nicolai eine ehrende Biographie; im Märzstück der „Berlinischen Monatsschrift", das S. 193 bis 204 einen vom 15. August 1784 datirten Aufsatz M. M's.: „Giebt es natürliche Anlagen zum Laster" pnblizirte, folgte (S. 204—216) ein zweiter, sehr schöner Nekrolog. Am Schluß dieser „Zum Andenken M. M.'s" betitelten Studie, in der eine Biographie des Verstorbenen durch Nicolai oder Engel gewünscht wird, heißt es, „daß auf der Pyramide, die auf dem Opernplatze in Berlin soll errichtet werden, und wozu Unterzeichnung angenommen wird, neben Leibniz, Lambert und Sulzer noch Moses Mendelssohns Bildniß kommen wird". Schon daraus geht hervor, daß der ursprüngliche Plan, nur den drei christlichen Philosophen ein Denkmal zu errichten, nach dem Tode des jüdischen Weltweisen erweitert wurde. (Die Notiz über das Denkmal wurde in der „Spenerschen Zeitung" (3. März) wiederholt). Aber daß wirklich der Plan älter ist, erkennt man ganz deutlich aus einem Aufruf der „Voss. Ztg." (18. März): „An die Beförderer des Guten und Schönen", in dem ans eine frühere Aufforderung (1. Juni 1785) hingewiesen und zu Beiträgen aufgefordert wurde. Wie die Zeitschriften, so würdigten auch die Zeitungen den jüdischen Weltweisen. Die „Vossische Zeitung" enthielt schon am 5. Januar an der Spitze des Blattes einen sehr würdigen Nekrolog in der folgenden Nummer (7. Januar) — die Zeitung erschien nur zweimal in der Woche — bracht sie das bekannte zweizeilige ff. Unterzeichnete Gedicht: Eine Blume, auf das Grab von Moses Mendelssohn zu werfen! Es ist ein Gott, das sagte Moses schon, Doch den Beweis gab Moses Mendelssohn. Die Nummer vom 10. gab einen Bericht über die Beerdigung — unmittelbar nach den amtlichen Nachrichten, — in dem es heißt: „Die Bahre wurde nicht von Miethlingen, sondern von seinen herzlichsten Freunden, den edelsten und gebildetsten seines Volkes getragen; die ganze Gemeinde, bis auf einige Wenige, folgte der Leiche, und während der ganzen Begräbnißzeit ruhte Handel und Wandel unter den Juden, und ihre Läden blieben verschlossen. Einige Fremde, die, blos um den großen Mann zu sehen und zu sprechen, einige Tage vorher nach Berlin kamen, und denen er zu schnell davonging, drängten sich noch in das Neinigungshaus, um wenigstens seine Hülle zu schauen und benetzten mit häufigen Thränen die Lippen und Hände, aus denen einst so viel Weisheit und Güte floß. " Auch die „Spenersche Zeitung" vom 5. und 7. Januar brachte kürzere Artikel, Würdigung und Notiz über die Beerdigung enthaltend. Während sie aber (10. Januar) folgende Warnnngsverse mittheilte: An die Verehrer des seligen Mendelssohn. Erhebt ihn; er verdient vor tausend Andern Lob, Vergeht nur nicht dabey: zu höflich, sey halb grob.