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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
Seite 415 (sequence 9)
Language
German
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> 415 Weihe, gleichsam menschliche Ausführnngsbestimniungen des Zabbaths handle. Von hier aus ist es zu verstehen, daß jede Aoth das Arbeitsverbot für den Einzelnen oder eine gewisse Anzahl von Menschen bricht; von hier aus erklärt sich das schöne, für unsere sozialen Verhältnisse wie geschaffene Wort des Talmnds: „Besser, daß du den Sabbath zum Alltag machst, d. h. seine äußere Auszeichnung unterlässest, als daß du deinem Aebenmenschen zur Last fallest" (Pesachim 112 a), und endlich nies tiefwahre andere: „Nicht ihr seid in der Hand des Sabvaths, sondern er in der euren!" (Mechilta zu 2. B. M. 31,13). Hat nicht ferner der geistige Arbeiter volle Bewegungsfreiheit am Sabbath? Und wie viele unserer Kaufleute arbeiten vornehmlich mit dem Kopfe! Landwirthschast und Viehzucht, wie sie unsere Alten vorzüglich betrieben, bringen allerdings grobe Arbeit mit sich; unser kaufmännischer Betrieb aber ist vor allem wegen seiner materiellen Tendenz so sabbathwidrig. Also nicht Arbeitsenthaltnng um jeden Preis bis zum vollen QuieusiiluS ist die höhere Forderung des Sabbaths, wohl aber Weihe, so weit irgend möglich. Harte Arbeit und Erholung sind Gegensätze, Arbeitsamkeit und Weihe sind keine. Weihe ruht nn Gemüth, sie kann über mich ansströmen, auch wenn Kopf and Hand nicht völlig unbeschäftigt sind. Wohl bleibt Freiheit wn Arbeit immer die beste Disposition für die religiöse Weihe; ann jene unter dem Zwange der bürgerlichen Verhältnisse nicht bestehen, so kann mir doch diese mit all ihrer inneren traft und Heiligung Niemand in der Welt rauben. Der obigen rhese des Verfassers stellen wir daher die andere entgegen: Wir müssen dem Sabbath mit aller Macht die Weihe zu erlalten suchen und ergänzen diese durch die staatlich eingeführte Sonntagsruhe für uns und unsere Angestellten. So haben vir gleichsam Gott gegeben, was ihm gebührt, und dem Staate, was er verlangt. Eine jüdische Universität. Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. ^^^l^an muß es dem amerikanischen Judenthume uachrühmen, daß es mit einer nur in jenen Landen möglicheu Energie und Willenskraft, aber auch mit zündender Begeisterung und Opferfreudigkeit daran geht, der jüdischen Wissenschaft bei sich eine dauernde Heimstätte und liebevolle Pflege angedeihen zu lassen. Das amerikanische Judenthum zeht zweifellos einer heranbltthenden Generation entgegen, die den europäischen Meistern jüdischer Gelehrsamkeit die Palme mtreißen wird, und Herr Singer hatte Recht, als er seine mächtige organisatorische Thätigkeit nach Amerika verpflanzt r>at, nachdem die europäischen Juden seine Anregungen wohl beifällig anfnahmen, doch sie durchzuführen sich unfähig zeigten. Mit nicht geringerer Freude als der Plan der Encyelopädie wird unter den führenden amerikanischen Juden der Gedanke einer jüdischen Universität besprochen und gefördert. Ich fürchte jedoch, daß die Errichtung einer jüdischen Universität ihren Begründern viel Enttäuschung bringen könnte, und es wäre schade, wenn ein allzu rascher Entschluß den gesunden Kern verschütten würde. Die Pflege der jüdischen Wissenschaft hat das Ziel, der jüdischen Litteratur Anerkennung und Gleichstellung innen und außen zu verschaffe». Dies Ziel erreicht sie durch den Beweis, das; die Produkte des jüdischen Wissens nicht nur eine werthvolle, sondern vielfach eine unentbehrliche Ergänzung unserer Kenntnis; des kulturellen Lebens im Alterthum und im Mittelälter bilden. Zugeben müssen wir aber, daß, mit Ausnahme der Bibel- und Talmudforschung, der Philosophie und Poesie, in welchen Fächern das Judenthum seine eigenen Wege ging, die jüdische Gelehrsamkeit wohl Vermittler und Kulturträger war, aber wenig Originalität gezeigt hat — unter den obwaltenden Verhältnissen auch nicht zeigen konnte. Wir werden es auch nicht leugnen dürfen, wenn wir nicht in zwecklosen Chauvinismus verfallen wollen, daß selbst in jenen Fächern, in denen der jüdische Geist schöpferisch gearbeitet hat, nicht alle Seiten von solchem Werthe sind, daß moderne Geister sich zu ihnen hingezogen fühlen sollten. Es muß daher die Frage aufgeworfen werden: Ist die jüdische Wissenschaft reich und mannigfaltig genug, um dauernd eine Universität beschäftigen zu können? Doch die Gründung einer jüdischen Universität hat noch andere Mängel. Vor allem kann nur eine — meinethalben in jedem Lande eine — ins Leben gerufen werden. Das ist schon ungünstig. Solches Interesse wird wohl die jüdische Wissenschaft niemals wachrufen, daß jüdische und christliche Studenten zu ihr Pilgern werden, daß Universitätshörer von Chicago ihr zu Liebe ihre Studien in Newhork aufnehmen wollten, oder daß ein Heidelberger Student ihretwegen einige Semester in Berlin verweilen würde. Ferner dürfen wir nicht vergessen, daß ein solches, von dem allgemeinen Universitätsleben abseits stehendes Institut lange Zeit gegen die vorhandene Geringschätzung wird ankämpfen müssen, daß es schließlich, abgesehen vielleicht von einigen christlichen Theologen, von christlichen Studenten gar nicht, von jüdischen sehr wenig besucht werden würde. Denn denken wir auch daran, daß die jüdische Wissenschaft kein Brodstudium ist und daß gewaltige Lorbeeren bei ihr auch nicht zu holen sind. Sie ist — und das soll sie auch sein — ein Lieblingsstudium zur Förderung der Aufklärung, der Gleichstellung, eine oft unschätzbare Ergänzung aller Wissensfächer der früheren Zeiten. Fassen wir das Gesagte zusammen, so gelangen wir zu dem Ergebuiß, daß diese sogenannte jüdische Universität nichts anderes würde als ein jüdisches Seminar, das keine Rabbinatsdiplome giebt, eine Anstalt, wie sie Geiger vorschwebte, als er die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" ins Dasein rief. Will das Herr Singer? Sicherlich nicht. Ich kann es mir vorstellen, was er will und was wir Alle wollen. Ebenso wie ein strebsamer Student außer seinen obligatorischer; Disziplinen noch die eine oder andere wählt, um sein Wissen zu bereichern, um einen glänzenden Lehrer zu hören, so soll diese jüdische Universität von Juden und Christen aufgesucht werden zur Förderung des allgemeinen Wissens. Dieses Ziel kann aber nur erreicht werden, wenn wir nicht eine isolirte jüdische Unive rsität, sondern Lehrstühle für die jüdische Wissenschaft an den Universitäten besitzen, wenn an sämmtlichen bedeutenderen Universitäten Professuren der jüdischen Wissenschaft creiert werden als ein integ ri r ende r Be st a ndtheil de ».'philosophischen Fakultät. Hier gestatte ich mir den maßgebenden Persönlichkeiten folgenden Antrag zu unterbreiten: Es werde unter den Juden so viel Gej'd aufgebracht, als noth wendig i st zur Dotirung eines Lehrstuhles für die jüdische Wissenschaft an den Universitäten Berlin, Breslau. Heidelberg, Königsberg, Leipzig und München

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