Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- Seite 413 (sequence 7)
- Language
- German
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Es ist zu rwarten, daß der zeitige Vorstand des Krankenhauses, dessen nnwilligung zur Veränderung des Statuts nach den jetzt .iltigen Bestimmungen erforderlich ist, jedes mögliche Opfer ringen wird, um die Aussicht auf ein modernes, den heutigen Ansprüchen genügendes Krankenhaus der hiesigen jüdischen Gemeinde »licht in Frage zu stellen. Die Zeit ist gekommen, da eine entsprechende erhebliche E rweiterung des bestehenden Hauses oder, vielleicht besser, eine Verlegung von seiner jetzigen Stelle mit einem totalen Neubau en Gemeindebehörden zur Pflicht geworden ist. Man ist ereit, größere Geldmittel zur Verfügung zu stellen, Gemeindeorstand und Repräsentanten sind entschlossen, ernst an die lrbeit zu gehen, und die Mitglieder unserer Gemeinde werden er» die Opfer bringen, welche erforderlich sind, um ein »serer großen Gemeinde würdiges Krankenhaus herlstellen. Unser Krankenhaus hat im letzten Jahre 1700 Kranken iufnahme geboten, etwa 10 000 Personen in seinen Polikliniken »entgeltliche Hilfe gewährt; weit über 1000 Unterstützungssuche lagen dem Vorstände zur Prüfung nnd Erledigung b; neben den sehr erheblichen Bewilligungen von Pflegeniitteln Nilch, Wein, Medikamente u. s. w.) konnte» über 15 000 Mark i arme Glaubensgenossen zu Badekuren, Landaufenthalt oder wnst zur Pflege gewährt worden. Sv hat das Krankenhaus bis auf den heutigen Tag inueralb unserer großen Gemeinde die Grundsätze verwirklicht, die ebote der Menschenliebe erfüllt, wie solche im Judenthum iedergelegt sind, und wenn man nunmehr nach 40 Jahren arm» geht, eine den zeitigen Ansprüchen und Bedürfnisseil ntsprechende neue Anstalt zu errichten, so geschieht dies in der rkenntniß der hohen Aufgaben, welche gerade das Krankenhaus für unsere Gemeinde zu erfüllen berufen ist. Muhe dem Ruhetage! Von Rabbiner Dr. Samuel in Essen. I. uch auf geistigem Gebiet gilt das Gesetz, daß starre Ruhe auf Tod, Bewegung auf Leben deutet. Aber 0^' ein anderes ist natürliches, fröhlich sich entwickelndes eben, ein anderes ein künstliches Beleben. Beschästigen wichtige lagessrageu die Geister, so kann lebhafte, vielseitige Diskussion iner Sache nur nützen; ist aber eine fühlbare Erschöpfung »»getreten, ein merkbarer Höhepunkt erklommen, dann kann i» erneutes Aufrollen der Sache, ein Jnfragestellen des Anerkannten und Antasten des erstrittenen Besitzes nur zur Verwirrung der Köpfe führen. Ganz besonders gilt dies von religiösen Fragen. Wie es heilsam ist, sich nach gefälltem ürtheilsspruch zu beruhigen und vor allzu schneidender Kritik der Justiz zu Hüter», so soll man eine irgendwie autoritativ rgangene religiöse Entscheidung respektiren und ihr nicht iofort seine Privatmeinung entgegensetzen. Die große Menge hält bekanntlich in Frage gestellte religiöse Instanzen einfach für abgethan und erledigt, und handelt ohne viel Säumen danach. Viel richtiger ist es, die zum Siege gelangte Ueberzeugungsstnfe sich befestigen, und wenn innerlich »vahrhastig, sich bewähren zu lassen. Kann sie das nicht, so wird sich immer noch schnell genug Stoff gegen sie ansammeln, und bei erneutem Waffeugange ein heilich Feuer den Schwertern entsprühen. Als vor einigen Monaten die Frage des Sonntagsgottesdienstes von der Berliner Gemeindevertretung in ablehnende»»» Sinne entschieden war, glaubten »vir an einen Waffenstillstand. Ans beiden Seiten waren die Kräfte aufs Höchste angespannt gewesen; Herr Levinstein hatte durch seine Broschüren für den Sonntag Stimmung geinacht, die Liberalen ihn ins Wahl- Programm anfgenommen; aber auch die Freunde des Sabbaths, darunter durchaus liberal denkende Männer, waren eifrig an der Arbeit gewesen, und ein Gutachten des Berliner Rabbinats gab der Diskussion die wissenschaftliche Grundlage. Früher gingen solche Gutachten von einen» Ende der Erde bis zum anderen, und lautester Widerhall antivortete ihnen. Jetzt werden sie fast unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abgegeben und in» Aktenstaub begraben. Mag das gut sein, ivozu es »volle, der Effekt lehrte jedenfalls, daß die Loosung des Gutachtens Ruhe dem Ruhetage war, und die Forderung Heilighaltung des Sabbaths hieß. Da mußte es befremden, in den bald darauf erschienenen „Mittheilungei» des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Berliner Gemeinde" (April 1901) ii» einem Aussatz: „Der Sountagsgottesdienst" eine neue Alifrollung der Frage zu finde». Mag der ungenannte Verfasser auch seinem Versprechen eitler „ruhigen und sachgemäßen Behandlung" des Gegenstandes, die obiges Organ überhaupt auszeichnet, treu gebliebe»», ja vielleicht gar zu voraussetzunglos vorgegangen sein, so sollen doch diesmal seine Ausführungen nicht ohne eine ebenso ruhige und sachliche Entgegnung bleiben. Wir gehen wohl in der Annahme »icht fehl, daß den ineisten Lesern der Mittheilungen auch diese Blätter zu Gesicht kommen; vielleicht aber nicht umgekehrt. Wir halten uns also zunächst an den Gang des Artikels. Der Verfasser weist es vor allen» ab, daß der Sonntagsgottesdienst die völlig mit der Religion Zerfallenen ins Gotteshaus zurückzwingeu »volle. Diese Unmöglichkeit geben wohl Alle zu. Dagegen sei er ein nolhivendiges Bedürfnis; für alle Diejenigen, die durch de»» Zwang der Verhältnisse daran gehindert sind, dem Sabbathgottesdienste anzuivohnen, obwohl sie nach einen» solchen Verlangen tragen. Jenen Zwang schildert der Verfasser in krassen Farben. Da sei der Kaufmann, dessen Geschäft am Sonnabend am lebhaftesten pulsirt, der Angestellte darin, vernicht entbehrt werden kann, der Handwerker, der seine Werkstatt, der Fabrikarbeite»', der seine Fabrik »licht verlassen könne. Zudem seien »vir doch eifrig bestrebt, auch die thatsächliche bürgerliche Volleinanzipativn zu erkämpfen; alsdann wird aber der Jude in allen Zweigen der Ver»valtung und des Dienstes anzutreffen sein und sich dem gewöhnlicheil Geschäftsgänge, der nur einen Sonntag kennt, unterzuordnen haben. So dränge denn alles daraufhin, den staatlich sozialen Ruhetag auch mitzufeiern, d. h. für unsere religiösen Bedürfnisse nutzbar zu machen. Eine oder zwei unter den jetzigen Umständen abgerungene Sabbathstunden aber schlägt der Verfasser für nichts ai», weil ihnen die geistige Sammlung fehlen würde. Wir meinen nun freilich, daß unsere Geschäftsleute auch am Sonntag noch so in Anspruch genommen sind, daß