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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-30 · Heft 35 (30.8.1901) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
Seite 412 (sequence 6)
Language
German
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412 Zirm 40 jährigen Gestehen des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde in Seriin. ^vl^or 40 Jahren, am I. September 1861, fand die Einweihung des heutigen Krankenhauses der jüdischen Gemeinde in Berlin, Auguststraße 14/16, unter großer Feierlichkeit statt. Echt jüdischer Sinn, Menschenliebe nnd Opferwilligkeit hatten sich in schönster Weise bethätigt, um ein Werk zu schassen, welches, allen damaligen Anforderungen Rechnung tragend, allen Bedürfnissen. für die Pflege der Kranken entsprechend, von den hervorragendsten Fachautoritäten als eine Musteranstalt bezeichnet worden war. In seiner „Das neue Krankenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin" — Berlin 1861 — betitelten Arbeit hebt der königliche Geheimrath Dr. C. H. Esse alle Vorzüge betr. Lage der Anstalt, Entwässerung, Wasserversorgung, Einlheilung der Krankenräume nnd deren Einrichtung hervor, nnd mit Befriedigung blickten die Begründer und Förderer der neu errichteten Anstalt mit der ganzen Gemeinde auf das in dreijähriger rastloser Arbeit geschaffene Werk. Vierzig Jahre sind dahingegangen, die Zahl unserer Gemeindemitglieder hat sich versechsfacht, die Zahl der aufgenommenen Kranken hat sich von 300 im Jahre 1861 auf 1700 im letzten Jahre, die der Verpflegnngstage von 15 000 ans 77 000 erhöht; in dem Verhältnis; mußte auch eine Vermehrung des ärztlichen Personals, der Beamten, des Dienst- und Wartepersonals erfolgen. Entsprechend der so gestiegenen Zahl der Verpflegungstage trat selbstverständlich auch eine Steigerung des erforderlichen Gemeindezuschusses, und zwar von 15 000 Mark im Jahre 1862 auf 49 000 Mark im letzten Rechnungsjahre ein; indessen hat sich derselbe nur etwas mehr als verdreifacht, während die Zahl der aufgenommenen Kranken (von 300 auf 1700) sich fast versechsfacht hat. Es ist beachtenswerth, das; im Jahre 1901 im Krankenhanse 682 arme Mitglieder der jüdischen Gemeinde in 23 049 Verpflegungstagen ausgenommen waren, deren Kosten, zu dein üblichen Einheitssatz von 2,50 M. berechnet, 57 622 M. ausmachen und den erforderlich gewesenen Zuschuß seitens der Gemeindekasse von ca. 49 000 M. erheblich überschreiten. Dieser günstige Umstand konnte nur dadurch bewirkt werden, das; infolge sehr erheblicher Zuwendungen an das Krankenhaus eine wesentliche Vermehrung des Kapitalvermögens eintrat, dessen Zinsen für die Bedürfnisse der Anstalt Verwendung finden. Während bei der Eröffnung des heutigen Krankenhauses der Vorstand ein Kapital von 220 000 Mark Vorstand, schließt der Rechnungsbericht für 1901 mit einem Gesammtvermögen von 1 482 000 Mark ab, in welcher Summe ca. 782 000 Mark für Bettstiftungen und ca. 431000 Mark für Stiftungen mit besonderen Bestimmungen enthalten sind, deren Zinsen sämmtlich für Zwecke des Krankenhauses, resp. zu Gunsten armer Kranker Verwendung finden. Ein solches erfreuliches Anwachsen des Anstaltskapitals legt ein beredtes Zeugniß von der Werthschätzung und dem Interesse ab, welches in weiten Kreisen unserer Gemeindemitglieder dem Krankenhause entgegengebracht wird, und wir glauben hoffen zu dürfen, daß dieser Opfersinn auch in Zukunft nicht erlahmen wird. Vierzig Jahre sind dahingegangen. Dank der Opferwilligkeit der Gemeindebehörden, den Bemühungen des Vorstands und dem Eifer der dirigirenden Aerzte ist es möglich gewesen, wesentliche Verbesserungen und auch Erweiterungen auszuführen, diejenigen Hilfsmittel bereit zu stellen, ohne welche ein Krankenhalls bei dem heutigen Stand der medizinischen Wissenschaft eine ersprießliche Thätigkeit nicht ausüben kann. Jsolirbaracken für sämmtliche Infektionskrankheiten wurden errichtet, alle erforderlichen Desinfektionseinrichtungen geschaffen, die Wirthschaftsräume sind entsprechend erweitert, Arbeitszimmer für ärztliche Untersuchungen eingerichtet worden. Durch Hinzuuahme des früheren Siechenhauses konnte der Poliklinik einige Räume zngewiesen, auch einem Theil des Personals bessere Schlafräume gewährt werden. Den gewachsenen Aufgaben entsprechend, hat der Handbetrieb dem mechanischen Betriebe Platz gemacht; mechanische Wäscherei, elektrisches Licht, Speise- und Personeilaufzüge sind jetzt vorhanden, kurz, was geschehen konnte, ist geschehen, aber Vollkommenes konnte nicht erreich! werden. Mit dem Vorstande des Krankenhauses erkennen auch du Gemeindebehörden an, daß alle die im letzten Jahrzehnt ge troffenen Verbesserungen nicht ausreichen, um unserem Krankenhause im Sinne einer modernen mustergiltigen Heilanstalt den Platz wieder zu erringen, den das jetzige Haus bei seiner Einweihung vor 40 Jahren zweifellos eingenommen hat Kommen doch seltsamerweise aus Kreisen der Repräsentanten Versammlung Klagen über fehlende Einrichtungen von weitgehendsten Ansprüchen; es werden Wünsche laut auf Errichtung einer besonderen Kinderabtheilung, einer selbständige» von den anderen Abtheilungen getrennten gynäkologischen Station; eine Entbindungsanstalt soll eingerichtet werden, ja von einer Seite wurde sogar die Einrichtung einer größeren bakteriologischen Anstalt im wissenschaftlichen Interesse gefordert. Warum denn nicht?! Auch die Errichtung einer Klinik für Augen- und Ohrenkranke, für Erkrankungen des Nervensystems wäre zweifellos im Interesse unserer armen Glaubensgenossen ein Segen und gereichteil dem Krankenhausc nicht zur Unehre. Aber ein schweres Unrecht begeht Derjenige, welcher aus dein Fehlen dieser Spezialabtheilungen der Leitung des Krankenhauses einen Vorwurf machen will; ist doch ein zufällig einberufenes stellvertretendes Mitglied der Repräsentantenversammlung in durchaus zu mißbilligender Weise so weit gegangen, wegen des Fehlens einer besonderen gynäkologischen Abtheilung die ganze Verwaltung als verknöchert und rückläufig zu bezeichnen. Hierbei sei bemerkt, daß gynäkologische Fälle jederzeit durch die dirigirenden Aerzte des Krankenhauses, Herren Professor Dr. Israel und Lazarus, sachgemäße Behandlung finden, und daß mit Ausnahme der königlichen Charite, welche damit spezielle wissenschaftliche Zwecke für das Studium der angehenden Stabsärzte verfolgt, in keinem städtischen oder privaten Krankenhause Berlins derartige Spezialabtheilungen bisher bestehen. Die jüdische Gemeinde aber, als eine auf die Mittel ihrer steuerzahlenden Mitglieder angewiesene Glaubensgemeinschaft, wird im Hinblick auf die sonstigen großen Aufgaben für gottesdienstliche Einrichtungen, Unterrichts- und Armenwesen stets bedacht sein müssen, ihre Anstalten zwar auf der Höhe zu halten, aber nicht über das Maß des absolut Nothwendigen hinaus anSzudehnen.

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