Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- Seite 408 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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408 kämpfen haben. Die Zahl der schulpflichtigen Kinder beträgt augenblicklich 19. Seit einer Reihe von Zähren besteht in Liugen die israelitische Volksschule, deren Existenz als ein lauge gehegter Wunsch der Gemeinde endlich durch einen Zuschuß seitens der königlichen Negierung ermöglicht wurde. Trotz der aiiderweiten. auch regierungsseitig des öfteren anerkannten schweren Belastung der Gemeinde sind finanzielle Schwierigkeiten erheblicher Art bezüglich der Erhaltung der Schule zunächst nicht aufgetaucht. Erst als infolge des Lehrerbesoldungsgesetzes vom 3. März 1897 das Gehalt des Lehrers von: Bezirksausschuß auf 1200 Mark. 160 Mark Alterszulage und -100 Mark Miethsentschädigung festgesetzt wurde, begannen die Aussichten für die Zukunft der Schule trübe zu Werdern Um dieses Gehalt aufzubringeu, hätte die Gemeinde trotz des Zuschusses der Negierung etwa 800 Prozent der Staatssteuern als Synagogen- und Schulsteueru erheben müssen. Es ist selbstverständlich, daß die kleine und arme Gemeinde Liugen diese Steuern nicht aufbringen konnte, denn die Erhebung derselben wäre gleichbedeutend mit dem finanziellen Nuin der Gemeinde gewesen. Der Lehrer Popper, der dieses damals auch einsah. schloß im Einverständnis; mit Herrn Landrabbiner Dr. Löb mit der Gemeinde einen Vertrag, wonach derselbe insgesammt ein Einkommen von 1200 Mark erhielt. Während dieser Zeit waren seitens der Gemeinde fortwährend vergebliche Versuche gemacht worden, durch Eingaben bei der königlichen Negierung einen höheren Zuschuß zu erwirken. Auch die Beschwerde der Gemeinde gegen den Beschluß des Bezirksausschusses in Osnabrück, wonach die Gemeinde Liugen der obersten Theuerungsgruppe zugewieseu war. wurde durch Beschluß des Provinzialraths in Hannover verworfen; in den Gründen dieses Beschlusses heißt es unteranderem: ..Die Rücksicht auf die sehr geringe Leistungsfähigkeit der Gemeinde ist hier nicht maßgebend, da es der Gemeinde jederzeit freisteht, ihre besondere Schule wieder eingeheu zn lassen." Diesem hier so offen ausgesprochenen Nathe ist jedoch damals noch nicht gefolgt worden, vielmehr hat die Gemeinde, allerdings ohne Erfolg, weiter gekämpst. Als dann vor einiger Zeit der Gemeinde angekündigt wurde, daß die definitive Anstellung des Lehrers Popper seitens der königlichen Negierung beabsichtigt werde, hat der Vorstand sich nochmals mit Eingaben au das Landrabbinat und die Negierung gewandt und darin betont, daß die Gemeinde ohne erhöhten Zuschuß das Gehalt des Lehrers bei dessen definitiver Anstellung nicht zahlen könne, sie vielmehr in dieseni Falle die Schule schließen müsse. Diesen Vorstellungen ist jedoch nicht stattgegeben worden, vielmehr erfolgte dann die definitive Anstellung des Lehrers. Als wesentlich ist noch zu erwähnen, daß der bisherige Zuschuß der königlichen Negierung infolge der vielfachen Abzüge in den beiden letzten Vierteljahren nur noch in Höhe von je 16 Mark ausgezahlt wurde, also beinahe völlig illusorisch war. Da nach seiner definitiven Anstellung der Lehrer, was gewiß sein gutes Recht war. auch sein volles gesetzliches Gehalt beanspruchte, so war es einfach ein Akt der Selbsterhaltung, als die Gemeinde den Beschluß faßte, die Schule aufzulösen. Mau mag hierüber urtheilen, wie mau will, jedenfalls wird mau nach meinen Ausführungen die Motive dieses Beschlusses verstehen können. Auf persönliche Anspielungen eiuzugehen. habe ich keine Ursache. Meiningen, den 12. August. Hochachtungsvoll Sall y H a nauer, Referendar am Landgericht Hannover. Hoehverehrliche Redaktion! §ss?^it freudiger Genugthuung las ich in Ihrem geschätzten Wochenblatte, daß mau in jüdischen Kreisen ansängt, sich für die sogenannten produktiven Berufe, d. h. Handwerk und Landwirthschaft, mehr als früher zu interessireu. Ich bin in der Lage, die herrlichsten Beispiele dafür anzuführen, daß Juden als Ackerbauer die schönsten Aussichten für ihren Unterhalt haben, und gleichzeitig, um den Herren Antisemiten mit ihrer gemeinen Redensart entgegenzutreten, die Juden seien zu faul, sich an der Landwirthschaft persönlich zu betheiligen, mögen mir folgende Ausführungen gestattet sein: Bei uns im schönen Nheinlaude — und ich bitte die Herren Antisemiten und Jeden, der sich dafür interessirt, sich persönlich davon zu überzeugen — giebt es Hunderte von jüdischen Ackerbauern, die mit viel Fleiß und Schweiß der landwirthschastlichen Arbeit ergeben sind; allerdings betreiben sie meistens einer; kleirrerr Viehhandel oder dergleichen nebenbei, aber ihre Hauptbeschäftigung ist und bleibt der Ackerbarr, denn von dem bischen Handel würden sie vielfach kaum sich, geschweige denn ihre Familien ernähren können. Als Beispiel kanu ich zunächst meinen Heimathsort Flamersheim - Rheinland nennen, ein Dorf voll ca. 1500 Einwohnern mit ungefähr 20 jüdischen Familien. Diese sind alle ohne Ausnahme in erster Linie Kleinbauern, und pflügen, ernten, säen alle selbst; meine Brüder z. V. führen selbst Sense und Gabel, und ich freue mich stets, wenn ich nach Hause komme, wie gerade die jüdischen Aecker so mustergiltig bestellt sind, wofür ich auch ein Beispiel anführeu kann: Vor zwei Jahren gab mein Vater die Pacht eines Ackers, die er neun Jahre laug gezahlt hatte, auf; damals gaben unsere Nachbarn sich alle Mühe, dies Stück Land in Pacht zu bekommen, weil sie wußten, daß es so vorzüglich in Stand gehalten war, wie sie uns selbst zugestauden. Die Bauern meiner Heimath gestehen offen ein, daß die Juden die fleißigsten Landarbeiter sind und eine Art Wettbewerb unter der landwirthschastlicheu Bevölkerung meiner Heimath hervorgerusen haben. Sie können Dorf für Dorf meiner rheinischen Heimath durchwandern: wo Juden sind, giebt's jüdische Ackerbauern, das heißt solche, die mit eigener Hand den Pflug leiten, das Korn einfahren. Bienenzucht betreiben, Kühe melken und sich überhaupt vorn christlichen Bauer nicht äußerlich unterscheiden. Denn eine geradezu ideale Eintracht herrscht bei uns Bailern am Rhein zwischen den verschiedenen Konfessionen und Religionen; bei uns findet mau auch nicht jenen Geist der Ueberhebung, wie er anderswo so oft hervortritt. Jeder jüdische Bauer im Rheinland, der Christen im Dienst hat, oder umgekehrt bei diesen arbeitet, sitzt zusammen mit seinem Nachbar am selber; Tisch, redet mit ihm in seiner Sprache, singt seine Volkslieder, feiert seine Feste mit und tritt seinen Vereinen bei; so sirrd in meinem Heimathsort vielc Juden Mitglieder des dortigen Bienenzuchtvereius. des Mannergesangvereins, des laudwirthschaftlicheu Vereins für Nheinprenßen. Sie achten den Mitbauern christlichen Glaubens und Werder; vor; ihm geachtet, und nur hin und wieder macht sich vereinzelt ein antisemitischer Gifttropfen bemerkbar. Ich schließe mit der Hoffnung, daß unsere jüdischen Mitbürger es unserem rheinischen Beispiele nachmacheu und, so viel es ihnen möglich ist. sich Grundbesitz zu pachten oder zu kaufen suchen als Kleinbauern mit eigener Hand. Vernunft und Fleiß au die Sache heranzugehen, sich in landwirthschastlichen Dinger; belehren zu lassen Inder;, werdet Bauern, dann wird der Antisemitismus sinken ihr werdet ihn mit Sichel und Sense eher uiedermähen als durcl tausend Vereine, Reden und Schriften. Werdet Bauern! Berlin, 6. August. Hochachtungsvoll Hugo Oster. Sehr geehrter Herr Redakteur! Alu seiner Notiz in Nr. 20 beruft sich Herr Braiuin auf Kaplans Biographie Mapus, wo die angebliche häßliche Handlungsweis Dr. Bambergers als Faktum erzählt sei. Er habe durch Hinzufügunc der Worte „man erzählt" das Peinliche dieser Darstellung abzu schwächen gesucht. Aber auch Kaplans Erzählung, die den Stempe der Erfindung trägt, berichtet über den Vorgang auf Grund eine Gerüchts. Das „man erzählt" findet sich bereits bei Kaplan. Brainü hat sonach eine Verleumdung kritiklos nachgeschrieben und den Versucl gemacht, durch eine Unwahrheit die Verantwortung für dieselbe vor sich abzuwälzen. Herr Brainin wird in Zukunft mit derartigen An griffen hoffentlich vorsichtiger sein. Königsberg i. Pr., 9. Juli. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Hermann Vogel stein. 4 Zu meinem Artikel in Nr. 32 habe ich folgende Berichtiguuge: nachzutrageu: S. 380, Sp. 2, Zeile 24: statt den derer;; Zeile 30: statt den den: den des. S. 381. Sp. 1. Zeile 25: statt ärmeren äußeren; Zeile 13 v. statt Summen Summe; Zeile 10 v. u. statt der Universitätsgebäude, der: des Un i v er s i t äts ge bä u d e s das; Sp. 2, Zeile 19: statt Festakte Festmahle; Z. 3 v. u.: Z" dienen hat. Prof. Dr. Bacher. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dw Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.