Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- Seite 406 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228454--57853-3294261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 5× ep/1004827
OCR text
LOK Judenfrage und dem uralten Sündenbock der Menschheit — dem Judenvolke. Also — ich beginne, wie es in dem Prologe zu der bekannten Oper von Leoncavallo heißt. (Fortsetzung folgt.) Die lobte Saison. Sehr geehrter Herr Redakteur! sehr gemischten Gefühlen habe ich mir den Inhalt Ihres liebenswürdigen Schreibens zn Gemüthe geführt. Ich war aufrichtig erfreut darüber, daß Sie meine werthvollen Berichte vermissen, und ich bin herzlich betrübt, weil ich nicht in der Lage bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen und Ihnen Neuigkeiten aus unserm jüdischen Gemeindeleben zu berichten. Wie gern hätte ich Ihnen wieder den üblichen Borwurf gemacht, daß Sie wieder einmal eines der wichtigsten Ereignisse innerhalb der deutschen Judenheit Ihren Lesern verschwiegen haben! Aber es ist nichts los. Gar nichts. Kein Parnoßimtag, keine Rabbiner-Versammlung, keine Litteraturvereinssitzung, keine Rabbinerwahl. Meinen Badebrief habe ich Ihnen auch schon geschrieben. Wir sind eben in der tobten Saison. Das zeigt sogar ein oberflächlicher Blick in Ihr geschätztes Blatt. Und da soll ich Ihnen Leben in die Bude bringen? Nein, so schmeichelhaft für mich auch Ihr Wunsch sein mag, er kann nicht ernst gemeint sein. Denn auch in unserer Gemeinde, in der doch bekanntlich immer die bedeutsamsten Dinge passiren, ist die tobte Saison eingekehrt. Unsere Synagoge weist am Sabbath noch mehrleere Plätze auf wie gewöhnlich — und das will viel sagen! — Sämmtliche „Spitzen" unserer Gemeinde sind unsichtbar, unser Herr Oberparnes mit allen Unterparnoßim ist verreist, unser Herr Rabbiner, dessen Redseligkeit allen Gemeindemitglledern ein wahrer Schrecken ist, schweigt in allen Sprachen, und unser vielgeliebter- Herr Chasan schont sich. Wie ein unamschränkter Selbstherrscherwaltet allmächtig der Schames. Sogar den Vorbeterdienst darf er ausüben. Im Laufe des Jahres ist das nur an gewöhnlichen Wochentagen sein Recht und seine Pflicht. Und da geschieht es zumeist unter Ausschluß der Oeffentlichkeit- An den Sabbathen strahlt unser Herr Chasan im Glanze seiner Herrlichkeit. Aber jetzt, in der tobten Saison, da hat auch an den Sabbathen unser Herr Chasan dem Schames huldvollst das Feld geräumt. Selbstverständlich war unser Herr Chasan ans einen würdigen, wirkungsvollen Abgang für sich bedacht. Sein letztes Auftreten vor den großen Ferien worein Jubiläum. Er hat zum 500. Male in unserer Gemeinde denselben loelio äoäi gesungen. Bei dem großen Entzücken unserer Gemeinde für unfern Herrn Chasan, das unserer Jugend schoil mit der Muttermilch eingegeben wird, und unsere Alten bei jedem Schrei des gottbegnadeten Meisters in zügelloser Begeisterung schwärmen läßt, bei diesem großeil Entzücken, von dem ich Ihnen schon oft wahrheitsgemäß berichtet, blieb dieses seltene Ereigniß, dieses einzigartige Jubiläum, dieser deutlichste Zeuge der Leistungsfähigkeit und Schaffensfreude unseres Herrn Chasan nicht ungefeiert. Sein Betpult war mit den kostbarsten Blumen geschmückt; vor Beginn des Gottesdienstes wurde der Jubilar von dem Herrn Oberparnes und sämmtlichen Unterparnoßim unter Vorantritt der Schuljugend in festlichem Zuge zur Synagoge geleitet. Unser Herr Rabbiner war von dem Herrn Oberparnes in einem amtlichen fest versiegelten Schreiben aufgefordert worden, zur Feier des Tages eine seiner besten Festpredigten loszulassen, und es war ihm aufgegeben worden, den Herrn Chasan als Muster von Fleiß und Pflichttreue, als wahre Säule des Judenthums und Retter echter Religiosität zu feiern. Natürlich fand ein „festlichster" Festgottesdienst statt, bei dem es allgemein auffiel, daß der zum 500. Male vorgetragene leelio äcxli sowohl vom Herrn Chasan als auch vom Chor auswendig gesungen, vom Organisten auswendig begleitet und vom Orgeltreter mit geschlossenen Augen getreten wurde. Sämmtliche Gemeindemitglieder sandten dem Jubilar werthvolle Geschenke, und bei dem zu Ehren veranstalteten Bankett, an dein die ganze Gemeinde theilnahm, wünschte der Herr Oberparnes in seiner wohldurchdachten, ergreifenden Festrede dem Herrn Chasan a. a., daß es ihm vergönnt sein möge, die tausendste Wiederkehr des denkwürdigen Tages in Frische und Gesundheit zu erleben. Als Anerkennung habe ihm die Gemeindeverwaltung — d. i. der Herr Oberparnes — den Titel „Oberkantor" und eine Gehaltsaufbesserung von 1000 Mark zugebilligt. Gerührt dankte der Jubilar. In seiner bekannten Bescheidenheit wies er die Anerkennung als unverdient zurück, nahm aber selbstverständlich den bewilligten Titel und die 1000 Em an und versprach, den längst in Aussicht gestellten Vortrag im Litteraturverein im nächsten Winter bestimmt zn halten, worauf ihm der Vorstand des Litteratur- Vereins — d. i. der Herr Oberparnes - pränumerando eine Gratifikation von 500 Mark gewährte. Die ganze Gemeinde schwamm in Wonne. Abgesehen von unserm Herrn Rabbiner und dem Schames, die in unserer Gemeinde keine Autorität besitzen, inachte nur unser Religionslehrer ein saures Gesicht. Denn dieser mußte unwillkürlich daran denken, wie sein mehr als 25 jähriges segensreiches Wirken in der Gemeinde so ganz anders (nämlich gar nicht) gewürdigt wird. . . Das ist eben der Lauf der Welt in unserer Gemeinde. Nach diesen rauschenden Festtagen werden Sie, geehrter Herr Redakteur, uns Alle» die todte Saison von Herzen gönneil und nicht zum mindesten Ihrem Löb Korach. Fitterarische Mittheilungen. --- Unlllri's Impression ok ttie ObernmmerAuu Passion von Rabbi Jos. Krauskopf, Philadelphia. Edward Stern and Co.. 1901. „Die Eindrücke, die ein Rabbiner von dem PassionsspieL in Oberammergau empfing", ist ein Buchtitel, dem bei der nach der Natur der Dinge durchschnittlich ablehnenden Haltung der Rabbiner allen Darstellungen der Passionsgeschichte gegenüber ein sensationeller Beigeschmack nicht abgesprochen werden kann. Da die Oberammerganer Passionsspiele anfangen, zu den Vorführungen zn gehören, die „Ulan" ansieht, ohne eine besondere innere Veranlassung dazu zu haben, sowie „man" die Bayreuther Festspiele sieht, ohne ehrlichen musikalischen Antrieb, so ist es sicher ein sehr dankenswerthes Unternehmen des Dr. I. Krauskopf in Philadelphia, die Passionsspiele zu sehen und freimüthig zu sagen, welche verderbliche Wirkung sie haben müssen, und welche Bedeutung ihnen vom speziell jüdischen, sowie vom allgemein christlichen und historischen Standpunkt beizulegen ist. Denn die Oberammerganer Darstellung der Leidensgeschichte „des großen Juden von Nazareth" ist in ihrer elementaren Wirkung auf die Menge nur zu sehr geeignet, durch absichtliche und traditionelle Unrichtigkeiten zu einer Vertiefung gehässiger Gefühle gegen die Juden zu führen.