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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-23 · Heft 34 (23.8.1901) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
Seite 402 (sequence 8)
Language
German
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402 sprach am angelegentlichsten von zwei hervorragenden Männern des Judenthums, von Ludwig Philipps vn und von Gabriel Ni eher, deren Wirken er bis all sein Lebensende würdigte. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthmns", von Philippson begründet, fand kurz nach ihrem erstell Erscheinen in Jsler einen treuen Mitarbeiter. Im März 1828, im II. Jahrgang der Philippson'schen Zeitung, hatte Jsler gediegene Aufsätze „über Errichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät" veröffentlicht, auf die er in seinem Verkehr mit mir oft zurückkam. Desgleichen sprach er mit besonderer Vorliebe von den Jahren, da Nießer als erster Vorsteher des neuen Tempels seine stilistisch meisterhaften Eingaben an die Hambnrgischen Behörden, leider mit wenig Erfolg, gerichtet hatte. Ich sage: mit besonderer Vorliebe, weil Jsler Rießers Begeisterung für das Judenthum gerade in den Perioden der Aussichts-und Erfolglosigkeit seiner hingebungsvollen Arbeit an seine Lebensaufgabe am meisten imponirte. In diese Zeitperiode fällt der Entschluß des wohl nicht in seiner Begeisterung erschlafften, aber über die tumuttuvse Störung seilles edlen Wirkens (anläßlich des Alster Kaffeekrawalls im August 1835) aufs höchste entrüsteten Nießer, Hamburg zu verlassen und nach Kurhessen, wo er Bürger werden und als Rechtsanwalt den Bedrückten ihr Recht verschaffen durfte, zu gehen. Er wählte das Frankfurt sehr nahe gelegene kurhessische Städtchen Bockenheim zu seinem und seiner Falllilie Wohnsitz. Kurz vor seiner Abreise verbilligten sich die Auserwähltesten der 10 000 rechtlosen Juden, die damals in Hamburg ansässig gewesen, um dem großen Streiter für die Ehre Israels eill schwaches Zeichen der Liebe und Verehrung an den Tag zu legen, wobei sie dem Schmerze über Rießers Fortgang, zugleich aber der Hoffnung, daß sein Scheiden nach dem lichteren Hessen auch sür die Hamburger, ja für alle deutschen Juden von Segen gekrönt sein werde, lebhaften Ausdruck gaben. Sie veranstalteten am 27. April 1836 eine Feier, bei welcher der Komiteevorsitzende Dr. med. S. Hahn eine Allsprache hielt und Nießer eine Denkmünze, auf welcher die herrschende Kirche und das gedrückte Israel symbolisirt und die Worte Maleachis <2, 10) von dem Einen Vater eingegraben waren, überreichte. Die Hamburgische Gesellschaft für jüdische Volkskunde bietet Jedermann Gelegenheit, sowohl diese Münze als auch die unter dem Titel „Worte, gerichtet an Dr. Gabriel Nießer bei Ueberreichung der ihm zu Ehren geprägteil Denkmünze" gedruckte Ansprache in Augenschein zu nehmen. Bei dieser Feier hielt G. Rießers Freund, G. G. Cohen, der auch ein treuer Jugend freund Heinrich Heines war, und in dessen Briefen oft als „der Znckermackler Cohen" erwähnt wird, einen Trinkspruch, welchen das oben genannte vergilbte Blatt enthält. Er lautet wie folgt: Meine Herren! 1800 Jahre haben wir den Haß der Welt getragen, unsere Zeit des Duldens und des Harrens ist ans, wir verlangen Entscheidung mW Erlösung von schmachvollen Banden. Sie wird uns auch trotz aller Hemmungen und Hindernisse werden, wenn wir die Zeichen der Zeit zu würdigen verstehen, die allgemein auf die Nothwendigkeit innerer Einheit aller politischen Körper hindentet, wodurch aber unsere Aufgabe keine andere sein kann, als uns der europäischen Civilisation immer mehr anzuschließen, ohne unseren Ursprung oder gar den ererbten Glauben unserer Väter Zu verleugnen. Es ist auch, meine Herren, keine Idee blos von revolutionären Köpfen, wozu die Thorheit und die Willkür jede freisinnige Allsicht gerne stempeln mochte, daß die Prärogative des Zufalls und der Geburt so wie jeder Neligionsunterschied ans den Gesetzen der Staateu schwinden müßten: sondern es ist die Stimme der Vernunft, die endlich alle morschen Scheidewände einer verkehrten Ordnung der sozialen Verhältnisse niederreißt, es ist die warnende Stimme der Geschichte unserer Zeit, die da mahnt, allem Kastenwesen ein Ende zu machen. Diese untrüglichen und erfreulichen Zeichen einer besseren Zukunft entwickeln sich und reifen auch allmälig ill unserem deutschen Vaterlande, ja, meine Herren, es ist unser Vaterland, was auch Sophisterei und Bosheit dagegen Hervorbringen mögen, und wohin wir ill diesem unserem Vaterlande mit wenigen Ausnahmen blicken, wird es lebhaft erkannt, daßder Ball, der ill finsteren Jahrhunderten der Menschheit errichtet wurde, kein Wohnplatz mehr sür sie sei, seitdem das Helle Licht der Wahrheit seinen Verfall beleuchtet hat. Hellte liegt es uns aber ganz besonders ob, nach dem deutschen Lande hiuzublicken, wo das Volk — nicht der Adel -- nicht der Fürst — durch seine Vertreter, nicht etwa aus philosophischen Abstraktionen oder staatswirthschaftlichen Theorien, sondern aus Humanität im schönsten und umfassendsten Sinne des Worts alle politischen und bürgerlichen Fesseln gelöset, die finstere Jahrhunderte uns geschmiedet hatten; wir wollen heute unseren Blick auf das Churfürstenthum Hessen richten, wohin sich der in jeder Hinsicht ausgezeichnete Gegenstand des heutigen Festes, der würdige Sohn der Freiheit. Dr. Gabriel Nießer, mit seinerFamilie begiebt, um die Freiheit, für welche er kämpft, und die er ill seiner Vaterstadt, der freienHansestadt.leider vermißt.noch mehr schätzen und lieben zu lernen. Dieserletzte Umstand, meine Herren, muß aber ganz besonders dazu dienen, unsere besten Wünsche für das Echursürstenthum Hessen und seine Bewohner noch mehr zu steigern, da es jetzt den ausgezeichnetsteil und edelstell Kämpfer für Glaubensfreiheit zu seinem Bürger zählt, der auch fern voll heimathlichem Boden unser Stab und kräftigste Stütze bleibell wird. Daher werden Sie es, meine Herren, für angemessen halten, wenn ich Ihnen, nach Anleitung eines verehrlichen Komitees zur Anordnung dieses Festes, aus vollem Herzen und mit dem innigstem Gefühle bei unseren gefüllten Gläsern folgende Toaste Vorschläge: „Auf das Wohl des Clurrfürstenthum Hessen, seiner Bewohner und seiner würdigen Volksvertreter; Alls das Wohl des Churfürsten und seiner Familie; Alls das Wohl der jetzigen und zukünftigen Bewohner Bockheims." Hab' ich nun in diesen Toasten Ihre Gesinnungen gefunden und allsgesprochen, so wiederholen Sie gef. mit lauter Stimme jedem einzelnen Theile ein dreimaliges Hoch! In mehr als einer Hinsicht ist dieses Schriftstück von Belang. Abgesehen von der persönlichen Huldigung an Nießer offenbart es uns die edle gebildete Sprache der Epigonen der Mendelssohnffchen Schule, eine gewisse politische Reife, die über dem Augenblick die Zukunft des deutschen Vaterlandes nicht vergißt, eine wohlthuende, von Vornrtheilen freie Lebensanschauung, die sich nicht von den Strömungen einer judenfeindlichen Zeit pessimistisch ankränkeln läßt, sondern jede Verbitterung glaubensinnig und hoffnungsmuthig zurückdrüngt. Endlich spiegelt sich irr diesen Worten der harmonische Geist, den Rießers Bestrebungen und Werke athmen: die Verbindung des theuren jüdischen Vaterglaubens mit glühender deutscher Vaterlandsliebe. Kunstgewerbliche SynagogenschLhe. Von Eduard Joel. II. /^^ngleich werthvoller als die im ersten Theil geschilderten Gegenstände sind aber die silbernen Kronen, Schilder nnd Zeiger, welche die Pergamentrolle schmücken, nachdem sie oon einem glockenförmigen, oft reichbesticktcn Ueberzug bedeckt ist. Ans die Majestät des Gesetzes hinweisend, ist die Krone in allen erdenklichen Formen ein gern nnd immer wieder neu verwendetes Symbol. In erhabener und getriebener

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