Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- Seite 399 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3SS der angeführten Stellen ergiebt, gerade das Gegentheil zutreffend ist. — Worin der wahre Unterschied zwischen Judenthum und Christeu- Ihmn besteht, das hier in diesem Zusammenhangs auseinander zu setzen, habe ich keine Veranlassung." * Die Hundstagshitze hat diesmal seltsame Früchte gezeitigt. So bringen die politischen Blätter aus der mehr als komischen Enquete, die die Antisemiten unter ihren „Gelehrten" über die Frage des „Ritualnwrds" veranstaltet haben, jetzt auch die Antwort des grundgelehrten Kunstmalers Bindewald, um die groteske Leistung dieses Volksvertreters niedriger zu hängen. Der Herr schreibt nämlich: „Um eine Ansicht kann es sich bei dieser Sache nur insofern handeln, als die Frage in Betracht kommt, wozu verwenden die Juden das abgezapste Menschenblut? Diese Frage ist, offen wenigstens, nicht so erklärt, daß eine vollkommen ausreichende Antwort gegeben werden kann. Was den Vlutmord (Nitualmord) anlangt, so ist derselbe in ca. 200 Fällen geschichtlich nachgewiesen und in der jüngsten Zeit erst wieder neu beglaubigt 1. durch Geständnisse schuldiger Inden; 2. durch unanfechtbare Zellgenaussagen und sonstige Beweise; 3. durch gerichtliche Erkenntnisse. Die erwiesenen Thatsachen berechtigen vollkommen, die Blutbeschnldignng gegen die Juden zu erheben. Unsere Kinder müssen vor diesen Mördern geschützt werden. Es geht nicht an, daß Juden Mordfreiheit genießen. Mörder müssen unschädlich gemacht werden. Da das geeignetste Radikalmittel bei unserer heutigen Beziehung zur Menschlichkeit nicht gutgeheißen würde, so ist auf Grund der erwiesenen Verbrechen von Juden und ihrer überall bethätigten Solidarität nach dem Sprichwort „Mitgegangen mitgehangen" die Lall des Verweisung aller Juden auf ewige Zeiten zu erstreben, damit wir wenigstens in unserm Deutschland vor dieser Mörderbande sicher sind. Bis aber das richtige Verständuiß für die unbedingte Nothwendigkeit mindestens dieser Maßregel der Landesverweisung alle Schichten der Bevölkerung erfaßt hat, muß erstrebt bezw. durchgeführt werden: 1. Polizeiaufsicht in der allerschärssten Form für die unter uns lebenden Juden; 2. Duldung derselben nur in ganz kleiner, kontrollirbarer Anzahl (kein Anhäufen der Juden in den Großstädten); 3. Schächt- und Schlachtverbot für Juden überhaupt; 4. Jsolirnng in Schule und Gesellschaft, Entfernung aus Staatsämteru; 5. bei Vorkommen eines Mordes, wo, wie in Könitz und Tanten, alle Spuren aus Inden weisen, wird die Hälfte des Vermögens aller Juden Staatseigenthum, entsprechend der Verbrechersolidarität der Juden; 6. hohe Kopfsteuer." Hoffentlich verdichtet der Herr Abgeordnete diese gesetzgeberischen Ideell zu einem Anträge im Reichstag. Dann wird er auch die entsprechende Antwort erhalten. 4- Um zu beurtheilen, wie sehr die Anti-Alienisten in England gegen die dort eingewanderten russischen Juden im Unrecht sind, lese man den folgenden Bericht, den ein angesehenes englisches Blatt „Daily Mail" in dieser Woche gebracht hat: „Patriotisch fühlende Briten mögen wahrscheinlich ein wellig Behagen empfinden durch die Thatsache, daß wir nun eine geringere Menge fertiger Mäntel und Kleider voll Deutschland kaufen, als dies früher der Fall war. Die Mode, sagt Generalkonsul Schwabach in einem jüngst erschienenen Bericht, war unfreundlich gegen den deutschen Produzenten. So lange tmlor-maäe gefertigte Kleider modern sind, war der britische Käufer unabhängig von Deutschland. So lange gestickte und soutachirte Maaren getragen wurden, war Berlin ohne Rivalen. London erhielt nun aber eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Rußland, welche hauptsächlich Schneider waren, oder in London dem Schneiderbernfe nachgingen. Dadurch ist eine große Anzahl billiger Arbeitskräfte zu haben- Diese jüdischen Handwerker haben in den letzten Jahren so große Fortschritte gemacht, daß ihre Arbeit im Ganzen schwerlich von der deutschen Arbeit zu unterscheiden ist." 4 Ueber den gegenwärtigen Stand der Judenfrage in Ruß land ist ein inhaltsreicher Aufsatz des bekannten russischen Schriftstellers A. Subotin in dem zu Gunstell der nothleidenden Juden in Südruszland eben erschienenen Sammelwerke veröffentlicht worden: „Durch die Maigesetze", heißt es in dem sehr lesenswerten Artikel, „hat sich die materielle Lage der russischen Juden überaus kritisch gestaltet. Sämmtliche aus dem unglückseligen Ansiedelungsrayon einlanfende Berichte bekunden übereinstimmend, daß die Juden scholl lange nicht mehr so viel erwerben können, um nur die allerdringendsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Die Juden in den 25 Gouvernements des Ansiedelungsrayons darbell, obgleich unter ihnen sich 130 000 Landwirthe, 112 000 Tagelöhner, 64 000 Fabrikarbeiter und 450 000 Handwerker befinden. Die Juden scheuen sich also durchaus vor keiner physischen Arbeit und stellen nicht weniger als -Vl Million unmittelbar Produktive Arbeiter! Aber all ihr Fleiß, alle ihre Anstrengungen nützen ihnen nichts gegenüber den sie ruinirenden Maigesetzen, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken, ihnen den Aufenthalt in dem größten Theile Rußlands verbieten, sie aus allen Dörfern vertreiben und ihnen das Wohnen 50 Kilometer rund um die Grenze erschweren. Schon 1887 hat die bekannte Pahleu'sche Kommission offiziell feststellen müssen, daß 90 Prozellt aller Juden m größter Armuth und voll der Hand in den Mund leben müssen. Seit dieser Zeit hat sich die Situation noch wesentlich verschlimmert. Eitle zuverlässige, durch Umfragen von Halis All Haus gesammelte private Statistik hat ergeben, daß 50. stellenweise sogar 75 Prozent aller russischen Juden arbeits- und brodlos sind, daß sie ihre Häuser verfallen lassen und ihr bewegliches Eigenthum rr tont prix verschleudern müssen. Ihre Häuser verwandeln sich in Ruinen lind sinken beständig im Werth; das bewegliche Inventar wird zu Schleuderpreisen losgeschlagen, und die Zahl ihrer Kinder, die ohne jeglichen Unterricht anfwachsen müssen, nimmt erschreckende Dimensionen an. Die Zahl der Inden, die 1897 gezwungen waren, zu Ostern „iUoös eiütüu" (Unterstützung zur Anschaffung von Mazzoth) anzunehmen, betrug im reichen Odessa 40 000. in Wilna 22 000 Seelen und in Minsk 1200 Familien. In Warschau können nur 5 Prozent aller Juden Gemeindesteuern zahlen, und über die Hälfte aller Sterbenden müssen auf Gemeindekosten beerdigt werden. Das sind alles die Folgen der barbarischen Maigesetze, welche eine Schmach für Rußland genannt werden müssen. Allein die Ungerechtigkeit gegen die Juden rächt sich bitter an den Urhebern selbst. Denn nicht nur Schimpf und Schande, auch große materielle Schäden habet: die schmachvollen Maigesetze über Rußland gebracht! Es ist eben undenkbar daß e i n Theil der Bevölkerung eines Landes in schwere Roth geräth, ohne daß auch die übrigeil Theile des Volkes darunter leiden. Bis 1890 galten die 25 Gouvernements des Ansiedelungsrayons als ein Gebiet, das im raschen Aufblühen begriffen ist. Die Erträgnisse aus den Steuern waren verhältnißmäßig größer, die rückständigen Steuern geringer, die Provinzial- und Kommunalstellern wesentlich höher und die in den Dörfern aufgespeicherten Getreidevorräthe für den Fall einer Mißernte weit reichlicher, als im übrigen europäischen Rußland. Auch der sittliche Zustand der Bevölkerung war in den Ländern des Ansiedelungsrayons ein weit höherer als in den 35 Gouvernements des übrigen europäischen Rußland. Das Verbrecherthum war wesentlich und die Trunksucht gar um das Vierfache geringer als im Innern Rußlands. Jetzt haben sich alle diese schönen Zustände wesentlich verschlechtert. Mit der Austreibung der Juden aus dem Innern Rußlands sind die Handelsbeziehungell zwischen dem Centrum und der Peripherie des Reiches sehr zurückgegaugen, die Verdrängung der Inden aus den Dörfern hat die Bane n einer Allzahl christlicher Vampyre ausgeliefert, die, auf ihr Christenthum fußend und ohne die jüdische Konkurrenz, den Bauern das Leben auf die Dauer geradezu unerträglich machen. Das ist der Segen der Maigesetze!" Zum Schluß seines Artikels fordert Herr Subotin dringend eine umfassende Revision der Maigesetze, eine Forderung, die bei der gegenwärtig in den höheren Regionen in Rußland herrschenden judenfeiudlichen Stimmung wohl uugehört verhallen dürfte.