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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-23 · Heft 34 (23.8.1901) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
Seite 398 (sequence 4)
Language
German
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398 falls vorher ward verkündet, darum kann unsere Hoffnung für die Zukunft uns nicht trügen. Unsere Vergangenheit ist uns Bürgschaft für unsere Zukunft. Zion wird wieder errettet und befreit werden, wenn auch nicht durch die trügerischen Pläne der Zionisten. Schon mehren sich hierfür die Anzeichen. Wie trübe es auch noch um uns ist, mancher Lichtstrahl dringt doch aus dem Wolkenduukel hervor, mancher Hoffnungsschimmer durchbricht die traurige Gegenwart. Wodurch soll Zion Erlösung finden? Durch Gerechtigkeit und Wahrheit. Lüge und Heuchelei triumphiren freilich noch genug, sehen wir aber nicht, wie Recht und Billigkeit doch das Szepter zu schwingen beginnen? Sind nicht die schönsten Ausstrahlungen der Gerechtigkeit und Wahrheit die Werke der Männer, die für Recht und Humanität auch in dieser trüben Zeit warm eintreten? Gewiß, in tiefe Trauer muß es jeden Israeliten versetzen, wenn seiner Religion die schimpflichsten Allklagen nngeheftet werden; außer dieser Trailer ersprießt ihm aber der schönste Trost, wenn er die Helden der Wissenschaft im Kampfe für Wahrheit und Billigkeit streiten sieht. Die Episoden Könitz und Polna sind für uns gewiß zu Tragödien ersten Ranges geworden, doch sagt uns die Entrüstung derer, die sich für Gerechtigkeit noch zu begeistern vermögen, daß mit dem augenblicklichen Stand der Angelegenheit noch nicht die letzte Szene gespielt ist. Im Innern unserer religiösen Verhältnisse mag wohl so manches unsere Trauer gerade in diesen Tagen des beginnenden Elul-Monats erhöhen oder vertiefen, — aber gleichwohl gewahren wir doch vieles, was uns einen trostreichen Ausblick in die Zukunft gewährt. Ueberall können wir Erscheinungen begrüßen, die noch vor zwei Jahrzehnten uns unmöglich erschienen wären. Die allenthalben erfolgte Begründung von Vereinen für die Erforschung unserer großen, ruhmreichen Vergangenheit, die innige Sorge und das rastlose Streben nach Verbesserung des Religionsunterrichtes, die Bemühungen um die Sicherstellung der Gemeindebeamten, die Begründung neuer Hilfsvereinigungell zur planmäßigen Beseitigung des geistigen und sozialen Elends unserer Stammesbrüder, — alles dies und noch mehreres sind die Anzeichen für eine bessere Zeit, der unser Stamm entgegengeht nach den Verheißungen unserer großen Propheten und Sänger. Darum dürfen wir wahrlich den erhebenden Worten unseres Propheten mit besonderer Innigkeit all diesen Trost-Sabbathen lauschen. Es ist kein Ruf in die Wüste hillein, was wir da voll einer glücklicheren, segensvolleren Zukunft vernahmen. Bleiben wir nur rüstig an der Arbeit! Lassen wir nichts außer Acht, was unser geistiges Zion zu heben vermag, dann naht die Zeit, wo die Trauer aufhört, wo der Haß verschwindet, und mit der Stimme der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Liebe und Humanität allüberall auf Erden „Freudenklang und Jnbelsang" vernommen werden Are Woche. Berlin, 21. August. ^An der abgelaufenen Woche tagte hier der Zoologenkongreß, und mit lebhaftem Interesse sind alle Gevilon deteil den Verhandlungen desselben gefolgt. Daß wir als Inden die hohe allgemeine Bedeutung der zoologischen Forschung zu würdigen wissen, ihren hohen Rang auf dem weiten Gebiet des Naturerkennens und ihren unersetzlichen wird. Werth für die Erkenntniß des natürlichen Menschenwesens, versteht sich von selbst, denn das Verständniß hierfür ist nicht nur ein geradezu unentbehrliches Element der modernen Bildung, sondern es ist ein solches auch schon im Mittelalter für unsere Gelehrten stets gewesen. Es gehört unbestreitbar zu den höchsten Bethätigungen des Menschengeistes, ins Innere der lebendigen Natur zu dringen und ihr die Geheimnisse ihres Lebens abzulauschen. Daß sich das letzte und tiefste der hier verborgenen Räthsel der Lösung durch Aug und Ohr des Naturforschers wohl immer entziehen wird, kann daran nichts ändern. Die Ernüchterung, die auf eine Periode des hunmelstürmenden Taumels gefolgt ist und folgen mußte, bedeutet keineswegs eine Enttäuschung der Menschheit durch die Naturwissenschaft. Vielmehr hat gerade diese Ernüchterung das Auge wieder geschärft für all das Gewaltige und Große, was in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts — zum wesentlichen Theile durch die Mitwirkung jüdischer Gelehrter — auf diesem Gebiete geschaffen wurde. Aber was uns von unserem religiösen Standpunkte aus besonders interessirt hat, ist die Thatsache gewesen. daß ein hervorragender Forscher „unsere religiösen und sittlichen Anschauungen" in der Diskussion über eine neue naturwffsenschaftliche Doktrin gegen diese unter allgemeinem Beifall ins Feld führen durste. Das wäre vor einem Vierteljahrhundert nicht möglich gewesen. Und darin liegt für uns ein großer Fortschritt. 4 Herrn Professor Harnack ist Unheil widerfahren. Die „Post" hat sich seiner angenommen und seinen Satz, daß das Christenthum „nicht eine, sondern die Religion" sei, durch die lalldesüblichen Schmähungell auf das Judenthum freundlichst ergänzt. Es ist interessant, daß das freikonservative Blatt sich dieserhalb von einem protestantischen Theologen zurechtweisen lassen muß, der in der „Breslauer Zeitung" folgende Erklärung abgiebt: „Zufällig lese ich in der gestrigen Nummer der „Post", daß dort der Unterschied oder Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthum im Wesentlichen wiederum zurückgefuhrt wird auf den alttestamentarischen Satz: „Auge um Auge. Zahn um Zahn." Es wird dort in diesem Zusammenhänge von dem Judenthume als eine „die Brutalität der Rache anerkennende Religion" im Gegensatz zu dem Christenthum gesprochen, das die Religion der Liebe predige. Da eine Gegenüberstellung voll Judenthum und Christenthum gerade in diesem Sinne und unter Berufung auf das allgeführte Citat eine sehr weit verbreitete ist, so wird es nützlich sein, einmal zu untersuchen, wie viel Berechtigung eine solche Auffassung für sich hat. Der Satz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn" findet sich im alten Testament dreimal. Zunächst Moses 2, 21, Vers 24. dort wo der Codex des mosaischen Strafgesetzbuches festgestellt wird. Aber gerade au jener Stelle wird als Strafprinzip nicht allgemein der Grundsatz „Auge nm Auge, Zahn um Zahn" norrnirt, sondern vielmehr nur als Strafverschärfung in einem Falle besonderer Rohheit. Wenn nämlich streitende Männer eine schwangere Frau derartig mißhandeln, daß sie Schaden an ihrer Leibesfrucht nimmt, nur dann soll als Strasmaxime jener Satz gelten, nicht aber sollst. Und ganz ähnlich verhält es sich mit der zweiten Stelle Moses 5, 19, Vers 21. Dort wird jenes Strafmaß als besondere Strafverschärfung angeordnet für den Fall, daß Jemand „als falscher Zeuge falsches Zeugnis; wider seinen Bruder" ablegt. Also auch hier wird lediglich ein Ausuahmefall voll den sollst allgemein geltende!! milderen Grundsätzen statuirt. Bleibt endlich noch übrig die dritte Stelle. Moses 3. 24. Vers 20. Au jener Stelle handelt es sich darum, festzustellen, daß die Fremden nicht milder, sondern ebenso strenge bestraft werden sollen als die Einheimischen, und es wird ein Spezialfall hierfür angeführt. Ein bezeichnendes Charakteristikum für die Härte des altmosaischen Strafgesetzbuches oder gar für das Wesen der jüdischen Religion stellt jener Satz so wenig dar, daß vielmehr, wie die Prüfung

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