Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 34. Allgemeine Berlin. 23. August 1901. eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner D* Ludwig Phttippfon-Lorru. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. 1^ Alle Zusendungen für Redaktion und I I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I I 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I I Verlag von Rudolf Mosie, Berlin, l Inhalt. Leitartikel: Israels Trost. — Die Woche. — Das Provinzialoundwehrfeft und die jüdischen Landwehrmänner. Von Rabbiner Dr. H. Tietz ui Inowrazlaw. — Ein ungarischer Dichter. — Ein Gedenkblatt zu G. Rießers beschichte. Von Dr. D. Leimdörfer in Hamburg. — Kunstgewerbliche ^hnagogenschätze. II. Von Eduard Joel. — Feuilleton: Der türkische Diplomat und die russische Jüdin. I. Eine Episode aus dem Leben von Robert Iljisch. — Die tobte Saison. — Litterarische Miltheilmrgerr. — Lprechsaal. Der Gemeirrdcbote. Korresponder»ren und Nachrichten: Berlin, pdtkuhnen. Aus der Provinz Posen, Hitdesheim, Hamburg, Frankfurt a. M., Rünchen, Wien, Prag. — Bon Nah und Fern. Israels Trost. , Berlin, 20. August. "^o?>^ehr denn zwei Jahrtausende dauert nun Israels Wanderung durch die Reihen der Völker; es hat seitdem gelitten und gestritten, geduldet und getragen, aber auch gesiegt und Errungenschaften zu verzeichnen, und noch immer begeht unsere Glaubensgemeinschaft mit zäher Festigkeit die Tage der Erinnerung an den Verfall ihrer einzigen Selbständigkeit, an den Untergang ihres Reiches wie an üe Zerstörung der Gottesstadt. Da versagen sich unsere Frommen alljährlich für Wochen die besondere Freude erregenden Lustbarkeiten und Vergnügungen, schränken für einige Tage chre Genüsse ein, und wenn erst der neunte Ab selbst anbricht, utzen sie Leidtragenden gleich betäubt zur Erde, und die Saiten chrer Herzen erzittern in den traurigsten Tönen. Und hierauf folgen die sieben Sabbathe der Trostesverheißungen. Mit zu Herz und Gemüth gehender Stimme will der Prophet aus unserer Trauer uns aufrichten, indem er uns in anmuthigen Bildern eine glücklichere, segensvollere Zukunft zeichnet. Was uat sich inzwischen aber vollzogen, daß die Trauer vom Trost ubgelöst werden kann? Ist etwa Zion wiederhergestellt, der Tempel neuerbaut, hat sich erfüllt, was das Hoffen und Sehnen Israels seit Jahrtausenden ist, daß alle Völker hinwallen verden zum Berge Gottes, zur Stätte, von der ausging die Hehre und das Wort des Herrn? Befinden wir uns nicht in oer gleich traurigen Lage nach wie vor? Schwingen nicht unsere Gegner nah und fern die Geißel in gleicher, unveränderter Weise? Wie vermögen wir also da trostreichem Zuspruche Ohr und Herz zuzuneigen? Aus der wahren und aufrichtigen Trauer erblüht allemal uoch der rechte Trost. Die Trauerwochen lassen uns immer -wn Neuem alles Weh durchleben, das für uns mit unserer jerstrenung begann. Unsere ganze Leidensgeschichte zieht m jenen Tagen an unserem Geiste vorüber. Wir sehen sie noch einmal, all die Hasser und Gegner, die einzelnen wie die gesammten Völker, wie sie Ränke gegen das kleine, winzige Israel schmieden, fort und fort es verleumden und befehden es bedrücken und verfolgen. Es ist dies aber nicht die einzige Seite des Bildes, das sich uns da zeigt. Wenn unsere Glaubensgemeinde dennoch besteht, während ihre Bedrücker und Verfolger vom Erdenrunde längst geschwunden, wenn der jüdische Staat nur zu Grunde gegangen ist, auf daß der Baum des Judenthums desto fester Wurzel fasse und triebkräftig werde auf dem ganzen Erdenrund, liegt in dieser geschichtlichen Erkenntniß nicht Hoffnung genug für uns? Ist da nach der Trauer nicht auch der Trost berechtigt? Diese Gedanken drängen sich uns mit Macht auf, wenn wir an jene liebliche Geschichte denken, die uns der Talmud aufbewahrt hat. R. Elasar b. Asarjah, R. Josua und R. Akiba gingen einst die Straße nach Jerusalem hinauf. Gerade wie sie zum Tempelberg kamen, sprang ein Schakal von der Stätte hervor, die einst das Allerheiligste geborgen. R. Elasar und R. Josua konnten sich der Thränen nicht erwehren und weinten laut und bitterlich, während R. Akiba in auffälliger Weise lachte. Auf die Frage nach diesem seinen Benehmen antwortete Letzterer: „Erklärt mir zuvor, warum Ihr weint." Sogleich erwiderten Jene: „Sollten wir nicht von tiefer Wehmuth erfüllt werden, wenn wir hier gewahren, daß der Ort, von dem es heißt: „Der Nichtpriester, der ihm nahet, ist des Todes," ein Tummelplatz der Thiere geworden?" „Sehet," sagte nun N. Akiba, „für mich ist dieser Umstand genug Grund, mich den schönsten Hoffnungen hinzugeben. Hat sich erfüllt das Wort, das uns verkündet ward: „Um Eurer Bosheit willen wird Zion umgepflügt, Jerusalem zum Steinhaufen und der Tempelberg zur waldigen Anhöhe werden, wo Schakale Hausen," warum sollte nicht auch eintreffen des Secharjah Wort: „Einst werden Greise und Greisinnen sitzen auf den Plätzen Jerusalems, ein Jeder seinen Stab in seiner Hand ob der Menge der Tage. Und die Plätze der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf ihren freien Plätzen spielen." Nach diesen Worten Akibas riefen sogleich seine Genossen aus: „Akiba, Du hast uns getröstet, Akiba, Du hast uns getröstet!" In dieser Antwort des großen Akiba liegt wahrlich auch für uns Trost genug in diesen Tagen. Ist einst das von Israel geschehene Unrecht getreu der göttlichen Verheißung bestraft worden, warum sollte da Gottes Wort täuschen, daß nach vollzogener Läuterung es wieder anerkannt und in seinen ehemaligen Glanz zurttckgeführt werden wird? Zion ist gefallen, ganz wie seine Propheten es vorher verkündigt hatten, — das Judenthum ging damit nicht zu Grunde, wie es Israel gleich-