Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 11. August. Eine erhebende Gedächtnißfeier für die verewigte Kaiserin Friedrich fand heute vor zahlreichen Gemeinde- Mitgliedern im Gotteshaus der jüdischen Nesormgemeinde statt, dessen Kanzel schwarz umflort war. Die Trauerrede hielt Prediger Dr. Jelski. Unter Zugrundelegung des Textes aus Jesaias (5. 55, V. 4: „Siehe als Zeugen für Völker habe ich ihn hingestellt, als Fürsten und Gebieter für Nationen" widmete er der Verstorbenen ein weihevolles Gedenken, jener Frau, die mit ihrem unvergeßlichen königlichen Gemahl in der Förderung des geistigen und moralischen Fortschritts unzertrennlich und unermüdlich wirkte, die sich die Fürsorge um die materielle Wohlfahrt des Volkes, um Bildung. Kunst und Wohlthätigkeit unablässig angelegen sein ließ und ihre Thätigkeit von schönstem Erfolge gekrönt sah. Der Redner ließ seine warmempfundene Betrachtung in den Gedanken ansklingen. daß das Andenken der edlen Frau nicht nur als Gattin Kaiser Friedrichs, nicht nur als Mutter unseres geliebten Herrschers, in dem Herzen des Volkes dauernd fortleben werde, sondern vor allem ihrer eigenartigen Persönlichkeit wegen, die mit einer dreifachen Krone geschmückt sei. dem Aböl der Geburt, der Gesinnung und des in Demuth getragenen Leids. Berlin, 11. August. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde macht bekannt, daß nach den Bestimmungen der §§ 15 bis 19 des revidirten Statuts für die jüdische Gemeinde zu Berlin im laufenden Jahre die Neuwahl von 10 Repräsentanten und 5 Nepräsentantenstellvertretern statt findet. Zur Theilnahme an der Wahl ist jedes Gemeindemitglied berechtigt, welches in der von dem Vorstande geführten Urliste verzeichnet ist. Diese Urliste wird während der Geschäftstage vom 15. Augnstbis 15. Sept. d. I., von Vormittags 10 Uhr bis Nachmittags 1 Uhr. in der Registratur Oranienbnrgerstraße 29. II, zur Einsicht ausliegen. Etwaige Einwendungen gegen die Richtigkeit der Liste sind innerhalb der angegebenen Frist bei uns anzubringen. Spätere Einsprüche können nicht berücksichtigt werden. Es ist dringend zu wünschen, daß Alle, die Interesse an unserem Gemeindeleben haben, es ja nicht verabsäumen mögen, diese Urliste daraufhin nachzuprüfen, ob auch ihre Namen daselbst eingetragen sind. L,. Berlin, 9. August. Am 23. v. M. beging der „Verein Jüdischer Studenten" lim B. I. C.) an der Universität Berlin die Schlußkneipe seines 13. Semesters, in welchem er eine reiche Thätigkeit entfaltet hat. Nach den erfolgreich überstandenen Kümpfen bei der Lesehallenwahl, an der sich der Verein im vergangenen Winter zum ersten Male betheiligte, äußerte sich das Leben innerhalb des Vereins um so frischer und mannigsaltiger. Jede Woche wurde ein größerer Vortrag gehalten, und zwar hatten außer Bundesbrndern und Alten Herren des V. I. St. mehrere in der jüdischen Welt wohlbekannte Männer in dankenswertester Weise ihre Kraft in den Dienst der Sache gestellt. Es sprachen: Professor M. Philippson „lieber den Judentag", Dr. S. Bernfeld „Die hebräische Sprache in den Diasporen". Redakteur M. A. Klausner „Die Ausgaben der Jüdischen Gemeinden", Dr.M ichaeiCohn „Die jüdische Bevölkerung Preußens", Dr. R. Loewe lA. H. des V. I. St.) „Byrons Hebräische Melodien", Dr. Theodor Zlocisti (V.J.St. A.H.) „Jüdisch-deutsche Volkslieder", Stud. Grünberg (V. I. St.) „Die Grausamkeiten der Kosacken unter Chmielnicki", Stud. Blau (V. I. St.) „Die wirtschaftlichen und politischen Ursachen des Antisemitismus". Den Vorträgen, welche reiche Anregung boten, und dem Prinzip des „Vereins Jüdischer Studenten" gemäß den verschiedensten Richtungen innerhalb des Judenthums gerecht wurden, folgten eifrige Diskussionen. Außerdem hielten Bundesbrüder und Alte Herren kurze, mit Rezitationen verbundene Referate aus dem Gebiete der jüdischen Litteratur. so Dr. Zlocisti „lieber moderne jüdische Romane". Dr.Biowett „Amosrmd'Hosea", Stud. Emil Cohn „Jesopa", Stud. Zlocisti „Spruchweisheit", Stud. Weil „Ethische Haggadah". Es fand ferner zum ersten Male ein Geschichtsknrs statt, der zur systematischen Durchbildung der Mitglieder in der jüdischen Geschichte eingeführt wurde. Herr Dr. M. Joseph hatte in liebenswürdigster Weise die Leitung übernommen; er las wöchentlich eine Stunde über die Geschichte der Judenemanzipation. Zum Zwecke der körperlichen Ausbildung der Mitglieder wurde fleißig geturnt und zwar in der dem Verein bereitwilligst zur Verfügung gestellten Turnhalle des Reichenheimschen Waisenhauses; außerdem wurde eifrig gekochten. Zur Pflege der Geselligkeit fanden außer der wöchentlichen feuchtfröhlichen Kneipe regelmäßigeAusflüge und Familienabende außerhalb Berlins statt, welche viel Anklang fanden, und auf denen trotz Sommerund HitzeTerpsichore zu ihrem Rechte kam. Auch sollst war der Verkehr zwischen den Bundesbrüdern ein regerund intimer. Im Wintersemester wird sich an der technischen Hochschule zu Charlottenburg nach längerer Vorbereitung ebenfalls ein „Verein jüdischer Studenten" austhun, der fünfte im „Bunde Jüdischer Korporationen", dem außer dem Berliner der Verein jüdischer Studenten zu Leipzig, Breslau lind München angehören — ein neues Bollwerk der jüdischen Sache an den deutschen Hochschulen. 22 Berlin, 11. August. Der „Vossischen Zeitung" wird geschrieben: Gestatten Sie eitlem alten Leser Ihres Blattes den Beispielen von gefahrvoller Malerei, die in Nr. 364 Ihrer Zeitung im Feuilleton mitgethcilt wurden, das Erlebniß eines Berliner Malers hinzuzufügen, bei welchem sein Leben auch in Gefahr schwebte. Als der vor mehreren Jahren hier in Berlin gestorbene Professor Michael im Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ans Italien zurückkehrte, erzählte er folgendes Abenteuer, das ihm in den Abruzzen passirt war. Er hatte dort in einer kleinen Dorfkirche ein sehr schönes Altargemälde entdeckt und von dem Pfarrer des Dorfes leicht die Erlaubniß erlangt, es zu kopiren. Als er einige Tage daran gearbeitet hatte, fand er eines Tages beim Heraustreten aus der Kirche die ganze Dorfbevölkerung, Männer und Weiber, in drohender Haltung lärmend und schreiend versammelt; sie umringte ihn mit dem Ruf „Prnssieno" (was weniger Preuße als Ketzer heißen sollte) und schrien, daß ihre Kirche durch die Ketzer entweiht sei, und daß er sterben müsse: „Die Lage war kritisch," so fuhr Michael selbst in seiner Erzählung fort, „als zu meinem Glück der Pfarrer selbst aus der Bildfläche erschien, sich neben mich stellte und die tobende Menge — am ärgsten schrien die Frauen — zu beruhigen suchte. Anfangs schienen seine Versuche vergebens, als er plötzlich die Leute ans das heftigste mit den Worten anschrie: Unglückliche, bedenkt, was ihr thut. Wollt ihr denn euer ewiges Seelenheil auf das Spiel setzen! Dieser Fremde ist kein Prnssieno. kein Ketzer, er ist ein Jude, ein Verwandter der Jungfrau Maria, und statt ihm zu fluchen, müßt ihr die Stunde segnen, da er in unser Dorf gekommen ist und unsere Kirche betreten hat." Der Eindruck dieser Worte war außerordentlich. Dieselben Leute, die ihm kurz zuvor den Tod angedroht hatten, fielen vor ihm auf die Knie, küßten thränenden Auges seine Hand und seinen Rock, und brachten ihn im Triumph nach dem Gasthof. Michael aber zog doch vor, am andern Tag abzureisen. Vielleicht hätten die guten Leuten bei längerem Aufenthalt doch entdeckt, daß die Verwandtschaft zwischen ihm und der Jungfrau Maria eine recht weitläufige war. — Schade nur, daß die ganze Geschichte auch von einem andern jüdischen Künstler, dem Maler Leopold Güterbok, erzählt wird. Und zwar hat dies Ludwig Bamberger in seinen „Erinnerungen" gethan. wie wir s. Z. berichtet haben. ----- Danzig, 10. August. Dem eben erschienenen Bericht über die Thätigkeit desVerbandes der Westpreußischen Synagogengemeinden im vierten Verbandsjahre 1900—1901 entnehmen wir, daß zu den 41 Gemeinden, welche bisher dem Verbände angehörten noch Tiegenhof hinzugekommen ist, so daß von 54 Gemeinden der Provinz jetzt 42 den Verband bilden, während die 12 Gemeinden. Baldenburg, Culm, Dt. Eylau, Dt. Krone, Jastrow, Kamin, Landeck, Märk. Friedland, Pr. Friedland, Schloppe, Vandsburg und Tütz leider