Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 396 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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396 ich meine Pflicht klar vor Augen sah. Das Mädchen hatte Furchtbares mitgemacht und war dabei zusammengebrochen. Dann, nach ihrer Krankheit, hatte sie sich der Armee in die Arme geworfen, theils weil dieselbe doch manch Gutes stiftete, vor allem ihr geholfen hatte, — also ans einem Gefühle der Dankbarkeit, theils — es wollte mir scheinen — aus Trotz. Wir Inden sind keine Proselytenmacher, sind es nie gewesen. Wenn sich Jemand der Heilsarmee anschließen will, ans Ueberzeugung — so dachte ich nur — in Gottes Namen. Oder wenn Jemand aus pekuniären oder sozialen Rücksichten sich taufen lassen will — dem, sage ich. Je mehr solcher Leute wir los werden, je besser für uns. Aber aus einem mißverstandenen Gefühl der Dankbarkeit, aus Trotz — niemals! Das Mädchen war so augenscheinlich unglücklich, daß von einer Ueberzeugung eben gar keine Rede sein konnte. Ich brach das Schweigen ganz unvermuthet. „Mein Fräulein, wann haben Sie Jahrzeit?" Welche Antwort ich erwartete, war mir kaum klar, diejenige, welche ich erhielt, bereitete mir jedenfalls eine große Freude. Sie wurde blaß und roth, dann antwortete sie mit gepreßter Stimme: „An einem sehr bezeichnenden Tage: Tische be Aw." Wer Tische be Aw sagte, dessen Herz gehört nicht der Heilsarmee, dachte ich nur. „Und wer wird Kadisch sagen und ein Licht anstecken, wer ein „LI mole rnelismim" machen lassen?" Im nächsten Momente that's mir leid. Ihr Kopf lag an meiner Schulter, sie weinte zum Herzzerbrechen. Ich ließ sie ruhig ausweinen, dann sagte ich: „Thut es Ihnen denn leid, daß Niemand dazu da ist?" Sie nickte stumm. „Aber das läßt sich doch ändern. Sagen Sie den Kadisch, ich besorge den ,.LI rnole raelismim"." „Ich?" schrie sie schmerzlich auf. „In der Baracke?" „Nein," antwortete ich, „nicht in der Baracke. Ich bin Junggeselle, wohne mit meiner Tante, wir brauchen ein Mädchen. Wenn Sie mir versichern wollen, daß Sie nicht aus Purer Ueberzeugung in der Heilsarmee sind, daß Ihnen Ihr leichtsinniger Schritt leid thut, und daß Sie nie mehr an Gott zweifeln werden — dann brauchen Sie das Licht nicht in der Baracke anzuftecken, den Kadisch nicht dort zu sagen; dann können Sie das in unserem Hause thun!" Noch lange weinte sie leise vor sich hin. Dann gingen wir, nachdem ich die Kriegsrufe, die ans der Bank zurückblieben, gezählt hatte, um das Geld dafür der „Redaktion" einzusenden. Meine Tante staunte nicht wenig, als ich ihr ins Haus brachte — eine von der Heilsarmee. Rahel verbringt als Vorsteherin der ,,kleb^6>v i.iuu'iiv" sehr viel Zeit in Ludlowstreet und Umgegend, wo sie das Elend aufsucht und hilft, wo nur möglich. Und alle diese Armen lieben sie. Ich auch. Sie ist meine Frau. Fitterarische Mittheilrmgen. -- Wir haben schon wiederholt Gelegenheit gehabt, aus die gedeihliche Wirksanlkeit des jüdischen Litteraturvereins?nkIieation in Amerika hinzuweisen. Auch heute bietet sich wieder für uns eine Hillkonnuene Veranlassung, dieses Werk rühmend auzuerkennen und unseren deutschen Glaubensgenossen als Beispiel vorzuführen. Die neueste Publikation dieser Gesellschaft giebt hierzu reichliche Gelegenheit, vor allem das Jahrbuch: Ille ^morieun wisst Vear kook von 5661. herausgegeben von Professor Cyrus Adler, ein stattlicher Band von 763 Seiten, der alles enthält, was über das Judenthum in Amerika zu sagen ist. Außer einer sehr guten Jahresrevue von Henriette Szold. einem Aufsatz über das Jndenthum in Frankreich und einem solchen über die ^Ilianee isruölite universelle enthält das Jahrbuch eine genaue statistische Uebersicht aller Gemeinden, Schulen, Seminare. Logen. Wohlthätigkeitsanstalten und anderer Organisationen und Zeitungen in Amerika, ferner biographische Skizzen der Juden, die im öffentlichen Leben Amerikas hervorgetreten sind, eine Liste der jüdischen Soldaten, die im spanisch-amerikanischen Kriege gedient haben, eine Statistik der Juden in der ganzen Welt, eine Auswahl der wichtigsten hebräischen und jüdischen Schriften des Jahres von I. A br aHarns, eine Liste der jüdischen Zeitungen in Amerika, einen Bericht über das zwölfte Jahr der ^swisst?ubli'eution Hoeiet^ und noch vieles andere Wissenswerthe. Das Jahrbuch ist mit großem Fleiß und nicht geringer Sachkenntnis zusammengestellt; es ist ein glänzendes und ehrenvolles Zeugniß von dem lebendigen Sinn, der in Amerika für Juden und Judenthum herrscht. Wie armselig erscheinen im Vergleich zu dieser Publikation die deutschen, französischen und englischen Jahrbücher! Von den anderen Publikationen iuteressirt uns besonders der zweite Theil der Ethik des Judenthums von Professor Lazarus, die Henriette Szold in sehr gelungener Weise und mit feinem Verständniß für die Intentionen des geistvollen Autors ins Englische übersetzt hat. Vergleicht man wiederum Form und Ausstattung sowie auch den Erfolg dieses Werks mit dem der deutschen Ausgabe, so kann mau auch hier sich eines gerechten Gefühls der Beschämung nicht erwehren; man muß immer und immer wieder an das Wort voll Goethe denken: „Amerika, du hast es besser!" — Die dritte Publikation führt den Titel: 8on§s ok Lxil. von Nina Davis. Es sind Uebersetzungen hebräischer Dichter des Mittelalters von Elasar H. Kalir bis aus Melr von Rothenburg. Vor allem ist Jehnda Halevi berücksichtigt. Die Uebersetzungen sind, so weit wir es zu benrtheilen verstehen, wohl gelungen und doch wortgetreu, sie sind wohl im Stande. unZ ein Bild des Originals zu geben und werden sicher auch in Amerika das Interesse für unsere Mittelalter liehen Poeten in hohem Maße wecken. — Im Anschluß an das Buch von Lazarus dürfen wir wohl ans eine kleine, aber sehr w.erthvolle Arbeit von Dr. Moritz Spanier in Magdeburg Hinweisen: „Die jüdische Ethik und Herbarths fünf ethische Ideen." Magdeburg. Loewenthal L- Co. 1901. Der Verfasser geht auch voll dem Lazarus'schen Werke aus, indem er die fünf Ideen der Herbarth'fchen Sitteulehre, die der inneren Freiheit, der Vollkommenheit, des Wohlwollens, des Rechts und der Billigkeit im Zusammenhang mit dem Judenthum einer sachkundigen Betrachtung unterwirft. In die mittelalterliche Philosophie dagegen führt ein Vortrag von Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann in Virovitica zurück: „Philo sophisches in der Kabbala." Preßburg 1901. Alkalay L Sohn. Das schwierige Thema wird in recht populärer Weise erklärt. Der Verfasser erklärt zunächst die technischen Ausdrücke in der Kabbala und behandelt sodann einzelne Theorien mit entschiedener Sachkenntnis; aber auch, wie es scheint, mit einer gewissen Vorliebe für die Kabbala die ihn schließlich zu der Ueberzeugung führt, daß ein „kabbalistischer Denker oder ein denkender Kabbalist, philosophisch beurtheilt, höher zu stellen ist als ein nachcartesiauischer Occasionalist", eine Ansicht, die aber nicht überall Zustimmung finden wird. In die moderne Ethik zurück führt uns ein Vortrag von Frau Dr. Rosalie Perles: „Ein moderner Erlöser des Judenthums. (Königsberg. Ostdeutsche Buchhandlung. 1901.) Die geistvolle Ver fasserin dieser Schrift wendet sich gegen den bekannten Aufsatz vor Benediktus Levita in den „Preußischen Jahrbüchern". Obwohl null dieser Aufsatz zur Erlösung des Judenthums Gott sei Dank längst verschollen ist, wird man doch die interessanten Darlegungen der Frau Dr. Perles mit großem Interesse lesen. Sie legen Zeugniß ab von einem feilten und tiefen Verständniß für das Wesen und die Ans gabeil des Judenthums. _—— Druck und Verlag von rituools Mojse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.