Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 395 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228453--57833-3294240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
395 „Halt!" rief ich. „Noch ein Wort, mein Fräulein." Halb mit Gewalt hielt ich sie auf ihrem Sitze feste, während ich so schnell wie möglich sprach, „Halt! Ihrem Kleide nach gehören Sie zur Salvations-Armee, aber Sie sind — Jüdin. Ich bin - Jude. Genügt diese Erklärung?" Sie war ganz ruhig geworden. Lange sah sie mir gerade in die Augen, mit einem trüben Blick und traurigem Gesichte, und Plötzlich sing sie wieder zu weinen all. Ich vermochte kein Wort zu sprechen, mit gesenkten Augen saß ich da wie ein Verbrecher. Nach einiger Zeit schlug ihre Stimme an mein Ohr. Ich wehte mich um. Sie hatte ihren haubenartigen Hut mit den angen Bändern abgenommen und in den Schoß gelegt, die?aare fielen vornüber auf die Stirn; den Kopf gesenkt, sprach ie mit monotoner Stimme, tonlos, die Augen ans den Sand n ihren Füßen gerichtet, als spräche sie zu diesem: „Ja, ich bin eine Jüdin. Jetzt heiße ich Marie; aber amals, als mein guter Vater und mein liebe Mutter Warschau erließen, um in Amerika ihr Glück zu suchen —, damals hieß ich iahel. Ich war nur zwei Jahre, das einzige Kind, der Liebing meiner Eltern, speziell des Vaters. Wir ließen uns in i'ewyork nieder, in Lndlowstreet. Kennen Sie Ludlowstreet, nein Herr? Ja? Dann wissen Sie, was das heißt! Wir oaren sehr arm —, natürlich, sonst hätten wir doch nicht in ndlowstreet gewohnt —, in einem Zimmer wohnten, kochten, bliesen wir Drei. Vater ging hausiren, doch da er dabei nichts erdiente, wurde er Westenmache.r. Jeden Morgen ging er in ie Sweatshops (Schwitzbuden, wie die Räumlichkeiten, in -men kaum fünf Arbeiter bequem Platz haben, wo aber oft wanzig gezwungen sind zu arbeiten, in Newyork genannt erden). Spät Abends kehrte er zurück. Dabei verdiente er erade genng zum Auskommen, nicht mehr. Und so nahm er nn einen Boardes (Pensionär), einen jungen Mann, der auch l unserem Zimmer schlief, hinter einem Vorhänge. Ich war iwa zwölf Jahre alt, als meine liebe Mutter starb, die paar Dollar, die mein Vater gespart hatte, gingen bei der Krankheit rranf. Jetzt Hütte ich eigentlich anfangen sollen, dem Vater u helfen, aber wer sollte dann die Wirthschast besorgen? Als b 14 Jahre alt war, verlobte ich mich dein jungen Manne, in Boardes. Dadurch mußte er natürlich unsere Stube verfilm, und dieser Verdienst ging verloren. Eines Tages sagte ic-.n Bräutigam, er wisse ein feines Geschäft, wenn er nur as Geld dazu hätte. Mein Vater, dem das Wohlergehen ines Kindes über alles stand, gab jeden Cent her, den er iederum vom Munde abgespart hatte. Von dem Tage an oben wir meinen Bräutigam nicht wieder gesehen. „Mein ind," sagte eines Abends mein Vater zu mir, als nur unser achtmahl einnahmen - trockenes Brod, Zwiebeln und Salz — 'nein Kind, ich habe lange Jahre im Talmud studirt. Ich;be gedacht, wenn ich jemals an Gott verzweifeln würde, ann würde sich die Erde ansthnn und mich verschlingen, der ich verzweifle, und sie verschlingt mich nicht! Ja, mein md. Dein alter Vater fängt an, au Gott zu zweifeln?" So ' rach er, dabei vergaß er doch nie, seine Gebetriemen jeden iorgen anzulegen. Dann kam der große Schneiderstreik. Sie entsinnen sich och, mein Herr, im vorigen Jahre. Vater gehörte nicht zur uiion, durste also von dort auf keine Unterstützung hoffen, iber wie leben? Wovon? Also ging er eines Morgens wieder n die Arbeit. Eine Stunde später brachten sie ihn zurück, sein armer Kopf blutig geschlaAn, sein Körper mit blauen Flecken bedeckt. Das hatten die Streiter gethan. Was mein Vater nie gethan, das that er jetzt — um meinetwillen — nur um meinetwillen. Er bat bei wohlthätigen Instituten — um Almosen. Diese halfen uns — fragen Sie nicht wie, mein Herr — bis der Streik vorüber war, dann sagten sie ihm, jetzt könnten sie nichts mehr thun. Aber Niemand wollte ihm Arbeit geben, weil überall die anderen Arbeiter, die Unionisten, sofort aufzuhören drohten, falls ein Seab angestellt würde. Seit zwei Tagen hatten wir nichts ordentliches gegessen. Am Morgen des dritten Tages ging Vater wieder aus, zuversichtlich zu mir sagend: „Heute wird unsere Noch ein Ende nehmen." Vorher sank er in die Knie und betete zu Gott; oh, so herzzerreißend, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Gegen Abend kam er wieder. Ich war noch nicht zu Hause, denn auch ich hatte Arbeit gesucht -- ohne Erfolg. Da fand ich Vater bei dem Fenster sitzen, halb todt vor Hunger und Mattigkeit. Ich selbst konnte mich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich erzählte ihm von der Fruchtlosigkeit meiner Mühe, die mir nur gemeine Insulten eingetragen hatte. Erließ mich ruhig aussprechen, dann sagte er: „Nein, mein Kind, es giebt keinen Gott; wenigstens nicht einen solchen, wie wir Juden ihn uns vorstellen." Dann stand er auf, küßte mich und ging hinaus. Ich ließ mich auf den einzigen, eben frei gewordenen Stuhl nieder und blickte hinaus. Plötzlich huschte draußen etwas blitzschnell am Fenster vorüber. Ich hatte das „Etwas" erkannt, es war mein Vater. Mit einen! Gebetriemen hatte er sich die Füße zusammen gebunden, mit dem andern die Hände verschlungen und sich so vom Dache des siebenstöckigen Hauses gestürzt. Als ich nach überstandener Krisis im Hospital der Salvationsarmee erwachte, wohin ich, als das Nächste, gebracht worden war, als ich sah, mit welcher Liebe mich die Armee- Pflegerinnen behandelten, als mir die Oberin in meiner fürchterlichen Heimsuchung eine Strafe Gottes zeigte, eine Warnung, meine verlorene Seele zu retten, da kam mir der Gedanke, selbst in die Armee einzutreten. Mein Glaube an Gott war erschüttert an meinen Gott. Vielleicht — — — Ich bin kein sogenannter „frommer" Jude, aber stolz h'n ich auf die Thatsache, daß ich ein Jude bin. Stolz, daß ich von einem Volke abstamme, einem Volke angehöre, welches auf eine Vergangenheit, auf eine Geschichte zurückblicken kann, wie kein anderes Volk der Welt. An allen! könnte ich irre werden, nur an meinem geliebten Jndenthume nicht! Deshalb war mir die Folgerung des Mädchens, ihr Grund, weshalb sie der Armee beigetreten, ganz unverständlich. Daß der Vater, ein „frommer Jude", an seinem Gotte verzweifelte, — das kann ich mir nur damit erklären, daß er momentan durch Sorge und Noth unzurechnungsfähig - direkt verrückt war. Denn wir wissen doch, daß gerade die Aermeren das größte Gottvertrauen besitzen, leider! Wenn ich eine Erzählung öderem Feuilleton zu schreiben hätte, ließe ich die Sache anders kommen, aber - bis jetzt habe ich die reine Wahrheit geschrieben. Die Thatsache besteht, und wie gesagt, ich kann mir die Handlungsweise des Mannes nur wie schon angedeutet erklären. Wie lange wir neben einander saßen,' ein Jeder seinen Gedanken nachgehend, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß