Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 394 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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394 die verstimmten Bässe einiger alten Krüppel — und wenn das Thema dieses Aufruhrs, zur Melodie des Hochzeitsmarsches aus „Lohengrin" gesungen und gespielt — wenn man angestrengt hinhört, kann man die Melodie nach einiger Zeit feststellen — etwa lautet: Oh. kommt zu dem Herrn, Er hat euch doch so gern, Er liebt euch doch so iuuiglich, Warum bleibt ihr ihm fern? daun scheue ich keinen noch so großen Umweg, um dieser künstlerischen Produktion aus dem Wege zu gehen und meinen Nerven eine nnnöthige Aufregung zu ersparen. Doch eines schönen Tages übertönte das Getöse der Hochbahn und der Lärm der Straße sogar das Spiel der Friedeusarmee; möglich auch, daß der Mann mit dem Horn den Schnupfen hatte oder der von der Pauke gerade an Eicht litt, kurz —, ehe ich mich durch Tramway, Elektrische u. s. w. hatte durchdrängen können, sah ich mich von einer großen Menschenmenge umringt — so vom Typus des Berliner Schlachtenbummlers — und vor mir die Heilsarmee, Männer und Frauen, alt und jung, schön und häßlich, nicht in Marschordnung, sondern im Kreis ausgestellt, fix und fertig für den Anfang eines Revivals. Schleunigst wollte ich mich rückwärts kouzentriren — doch gerade in dem Augenblick trat ein bildschönes, etwa achtzehnjähriges Mädchen hervor; mit in die Höhe gehobenem Blick und vorgestreckten Händen sing sie an zu erzählen, wie sie auf so wunderbare Weise gerettet — vielmehr ihre Seele gerettet worden war, wie Gott sie hart gestraft, wie sie gelernt habe darin nur eine göttliche Züchtigung zu sehen —, und dabei rollten über ihr liebes Gesichtchen langsam zwei Helle, große Thräuen hinunter, denen bald mehr und mehr folgten, bis sie überhaupt nicht mehr sprechen konnte und von einem Manne abgelöst wurde, einen: echten Galgengesichte, der mit harter Stimme und frecher Stirn laut verkündete, daß er früher ..X<> oooch' gewesen sei — ein Dieb, der schon manches Jahr im Zuchthaus gesessen, doch jetzt sei „auch er" gerettet. Ich hätte alles dieses nicht abgewartet; auch die Schönheit des Mädchens hätte mich nicht zu halten vermochte, wenn ich nicht auf den ersten Blick in den: Mädchen eine — Jüdin erkannt hätte. Eine Jüdin in der Heilsarmee! Einen Chinesen hatte ich da schon gesehen; ja, einmal in: Westen sogar einen Indianer, aber — eine Jüdin — noch nie! Der Radau auf der Straße hatte seinen Zweck erreicht. Eine nach Hunderten zählende Menscheiunenge begleitete die Heilsarmee, - wieder unter den üblichen, nervenerregenden Umstünden nach der Baracke. Auch ich ging mit, denn ich wollte Näheres über dieses Mädchen erfahren. Ich wollte mir einbildeu, daß nur die Neugierde mich leite, und doch fühlte ich in meinem Innersten, daß ich mich selbst belog. Das Mädchen hatte mein Interesse, meine regste Theilnahme geweckt; sie war so schön und hatte — oh - so bitterlich, so sehr sehr bitterlich geweint; dazu ein paar rohe Scherze der umherstehenden Strolche — ich wollte und mußte mehr erfahren. Die Baracke - wie die Heilsarmee ihren prächtigen Saal in der 14. Straße nennt — war überfüllt. Ich hatte auf einer der letzten Bänke Platz genommen, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Diese ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Erst Harmonikaspieler:, darut Hallelujahs ohne Ende, daun Gebete, oder eher ungereimte Ausrufe, die in Deutschland vielleicht für alles andere wie Gebete gelten würden. Eines Satzes erinnere ich mich genau. Der Mann mit dem Galgengesichte, der „gerettete" Dieb, meinte: „60) 8 rmck girls — Jnngens und Mädels — ich kann Euch sagen, Gott ist doch ein ganz guter Kerl. Kommet her und laßt Euch retten (de Luvecl), ich geb' Euch mein „Ehrenwort", es wird Euch nicht Leid thnn,Hallelnjah." Darauf folgte ein lautes, inbrünstiges „Amen" von der ganzen Gesellschaft, und als Begleitung für den übriger: Text der „Ansprache" ein Gestöhne, als wenn sie Alle ganz plötzlich vor: heftigen Leibkneifer: gepackt worden wären. Dann kau: die Aufforderung des „Kapitäns" an alle Diejenigen, welche gesündigt hatten. „Ihr," sagte er, „die ihr gestern oder vorgestern oder voriges Jahr gesündigt habt, erhebt euch und kommt nach vorn; setzt euch auf die Büßerbank, auf daß wir eure Seelen retten, Hallelnjah." Er schien ein kollosales Vertrauen auf die Moral seines Publikums zu setzen, denn die „Büßerbank" war höchstens groß genug für zehn Personen. Doch nicht einmal zehn Personen in dieser ganzen Versammlung hatten ihrer Meinung nach „gestern, vorgestern oder voriges Jahr" gesündigt —, es schien kein Mensch das Bedürfnis; zu fühlen, sich retten zu lassen, — wiederholte Exhortationen änderten nichts an dieser Thatsache. Und da der Berg nicht zu Mohammed gehen wollte, ging Mohammed zum Berge. Bald waren sämmtliche „Soldaten" unter der Menge zerstreut, jede einzelne Person in dem großen Saale ansprechend, sie zu bekehren trachtend und gleichzeitig „Kriegsrufe" verkaufend. Zu meiner großen Freude gewahrte ich, daß ich Glück hatte; „mein Mädchen" sprach den Ersten meiner Bank an. Jetzt war sie bei meinem Nachbar angelangt, einem Schweden, der jedenfalls erst ganz kurze Zeit im Lande war und eine solche Versammlung überhaupt noch nicht „erlebt" hatte. Denn als die Kleine in ruhigem, ziemlich überzeugungsloseu: Tone — so ähnlich, wie man etwas Auswendiggelerntes wiedergiebt — zu ihm sagte: „Möchten sie nicht auch zu uns kommen und für den Herrn arbeiten?" anwortete er allen Ernstes in sehr gebrochenen: Englisch „Nein, danke; ich habe eine sehr gute Stelle." Selbst über das traurige Gesichtchen des Mädchens flog ein Lächeln, und nachdem der Schwede ihr galant einen „Kriegsruf" abgekauft hatte, wandte sie sich mir zu. So gegen sechs Uhr Abends des folgenden Tages saß ich auf einer schattigen Bank des Zoologischen Gartens im Centralpark und wartete. Denn Abends vorher hatte ich der schönen Soldatin einen „Kriegsruf" abgetanst; dann hatte sie neben mir Platz genommen, ich hatte ihr geduldig zugehört — kurz, ein Rendezvous für heute um sechs war die Folge. Schon von Weitem erkannte ich sie. Einen Stoß Zeitungen unter den: Arm kam sie auf mich zu, und mir einen hinhaltend, sagte sie lächelnd: „Kaufen Sie einen „Ruf", mein Herr; nur zehn Pfennig," und dann gleich darauf recht ernst: „Warum haben Sie gewünscht, mich hier zu sprechen?" Sie hatte, auf meinen Wunsch, neben mir Platz genommen. „Weil Sie mich interessiren," antwortete ich. „Als Sie gestern hervortraten und erzählten, wie glücklich Sie sich fühlten und dabei so weinten — dem reinen Glücksgefühle sind diese Thränen wahrlich nicht entsprungen; ich sah', daß Sie unglücklich sind. Sie thaten mir — leid" — — — „Also Neugierde und Mitleid," unterbrach Sie mich kurz. „Mein Herr, ich werde Ihre Neugierde nicht befriedigen —, für Ihr Mitleid danke ich." Sie wollte gehen.