Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-16 · Heft 33 (16.8.1901) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
Seite 393 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228453--57831-3294238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

393 frischen Blumen duften erfrischend, an Stelle der ärmlichen Decken kommen reichgestickte auf kurze Zeit ans Licht, um mit dem Ausgang des Festes wieder zu verschwinden. Doch wem verdankt das Aschenbrödel im Märchen seinen Glanz? Dem Bäumchen, das es auf der Mutter Grab gepflanzt und mit seinen Thräneu begossen hat. Aehnlich verdankt auch das jüdische Volk seinen Ruhm und Schmuck der Pietät und der Pflege des ihm anvertrauten Gesetzbuches, und eine Abschrift desselben ist auch der Mittelpunkt, um welchen sich ein sehr großer Theil der Kunstbethätigung in der Synagoge dreht. An bevorzugtester Stelle wird diese auf Pergament geschriebene Gesetzesabschrist, Thvrarvlle genannt, anfbewahrt. An der dein Eingang gegenüberliegenden Seite steht sie erhöht, sorgfältig bedeckt, in einem Schrank, Vor- oder Ausbau, der sogenannten heiligen Lade, die auch in dem kleinsten Bethaus mit einigen Säulen oder den Gesetzestafeln als Bekrönung verziert ist. Oft finden sich prachtvolle Schnitzereien nnd Intarsien an den Thüren der heiligen Lade, zieren sie Marmorsäulen und Taseln in allen Stilarten. Der stets höher als der Fußboden liegende Grund der Lade sührt zu schönen, von Kandelabern erhellten Treppenanlagen: immer aber ist die heilige Lade diejenige Stelle, welche, am meisten geschmückt, dem jeweiligen Raum sein Gepräge giebt. Entsprechend dem Vorhang im Allerheiligsten im einstigen Tempel, hängt jetzt auch in der Synagoge ein Vorhang vor der heiligen Lade. Hier, bei den großen Flächen, kommt die Stickkunst zu ihrem Recht, und zwar sind es größteutheils werthvolle Stoffe, schwere seidene Brokate, in welchen uns manche charakteristische Muster des 17. und 18. Jahrhunderts bewahrt sind, aus welchen die Vorhänge hergestellt sind. Neben allgemein dekorativen Ornamenten aller Stile sind Hauptmotive der Stickerei: Kronen, die Gesetzestafeln mit den Anfangsworten der zehn Gebote, Gegenstände aus dem Tempel in Jerusalem nnd Widmungen in der quadratischen, sehr dekorativ wirkenden hebräischen Schrift. Mit Vorliebe ist stets Goldstickerei angewendet worden, zu den ernsten Feiertagen Silberstickerei auf weißem Grund, doch sind auch in farbiger Seide ausgcführte Blumengehänge und Arabesken früher häufiger verwendet worden. In Bezug auf den anzuwendenden Stil herrschte stets vollste Freiheit; findet man auch oft Anklänge an mallrische Motive, so war doch stets jede Stilart ebenso berechtigt, so lange ein gewisser Ernst in Zeichnung und Ausführung gewahrt blieb. Daß die oft meisterhaft gestickten Vorhänge immer von der Hand jüdischer Frauen allsgeführt wurden, ist natürlich sehr zu bezweifeln; sicher war manches Stück profanen Zwecken dienstbar, ehe es für einen heiligen verändert wurde. Die Zurückgezogenheit aber, in welcher die Jüdinnen früher lebten, eine gewisse, nie ganz verlorene Handfertigkeit sowie der oft anzutreffende Familieubrauch, das Hochzeitskleid der Braut nicht wieder zu tragen, sondern es für einen gottesdienstlichen Zweck umzuarbeiten, befürworteten die Hebung in der Stickerei, wie es anderseits auch die oft unglaublichen Anstückungen in den Brokatstoffen erklärt. Noch jetzt bestehen, über Deutschland verstreut, mehrere hundert Frauenvereine, deren Hauptzweck freilich die Pflege der Wohlthätigkeit ist, die aber in vielen Fällen auch für die Instandhaltung und Neuanschaffung der Synagogeustickereicn ihrer Gemeinde sorgen. Daß Männer Synagogenstickereien geschäftlich ausführten, kommt zu Anfang des 19. Jahrhunderts des Oesteren vor, sogar in derselben Familie durch mehrere Generationen hindurch. Die nicht so seltenen Namen Gutsticker, Goldsticker u. s. w. lassen vermuthen, daß dieses häufiger der Fall war. Ließe sich bei den Paramenten also von einer gewissen selbständigen Kunstbethätigung israelitischer Kreise sprechen, so ist dies bei anderen Techniken, die bei der Verzierung des Gotteshauses in Frage kommen, bei den Metallarbeiten, ganz ausgeschlossen, dafür sorgten schon die Zunftmeister. Was die Juden aber als Handwerker hätten leisten können, das zeigt ihre Thätigkeit nach der Erfindung der Buchdruckerkunst. Nachdem bereits 1470 jüdische Druckereien in Italien und Spanien errichtet worden, wurde in Deutschland (nach Kohuts Geschichte der deutschen Juden) 1512 die erste in Tübingen gegründet. Die Leistungen der jüdischen Buchdrucker waren in jederWeise vortrefflich, jüdische Frauen und Mädchen halfen als Setzerinnen und rühmten sich ihrer Thätigkeit. 1560 begann aber schon die Hetze gegen die jüdischen Buchdrucker, der sie bald weichen mußten. Wenden wir uns wieder der Abschrift der fünf Bücher Mosis zu. Schreiber werden ja auch die Versertiger derselben genannt. Richtiger sollte man Kleinkünstler jene Leute nennen, welche in jahrelangem Fleiß, mit erstaunlichster Genauigkeit zehutansende von Buchstaben in haarscharfer Korrektheit und größlentheils mit einer gewissen Schöne in den gestatteten Verzierungen auf die langen Pergamentrollen zeichnen. Trotzdem dieses Schreiben der ganze Lebenszweck dieser Männer ist, können dieselben, wenn sie es ernst meinen, nur wenige Exemplare fertig bringen und kaum ihre Lebensexistenz damit finden, die Erfüllung ihrer Pflicht muß ihnen der beste Lohn sein. Was will es denn bedeuten, wenn eine Thorarolle ca. tausend Mark kostet, wenn so lange Arbeitszeit für die Herstellung derselben nöthig war! Die Ende»» der zehn bis zwanzig Meter langen Pergamentrollen sind auf Holzrvllen befestigt, welche am unteren Ende zu einem Griff zum Heben ausgearbeitet sind, oben aber je in einer Spitze enden, um die silbernen Verzierungen aufzunehmen. Am Griff und unterhalb der Spitzen sind Handteller angebracht, damit das Pergament nicht herabgleiten oder nach oben sich verschieben kann. Größteutheils nur fein gedrechselt, boten diese Griffe und Handteller doch auch willkommene Gelegenheit zur Ausschmückung, indem man sie mit Silber belegte und fein ciselirte. (Schluß folgt.) Eine von der Heilsarmee. Von O. T. Schweriner. (Z^^Tenn die Heilsarmee die Bowery, die mit Recht verrufenste ^2) Straße der Welt, entlang marschirt, mit fliegender o Fahne, und ihre Trommeln, Pauken und Trompeten in ungleichem Tempo erklingen lassend, als wenn jede einzelne und mit Betonung sagen wollte: „Ich kann hier thun, was mir beliebt," dazu lallte, weithin schallende Hallelujahs, krächzende Frauenaltos und quietschende Männertenöre, dazwischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.