Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 392 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Ferment nationaler Zersetzung (nach Mommsen), und 2. weil durch die Statistik festgestellt sei, daß die Fruchtbarkeit der Ehen zwischen Juden und Deutschen um -/), geringer sei als die der Ehen unter christlichen Ehegatten. (Die angeführte Statistik umfaßt den immensen Zeitraum von 1875—79 und registrirt natürlich nur die Ehen zwischen Christen und Juden, nicht aber die zwischen Christen und getauften Juden, welch letztere selbstverständlich den weitaus größten Prozentsatz zu Mischehen stellen.) Herr Bäcker verzichtete sogar daraus, uus den Vorwurf des Wuchers zu machen, ja selbst den Ritualmord und all solche Kleinigkeiten schenkte er uns. Zu diesen rein politischen Erwägungen kommen dann noch Gründe sozialer Natur, nämlich die einseitige Entwickelung des Judenthums nach der wirthschastlichen Seite hin, die sich zwar durch die gegebenen Verhältnisse erklären lasse, aber doch immerhin bestehen bleibe und in ihren Konsequenzen eine Gefahr für das Deutschthum darstelle. Hinzukommt der verhältnißmäßig übergroße Antheil des Judenthums an der Bildung, der auch wieder eine Beengung des andern Volkstheiles, nämlich des Dentschthums, sei. Conclusio: Der Jude ist kein Deutscher und kann auch nie einer werden, er hat darum auch kein Recht, im deutschen Lande als staatsbürgerlich gleichberechtigt behandelt zu werden, (siioll erat ckemoimtranclum. Das ist doch wissenschaftlich, nicht wahr? Mehr können wir doch nicht verlangen, als daß man uns klipp und klar mit wissenschaftlichem Ernste beweist, daß wir Juden in unserem deutschen Vaterlande nur Gäste sind und stets nur sein können, die auf die Gnade des Gastgebers angewiesen sind. Mit Verlaub, Herr Bäcker, wodurch unterscheidet sich denn eigentlich dieser „wissenschaftliche" Antisemitismus von dem gewöhnlichen? Etwa dadurch, daß Sie Ihre antisemitischen Phrasen nicht mehr im Tone des Redakteurs Vorbringen, sondern in dem des Professors? Aber, Herr Bäcker, der Ton macht zwar die Musik, aber nicht die Wissenschaft. Ich glaube, der Unterschied liegt wohl nur ün Temperament und ist eigentlich nur für die Antisemiten von Belang. Für uns Juden, meine ich, ist's doch wohl ganz gleich, ob Sie uns mit Ochsenziemern todtschlagen wollen oder mit einem Spazierstöckchen, das einen silbernen Knopf hat. Und für so dumm halten wir Sie wirklich nicht, daß wir glauben könnten, Sie wären nicht im Stande, für Ihre Gesinnung ein wenn auch nur fadenscheiniges wissenschaftliches Mäntelchen zu finden. Wozu also die Farce? Wozu erst den ganzen umständlichen wissenschastlichen Apparat ausbieten — wo Sie doch früher dasselbe ohne ihn erreichten! Aber - lächerlich sind eigentlich nicht die Antisemiten dadurch, sondern wir Inden, die wir uns noch die Mühe nehmen, die scheinbar ernst gemeinten Vernunftgründe widerlegen zu wollen. Eni Iwiic»? Und wenn wir mit Engelszungen redeten und jeden uns gemachten Vorwurf tausendmal widerlegten — ein anderer antisemitischer Redner in jener Versammlung sprach es offen aus: und wenn auch die Juden Recht haben mit ihren Forderungen, so kann man es dem Deutschthum doch nicht verübeln, wenn es seine Interessen selbst gegen das offenbarste Recht wahrnimmt, denn nicht das Recht entscheidet, sondern die Macht! Und noch eins: in der Versammlung kam die trostlose Zersplitterung, die im jüdischen Lager herrscht, so recht zum Ansdruck. Es kamen von jüdischer Seite alle existirenden verschiedenen Richtungen und Parteien (und es sind deren nicht gerade wenig!) zum Wort. Und nun hätte man meinen sollen, sie hätten sich alle mit gleicher Vehemenz auf den gemeinsamen Feind gestürzt — aber was geschah? Sie bewarfen sich gegenseitig mit Koth - und die Antisemiten lächelten zufrieden! Giebt es denn für uns keine Möglichkeit, uns zu einigen? Wird die Erfahrung uns nie klug machen? Kunstgewerbliche Kynagogenschahe. Von Eduard Joel. I. ie Kunst im Dienste der Religion ist ein so oft und so gern behandeltes Thema, daß es Erstaunen erwecken muß, auch in ausführlichsten Spezialwerken keine Andeutung zu finden, wie sich Kunst und Kunsthandwerk in den letzten Jahrhunderten zum jüdischen Kultus stellten. Freilich, die Synagogenbauten der letzten Jahrzehnte werden erwähnt, über den Tempel Salomos kam erst vor einigen Jahren ein Prachtwerk in Paris heraus, aber sonst herrscht Schweigen überall, höchstens läßt sich der Stoßseufzer vernehmen, die jüdische Religion verbiete ihren Bekennern, sich in den bildenden Künsten praktisch zu bethätigen. Es ist wahr, in keinerlei Stoff durste ein Gott darstellendes Bildniß hergestellt werden, doch, von anderen Gründen abgesehen, dürfte die Logik dem nur zustimmen. Können sich doch die Menschen, deren Denkkraft bestimmte Grenzen gezogen sind, und welche abstrakte Dinge, wie Tausende von Bilder¬ und Statuen es beweisen, nur durch sinnliche darstellen können kein höheres Bild des Unfaßbaren machen, als egoistischerweise ihr eigenes. Wie herrlich war aber dennoch der Tempel Salomos geschmückt! Zwei mehr als zehn Meter hohe kupferne Säulen standen zu jeder Seite des Einganges; Schaft und Kapitäl reich mit Schnüren, Granatäpfeln und Blattwerk verziert, vereinigten sie sich oben zu einer gleichfalls aus Kupfer getriebenen mächtigen Rosenlaube, unter welcher man den Tempel betrat. Waren die massigen Steinquadern an der Außenseite ganz mit Cedernholz belegt, in welches von Rosetten gehaltene Gehänge von offenen Blumen geschnitzt waren, so boten die Cedernholzwände der innereil Halle einen blendenden Anblick durch die Belegung mit Eoldplatten. Von Gold waren Fußboden und Thüren, reiche Friese von Blumengehängen, Engelsgestalten und Palmen zogen sich an allen Wänden umher. Heute giebt es nur schwache Versuche, die dem Gottesdienst geweihten Räume zu schmücken, und doch liegen gar manche Schätze in den Hallen der sehr oft hinter versteckt liegenden unschönen Häusern befindlichen Bethäuser. Dieses ängstliche Versteckthalten, nicht etwa schlechter Wille ist der Hauptgrund, daß die kunstgewerblichen Gegenstände der Synagogen unbeachtet blieben. Betrat selbst ein Unberufener zufällig den Betsaal, dann sah es in demselben so unansehnlich, fast ärmlich aus, wie nur Aschenbrödel in der Herdasche aussehen konnte. Aber wenn der König ein Fest giebt, dann schmückt sich Aschenbrödel; kostbare Wandbehänge, silberne Leuchter und Kronen, Kannen und Becken kommen zum Vorschein, Gehänge von