Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-16 · Heft 33 (16.8.1901) · p. Seite 391

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
Seite 391 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228453--57829-3294236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

391 eines einzelnen Mannes, welcher statt Gold nur Gottvertrauen und den heißen Wunsch, den Glaubensgenossen zu helfen, bieten konnte, jetzt eine der reichsten, wenn nicht die reichste Stiftung Berlins, jetzt die hohe Huld, mit welcher die erlauchteste Protektion Ihr Streben mächtig fördert." Der Herr, der so sprach, war der damalige Direktor des Königl. Provinzial- Schulkollegiums, in das heute leider ein anderer Geist eingezogen ist. Auch andere Institutionen sind in unserer Mitte unter diesen: Protektorat begründet worden. Als der Deutsch-Israelitische Gemeindebund an die Begründung einer Central- Versich erungs- und Pensionskasse für jüdische Gemeindebeamte ging, ließ er aus Anlaß der Silberhochzeit unseres verehrten Kronprinzenpaares, die im Januar 1883 in ganz Deutschland mit patriotischer Begeisterung begangen ward, schon im November 1882 einen Aufruf ins Land gehen, in welchem es hieß: „Die mühselige und bedrängte Exisienz unserer Beamten und namentlich unserer Lehrer nach Möglichkeit zu heben nnd sicher zu stellen, ihnen die Sorge snr ihre Zukunft und die ihrer Hinterbliebenen zu erleichtern, sie dadurch arbeitssroher und arbeitskräftiger zu machen, ihnen den Lebensabend zu verschonen, ist nicht nur jüdische Ehren- und Herzensp flicht, sondern zugleich ein patriotisches Werk und ganz im Geiste unseres für Bildnngs- und Gesittung so warm fühlenden kronprinzlichen Ehepaares. Ihrem edlen und menschenfreundlichen Sinne bringen wir gewiß die würdigste Huldigung dar, wenn wir bescheiden und geräuschlos unsere Pflicht gegen Diejenigen erfüllen, die unsere Jugend zu guten nnd tüchtigen Bürgern: erziehen sollen, wenn wir unsere Beamten der Noth zu entreißen nnd ihre Lebensstellung so zu gestalten suchen, wie es ihrem ernsten nnd heiligen Berufe entspricht. Der Aufruf hatte einen sehr erfreulichen Erfolg. Obwohl kurz vorher erst die Leide:: unserer russischen Glaubensbrüder hohe Anforderungen an die Mildthätigkeit gestellt hatten, konnte am 15. Januar 1883, dem Tage der Silberhochzeit des kronprinzlichen Paares, die Stiftung mit einen: Fonds von 17 000 Mark ins Leben treten. Die Widmung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes wurde seitens des Kronprinzen und seiner hohen Gemahlin angenommen. Der die Bürger aller Konfessionen mit gleicher Liebe umfassende echt inenschliche Sinn des Kronprinzen und der Kronprinzessin bewährten sich ü: folgendem an den Gemeindebund gerichteten Antwortschreiben der kronprinzlichen Kanzlei, durch welches die Stiftung den Namen erhielt: „Friedrich - Wilheln: - Viktoria - Stiftung, Central-Versicherungs- und Pensionskasse für jüdische Gemeindebeamte : „Berlin. 10. Februar 1883. Ihre kaiserlichen und königlichen Hoheiten der Kronprinz nnd die Frau Kronprinzessin haben die Adresse des Deutsch-Israelitischen Gelueindebundes, welche Höchstdenselben . . . von der Gründung einer Central-Versicherungsnnd Pensionskasse für jüdische Gemeindebeamte Kenntnis; giebt, mit aufrichtiger Befriedigung empfangen nnd fügen der Versicherung Ihres warmen Dankes für den durch ein Liebeswerk sich kundgebenden nnd dadurch Ihrem Sinne besonders entsprechenden Ansdruck der Theilnahme an dem gefeierten Familienfeste gern die Genehmigung hinzu, daß diese milde Stiftung Höchst Ihren Namen trage." Die verewigte Kaiserin blieb bis zu ihren: Ableben Protektor:« des AuerbachMen Waisenhauses, nicht nur den: Namen nach, denn sie gab mannigfache Beweise ihrer Huld, z. V. gelegentlich des 25 jährigen Jubiläums der Knabenanstalt und der Uebersiedeluug in das neue Heim, Schönhauser Allee 102, das sie freilich infolge ihrer schweren Krankheit nicht mehr persönlich einweihen konnte; sie unterstützte die Baruch Auerbachschen Waisen-Erziehnngs-Austalten durch fortlaufende Jahresbeiträge bis zu ihrem Ableben, ganz im Sinne ihres verewigten Gemahls, der die Anstalt in der Oranienburgerstraße persönlich besucht und ihr stets warme Theilnahme bewiesen hat. So schließen auch wir uns dem in diesen Trauertagen für die Gotteshäuser vorgeschriebene:: Gebete an, in dem es heißt: „Ans der Höhe leuchtenden Erdenglückes angelangt, war es in Gottes unerforschlichem Nathschluß ihr beschieden, nach 30 jähriger reich gesegneter Ehe den kaiserlichen Gemahl in voller Blüthe der Mannesjahre ihrer Liebe und der dankbar liebenden Anhänglichkeit eines großen Volkes entrissen zu sehen. Die frische Trauer erneuert uns den Schmerz jener dunkler: Tage. Auch sie hat gelitten, ohne zu klagen und die Trauer ihrer Wittwenschaft mit der stillen Ergebung und Tapferkeit eines standhaften Gemüths getragen. Was zur geistigen Hebung unseres Volkes, zur Förderung des Volkswohles und Beseitigung der Volksnöthe geschehen konnte, hat bei ihr stets und bis zuletzt die Hilfe eindringenden und warmherzigen Verständnisses gefunden." Der „wissenschaftliche" Antisemitismus. Von Alfred D all manu. (^^hatsächlich, wir leben in einer herrlichen Zeit! Während wir Juden früher von dem ganz gewöhnlichen Wald-, Feld- und Wiesenantisemitismns todtgeschlagen werden konnten und wurden, haben wir heute das Recht zu verlangen, daß nur der auf wissenschaftlicher Basis ruhende Antisemitismus uns todtschlägt. Gott im Himmel, was ist das für ein wonniges Gefühl der Beruhigung, das uns da beschleicht! Allerdings — das einzig Unangenehme dabei ist, daß wir immer noch todtgeschlagen werden. Aber können wir nicht mit einem gewissen Stolz unser Haupt unter den Fuß unseres Henkers legen, wenn dieser, bevor er zun: Todesstreich ausholt, uns versichert — daß er wissenschaftlicher Antisemit sei und nicht so ein ganz gewöhnlicher Antisemit? In der That, die Menschenfreundlichkeit der Antisemiten entbehrt nicht eines erhabenen Anstrichs; und wenn sie uns zum Richtplatz führe»:, erzählen sie uns, das rothe Gewand, das sie tragen, sei nicht etwa ein Henkermantel, sondern — die Toga des Universitätsprofessors! Glückliches Judenthnm, das unter den Streichen solcher Leute sein Leben aushauchen darf! Vor wenigen Tagen wurde in der staatswissenschaftlichen Abthsilung der „Berliner Fiukenschaft" von dem antisemitischen Redakteur Bäcker ein Referat über die Judenfrage gehalten, in den: von den: Redner die sogenanten wissenschaftliche:: Grundlagen des Antisemitismus festgestellt wurden. Diese gipfeln in folgender Ueberlegung: Das Judenthum ist nicht im Stande, zum Theil auch nicht willens, sich von seiner vieltausendjährigen Geschichte und Tradition loszureißen und rückhaltlos in: Deutschthum aufzugehen. Warum nicht im Stande? Weil die „jüdische Nasse" ein Völkerelement darstellt, das vermöge seiner natürlichen Anlage dem Deutschthum außerordentlich fremd gegenübersteht. Und selbst wenn sie dazu im Stande wäre, so wäre dies vom Standpunkt des Deutschthums aus nicht erstrebenswerth, weil 1. die „jüdische Rasse" kein fruchtbares nationales Element sei, sondern ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.