Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 390 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Brandenburger Thor fuhr, um, vom Krankenbett des dem Tode geweihten Kaisers Friedrich kommend, sich zur englischen Kapelle in der Oranienburger Straße zu begeben, stand ich zufällig in der Nähe der englischen Botschaft Unter den Linden mit den Kindern einer befreundeten Familie, die in der damals unter vielen Berlinern herrschenden bangen Erregung über das Schicksal Kaiser Friedrichs gern einmal die Kaiserin Friedrich sehen wollten. Wir haben sie an jenem strahlendem Juninachmittag auch wirklich gesehen, aber Thränen entflossen ihren Augen, als sie den Blick auf die Menge richtete, um dann schnell einem sonnigen Lächeln über die ihr von unserer Gruppe dargebrachten Ovationen Platz zu machen, vielleicht waren es auch Frendenthränen — denn der Mob hatte, eiugeschüchtert, von seinen geplanten unsauberen Demonstrationen Abstand genommen. Ich sprach soeben von einer damals herrschenden Erregung. Es war wirklich so, und die zahllosen, in unseren Synagogen dem Kaiser Friedrich gewidmeten Gebete geben Zeugniß davon, wie tief dieses Empfinden ging. Diese tiefe Liebe und Hingebung an das erlauchte Paar, namentlich seitens unserer Glaubensgenossen, war aber auch redlich verdient in erster Linie durch die wahrhaft wohlwollende Hochachtung, welche der Kronprinz nicht minder als die Kronprinzessin dem Judenthum jeder Zeit entgegenbrachten. Nur ein Beispiel. Am 5. Oktober 1866 besuchte nach Eintragung des Kastellans der Neilerl Synage Ihre königliche Hoheit die Kronprinzessin Viktoria mit dem Prinzen von Wales dieses Gottesharts. Der Kronprinz war nicht weniger als neunmal, stets irr Begleitung hoher fürstlicher Persönlichkeiterl da. Am 1. April 1874 wohnten auf Veranlassung ihrer Eltern auch der jetzige Kaiser und Prinz Heinrich dem Gottesdienste bis zum Schluß bei. Als der erste Vorstehender jüdischen Gemeinde Meyer Magnus starb, sarrdte die Kronprinzessin Victoria ihren Galawagen, da sie persönlich dem Leichenbegängnis; nicht beiwohnen konnte. Warum wir zuerst vor Erwähnung weit innigerer Beziehungen zu unseren jüdischen Wohlthätigkeitsiustituten und hervorragenden Persönlichkeiten des Judenthunls diese äußerlichen Zeichen der Theiluahme erwähnen? Weil gerade diese demonstrativen Beweise der Hochachtung und Gteichbewerthnng des Jndenthums dem Kronprinzen und namentlich der Kronprinzessin unzweifelhaft den Zorn der antisemitischen Mellte, die mit Beschimpfungen nicht kargte, zugezogen haben. Erhebender wird es sein, die gemeinnützigen Bestrebungen der Kaiserin Friedrich zu besprechen. Auf ihr Protektorat bei dem Auerbachschen Waisenhause in Berlin und die Friedrich-Wilhelm-Viktoria-Stiftung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebuudes kommen wir noch zurück. Im Allgemeinen zeigt sich, daß alle Bestrebungen, denen die Kaiserin ihre Unterstützung und Arbeit lieh, frei sind voll jeder konfessionellen Engherzigkeit. Im kronprinzlichen Palais verkehrte neben Helmholtz, Siemens, Nirchow auch Berthold Auerbach und Moritz Lazarus, der hauptsächlich für das für eine maßvolle Frauenbewegung so wichtige Victoria-Lycenm wirkte. Das Bestreben, das einseitig Konfessionelle ausznschalten, zeigte die Kaiserin namentlich auch auf dem Gebiete der Krankenpflege. Es ist nicht unwichtig, zu erwähnen, daß für das ihren Namen tragende „Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhaus", dem sie stets ihre besondere Theiluahme spendete, ein jüdischer Professor als Leiter berufen wurde. Es ist selbstverständlich, daß die Kaiserin auch die Ansichten ihres Gemahls in der sogenannten Judenfrage, die für die Antisemiten an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, getheilt hat. Wenn Ulan bedenkt, unter welchen Schwierigkeiten im April 1833 der Leiter der jüdischen Gemeinde-Knabenschule, Baruch Auerbach, in die Fürsorge für die jüdischen Waisen (nicht nur Berlins) eingetreten war, wird man die Befriedigung verstehen, mit der 50 Jahre später, am 10. April 1883, die Vertreter der Berliner Gemeinde den Kronprinzen und die Kronprinzessin in den damaligen Räumen des Waisenhauses zur Jubelfeier des 50jährigen Bestehens der Anstalt begrüßten. Der Kronprinz und die Kronprinzessin hatten angeordnet, daß alle Räume und Einrichtungen der unter ihrem Protektorat aufgeblähten Anstalt besichtigt werden sollten und waren bei diesem Rundgang von dem Unterrichtsminister von Goßler. dem Unterstaatssekretär v. Lucanus, einer großen Zahl voll Negierungsrüthen aus dem Unterrichtsministerium, ferner von dem Oberbürgermeister von Forckenbeck, dem Stadtverordnetenvorsteher Strohmann begleitet. Es schlossen sich auf Einladung außer den Mitgliedern des Magistrats noch mehrere der erschienenen Stadtverordneten an, unter denen wir die Herren Solon, Neumann II, Schlesier nennen, ferner seitens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Justizrath Siegmund Meyer, seitens der Nepräsentantenversammlung die Herren Geheimer Sanitätsrath Dr. Oestreich und David Hirschfeld, vier Direktoren der höheren Lehranstalten Berlins, von den Ehrenmüttern Frau Philippine Liebermann und Frau Necha Marckwald. Die Kronprinzessin widmete besonders der Müdcheuabtheilung eingehendes Interesse, sprach mit jeden: der Mädchen, erkundigte sich nach ihrem Bildungsgänge, nach ihrer Klasse, ihrem künftigen Lebensberuf und hatte für jedes Einzelne liebevolle und unvergeßliche Worte. Alle Anwesenden fühlten sich begeistert und gehoben durch diese einfach herzliche Güte. Insbesondere sprachen die Kaiserlichen Hoheiteil dem Vorstande, dessen Vertreter, Herr Jakob Israel, durch einen Orden ausgezeichnet wurde, ihre große Befriedigung über das prächtige Aussehen und ungezwungene Benehmen der Kinder aus. Es sei erwähnt, daß bei der Besichtigung auch die von Herrn Israel gestiftete Laubhütte*) nicht vergessen wurde. Vor: dem praktischen Sinn der verewigten Kaiserin Friedrich zeugt die Thatsache, daß sie sich in der Küche des Waisenhauses nach allen Einzelheiten der Oekonomieverwaltuug erkundigte. Mannigfach waren die Wirkungell dieses hohen Protektorates. Bei den uns Juden gerade von manchen Angehörigen der Beamtenkaste und von geistlicher Seite entgegengebracbten Vorurtheile war die stetige Theilnahme der Verewigten und ihres hohen Gemahls von bedeutender Wirkung. Lange hatte n:an in Preußen voll einen: hohen Beamten des Unterrichtsministeriums eine solche Sprache nicht gehört, wie sie bei dieser Feier Herr Geh. Negierungsrath Herwig vor den Vertretern der Anstalt im Namen des Unterrichtsministeriums in seiner Festrede vortrug: „Vor 50 Jahren die enger: Wände zweier ärmlichen Miethsstuben eines Hinterhauses, jetzt diese stattliche Heimstätte, prachtvoll in denjenigen Theilen, welche der Gottesverehrnng geweiht sind; vor 50 Jahren der Versuch 0 Alls Anlaß des Jubiläums stiftete der seither verstorbene Herr Jakob Israel einen Laubhüttenfvnds von 4500 Mark. Die Zinsen werden alljährlich dazn verwendet, daß die Zöglinge während der acht Tage des Hnttenfestes an der Feier in der Laubhütte Theil nehmen können.