Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 388 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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388 Hinderung der Einwanderung fremder Paupers vorzuschlagen. Die Regierung soll namentlich aufgefordert werden, die s. Z. von den Lords Hardwieck und Salisbury vorgeschlagene Bill wieder einzubringen und dieselbe durch Eiuschiebung der 88 3 und 4 noch zu verschärfen. 8 3 svll lauten: Die vom Board of Trabes eingestellten Inspektoren haben das Recht, jedes einen englischen Hafen anlanfende Auswandererschiff zu betreten und die Passagiere zu inspiziren. Die Inspektoren sind berechtigt, jedem Fremden das Landen zu verbieten, falls dieser nach ihrer Ansicht ein Idiot, kränklich oder arm oder mit einer ansteckenden Krankheit behaftet ist. 8 4. Fremde, denen das Landen verboten wurde, müssen nach dem Einschiffungshafen zurückgeschickt werden. Die vom Board of Trabes zu bestimmenden Kosten des Rücktransports hat der Eigenthümer des Schiffes zu tragen. Hier ist von Inden gar nicht die Rede. Mr. Howard Vincent ging sogar so weit, vom Präsidentenstuhl herab an den Vertreter des „.lorviLli Llironiele", der der Sitzung als Berichterstatter beigewohnt hatte, im Namen der Versammlung das Wort zu richten, um ihu zu versichern, daß in der von ihm geleiteten Bewegung nicht die Spur von Antisemitismus sei. „Im Gegentheil, wir achten die Juden," betheuerte er, „und wir bewundern die Rolle, welche sie in dem gegenwärtigen Kriege spielen. Die Bewegung liegt ebenso im Interesse der Juden wie in dein der übrigen Bevölkerung Englands." Als Vertreter der jüdischen Interessen und bei Leibe nicht als Antisemit präsentirte sich dem Berichterstatter auch Major Evans Gordon, der hoch und heilig versicherte, die Jubelt zu lieben und zu achten. „Würde es sich um die Einwanderung armer Christen handeln, wir würden diesen gegenüber genau dieselbe Stellung einnehmen." (Na, na! Red.) Auch Mr. Gordon versicherte, nur im Interesse der Inden (welche ihn thörichterweise ins Parlament geschickt haben! Red.) zu handeln, da, wenn die Regierung unthütig bleibt, das Volk von London sich selber helfen werde. Im klebrigen müssen die Herren selbst zugeben, daß die von ihnen veröffentlichten Zahlen über die Einwanderung von Juden in England auf Zuverlässigkeit keinen Anspruch machen können, und daß weder die Zahl der nach England alljährlich einwandernden Inden, noch weniger aber die Zahl der Paupers unter ihnen eine irgendwie nennenswerthe Höhe erreicht. Der Urheber der Agitation vermag auch das Wort „Paupers" selbst kaum zu definiren und kann dasür nicht bürgen, daß der von dem Board of Trabes angestellte Inspektor seine ausgedehnte Vollmacht nicht mißbrauchen werde, um jüdischen Handwerkern, Künstlern oder Gelehrten, die zwar viel Geist aber kein Geld besitzen, den Eintritt in England zn verbieten. 4 Die vor einiger Zeit für den Grenzverkehr mit Rußland erlassene, aber bald wieder außer Kraft gesetzte Bestimmung, daß jüdische Händler die Grenze nicht mehr auf Halbpässe, sondern nur mit Auslandspässen überschreiten dürfen, scheint in der That nach einer offiziösen Kundgebung der „St. Petersb. Ztg." noch nicht endgiltig aufgehoben zu sein. Das Blatt schreibt: Die russische Regierung erkenne zwar nicht an, daß die Ausnahmebestimmungen für Juden mit dem Berliner Protokoll vom Jahre 1897 im Widerspruch stehen, habe aber den Warschauer Generalgonverneur ersucht, mitzutheilen, ob es wiinschenswerth sei, die Inden durch Erleichterung des lleberschreitens der Grenze im Grenzhandel zu unterstützen. Somit liegt, wie das Petersburger Blatt betont, die ganze Frage unentschieden, denn die Antwort des Warschauer Generalgouverneurs läßt sich nach den scharfen Artikeln des „Warschawski Djewnik" gegen den Schmuggel und seine Urheber sowie die Maßnahmen zur Beseitigung desselben nicht so ganz sicher voraussehen, zumal inzwischen auch der Entwurf des deutschen Zolltarifs veröffentlicht worden ist, und man in Rußland das Thema der Repressalien in allen Tonarten variirt. -r- Die Verordnung des neuen russischen Kultusministers General Wannowsi, die jüdischen Schüler der Gymnasien betreffend, ruft den Widerspruch aller edeldenkenden russischen Blätter hervor. „Nowosti", „Odeßkija Nowosti", „Rußkija Wjedomosti", „Wostotschnoje Obosrjenije" und zahlreiche andere angesehenen Blätter, welche sich nicht speziell dem Antisemitismus verkauft haben, weisen übereinstimmend auf die Ungerechtigkeit hin, die jüdischen Schüler der Progymnasien, welche schon bei ihrer Aufnahme in der untersten Klasse durch das grobmaschige Sieb der lOprozentigen Auslese gegangen sind, bei ihrem Uebergang in die Sekunda der Vollgymnasien einer nochmaligen Auslese zu unterwerfen. „Odeßkija Nowosti" verweisen ferner auf die vom Zaren gelegentlich der Genehmigung des vom neuen Kultusminister vorgelegten Projekts der neuen Schulreformen eigenhändig niedergeschriebene Randbemerkung: „Ich hoffe, daß den Schülern eine herzliche Fürsorge gewidmet werden wird." „Ist das die vom Zaren gewünschte herzliche Fürsorge!" ruft das Blatt, „wenn die armen jüdischen Schüler, nachdem sie viele Jahre lang in einem Progymnasium zugebracht haben, beim Verlassen dieser Schule wiederum vor eine Barriere gestellt werden. „Nowosti" weisen auf die verderbliche Wirkung hin, welche Ausnahmegesetze, schon auf unschuldige Kinder angewendet, gerade auf die christlichen Schüler ausüben müssen. Das junge kindliche Gemüth lernt schon in der Schule, daß es Bürger ersten und zweiten Ranges giebt, und daß es Menschen giebt, die, obgleich sie Gottes Antlitz tragen, doch vor dem Gesetze minderwerthiger als die anderen Menschen sind. „Rußkija Wjedomosti" endlich haben ein altes bis jetzt nicht ausdrücklich annullirtes Gesetz ausgegraben, welches die lOprozentige Beschränkung vollständig ungesetzlich macht. Das Gesetz vom 4. Mai 1859 legt den jüdischen Kaufleuten und Ehrenbürgern ausdrücklich die Pflicht auf, ihre Kinder in die staatlichen Schulen zu schicken. Dieses Gesetz macht die Beschränkung der Zahl der jüdischen Gymnasiasten und Studenten auf 19 Prozent zu einem Akt roher Willkür, gegen den die geschädigten Inden beim Senat appelliren sollten. Alle diese Gründe werden aber zur Zeit den Juden wenig nützen. Es weht einmal in den höheren Regionen der russischen Würdenträger ein antisemitischer Hauch, und der Kampf des Beamtenthnms gegen die russische Studentenschaft, bei dem das Tschinownikthum zum ersten Male eine schwere Niederlage erlitten hat, hat diesen Hauch zu einem scharfen Wind gesteigert Ein Theil der gedehmüthigten Tschinowniks muß Jemand haben, an dem er seine Wuth auslassen, andere müssen einen Sündenbock haben, den sie der reaktionären kirch-orthodoxen Partei als Besänftigungsmittel hinwerfen könnten, damit diese sich der neuen Schulreform nicht widersetzen. Und da sind die wehrlosen Juden, welche jeder Lump ungestraft malträtiren kann, zu diesem Zweck vorzüglich geeignet. Die Juden Ruß-