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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-16 · Heft 33 (16.8.1901) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
Seite 387 (sequence 5)
Language
German
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Es heißt in dem Blatt: „Die bestimmenden Eindrücke, unter denen sie erzogen und mit den Praktischen Verhältnissen vertraut geworden war, waren nicht dazu angethan, in ihr ein rassemähiges Verständnis; der Judeusrage zu wecken, damit hängt es zusammen, daß ihr gesetzliche Ausnahmebestimmungen gegen das Judenthurn widerstrebten. Aber auch hier lag in ihrem nüchternen Blick das Korrektiv. Sie war unbefangen genug, sich den Gefahren nicht zn verschließen, die in dem unablässigen Wachsthnm der sozialen Macht des Zndenthums lagen. „Die Juden werden uns bei ihrer Emsigkeit noch Alle unterkriegen," dieser Ausspruch zeigt uns, das; sie auch in der Judensrage nichts weniger als eine Parteigängerin des Freisinns, will sagen des nicht selbst vom Gift des Antisemitismus angesessenen Freisinns war. Uebrigens dürfte man in den zunächst interessirten Kreisen über diese Sachlage sehr wohl unterrichtet gewesen sein. Das hinderte natürlich nicht an der Pflege und Verbreitung einer Legende, die aus alle Fälle dem Judenthum nützlich war." Daß der zweite Theil dieser Auslassung dem ersten widerspricht, hat der Schreiber wohl gar nicht bemerkt. Die Aeußeruug der Kaiserin aber, falls sie nicht aus dem Zusammenhang gerissen und eine ganz andere Spitze als gegen die Juden hatte, bedarf wahrlich noch einer anderen Zeugenschaft als der des Raffenantisemitenblattes. Ein solches Zeugnis; ist im Gegensätze zu jener Aeußerung ein Brief Georg v. Bunsens, der folgende Vorgeschichte hat. Als im Jahre 1893 von der Parlamentstribüne herab die Authentizität des denkwürdigen Ausspruchs allgezweifelt wurde' durch den Kaiser Friedrich den Antisemitismus als „die Schmach des Jahrhunderts" bezeichnet hatte, waren es der ehemalige Ehef der Admiralität, General v. Stosch, und Georg v. Bunsen, welche die Echtheit des Wortes bezeugten. G. v. Bunsen schrieb damals (3. April) all den Professor Paul Magnus, der mit seinen Brüdern in einer Eingabe an den Präsidenten des Reichstags gegen die Verunglimpfuug seines Vaters, des verstorbenen Stadtraths Magnus, dem der Abgeordnete Liebermann V.Sonnenberg unterstellt hatte, das Wort von der „Schmach des Jahrhunderts" gefälscht ulld dem Kronprinzen in den Mund gelegt Nt haben, Protest einlegte: „Aus meinem Briefe von 20. Juni 1880, der sich im Nachlasse ihres eligen Herrn Vaters gefunden hat. wissen Sie. daß die damalige Frau KrönPrinzeß mit Abscheu von der Judenhetze prach. Einige Worte, die damals den Schluß ihrer Aeußerungen bildeten, hasten noch frisch in meiner Erinnerung. Die hohe Frau ee- Uärte, daß dem Kronprinzen wie ihr selbst daran gelegen sei, über hrer beiden Vernrtheilung der unwürdigen Agitation nirgend einen ßveifel anskommen zu lassen. Was die Pietät Sie jetzt gut thun heißt, rächte ich zugleich als zum Wöhle des Vaterlandes gethan und wünsche Ihrem Vorgehen, sehr geehrte Herren, den ausgiebigsten Erfolg. Dieser ältere Brief aus dem Jahre 1880 lautete: „Verehrter Herr Geheimrath! Gestern Abend nahm die Frau Kronprinzessin eine Gelegenheit wahr, v o n d er „Iud en - etze" und der „schönen Geduld" zu reden, welche die guden an den Tag gelegt. Im Lause dieses Gespräches habe ich aun der hohen Frau von Ihrer Absicht, das Lessingdenkmal zu reichten, erzählt. Ans meine Aenßerung, daß gerade jetzt der Augenblick mir gekommen zu sein scheine, wo gar Mancher sich freuen würde, eine Gesinnung zu bekunden und damit einer ebenso frechen als unnvarteten Agitation entgegenzutreteu, ging sie lebhaft bejahend ein. Ich hoffe, daß man weiß, wie scharf und entschieden der Kronprinz und ich sie mißbilligen." Ganz der Ihrige G. v. Bunsen." Unsere Verehrung und Dankbarkeit gegen die Kaiserin Friedrich bleibt eine unwandelbare, und dieses Andenken soll uns kein antisemitisches Gerede entweihen. Herr Professor Harnack har in seiner letzten Rektoratsrede einen Ansspruch gewagt, der nicht blos in unseren Kreisen gerechte Verwunderung erregt. Er lehnte den Gedanken, die theologischen Fakultäten zn Hochschulen der allgemeinen Religionswissenschaft umzuwandeln, mit großer Entschiedenheit ab. Das ist seine Sache. In der Begründung seiner Ansichten verflieg er sich aber zu folgender Behauptung: „Das Christenthum ist nicht eine, sondern die Religion." Auch der finsterste Fanatismus hat von seinen Gläubigen selbst im Mittelalter nicht verlangt, diesen Standpunkt einzunehmen. Wann hat jemals die glaubensreinste Inquisition bestritten, daß das Judenthum eine Religion sei, und wann hat je dieses Wort eine Bedeutung gehabt, die es unmöglich machte, von mohammedanischen und sogar von heidnischen Religionen zn sprechen? So fragt mit Recht ein süddeutsches Blatt. Herrn Harnacks Christenthum besteht eigentlich nur in der Negirung und Herabsetzung des Judenthums. Daß er dieses Unternehmen auch in demselben Moment fortsetzt, wo er die Weltmisjion der Bibel in begeisterten Worten preist, ist eigentlich schon fast komisch. Wie sehr er dabei über das Ziel hinausgeschossen, das mag Herrn Professor Harnack die freudige Zustimmung der Konservativen und Antisemiten beweisen. Aber vielleicht kennt der gelehrte Theologe den Vers 11 im ersten Kapitel des Propheten Maleachi, wo es heißt: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang wird mein Name verherrlicht. An jedem Orte wird dargebracht meinem Namen lautere Opfergabe." Nun denn, ist nicht dieser Standpunkt des alten Propheten ein viel höherer als der des modernen Theologen, der eine religiöse Engherzigkeit lehrt, während jener vor mehr als zweitausend Jahren die sittliche Weihe aller Religionen begeistert verkündet hat? ö Am 24. v. M° trat in London im Komiteeranme des Unterhauses eine Anzahl Parlamentarier zusammen, um über Mittel und Wege zur Verhinderung der Fremdeneinwanderung in England zu berathen. Die Herren konstituirten sich zu einem „Parliamentary Pauper Alien Immigration Commitee", worauf der Vorsitzende der neuen Fraktion, der unseren Lesern bekannte famose Howard Vincent, die erfreuliche Mittheilung machte, daß die Fraktion bis jetzt bereits 52 Mitglieder, darunter auch einen — Juden, das bekannte Mitglied von East-London, Herrn Mr. H. H. Samuel, zählt. Von der liberalen Partei ist zwar nur ein einziger Abgeordneter, der Mr. Henry Normann, Mitglied des Unterhauses für Wolverhampton, beigetreten, allein es sind bereits sehr zahlreiche Znftimmungserklärungen auch von Vertretern dieser Partei eingelanfm. Die Vertreter East-Londons, d. h. sämmtliche konservativen Mitglieder des Unterhauses, welche mehr oderweniger mit Hilfe der russischen Inden gewühlt worden sind, gehören alle der neuen Fraktion an, mit Ausnahme des jüdischen Abgeordneten Stuart M. Samuel. Ihren großen Erfolg verdankt die neue Partei derThatjache, daß ihre Führersorgfältig ihr Endziel zu verbergen wissen und hartnäckig behaupten, keine bösartigen Antisemiten, sondern harmlose „Antialienisten" zu sein. Die am 24. Juli, am Abend der Konstitnirnng der neuen Fraktion, gefaßten Beschlüsse erwähnen die Juden auch nicht mit einer Silbe, obwohl alle Anwesenden ganz gut wußten, daß sie vorzüglich auf die russischen Juden gemünzt sind. Dieselben gipfelten darin, die Regierung des Lord Salisbury aufzufordern, Mittel und Wege zur Ver-

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