Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- Seite 386 (sequence 4)
- Language
- German
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386 Kinder vielfach verschieden in ihren Anlagen und in ihrer Empfänglichkeit für die Ausnahme von religiösen Eindrücken und Anregungen, aber in einem sind sie sich Alle gleich: mit der Unmittelbarkeit ihrer jungen Herzen fühlen sie ans Vortrag. Ton, Stimmung und Gesinnung des Unterrichts das religiöse Empfinden des Lehrers heraus, und wenn dieses nicht dem ernsten Gegenstand der religiösen Erziehung entsprechend ist, dann fühlen sich die religiösen Regungen in den Kinderseelen krankhaft angeweht und wachsen sich da mit der Zeit zu Mißbildungen aus, die alle Formen des Skeptizismus an sich tragen, von dem verschlossenen inneren Zweifel zur inneren Entzweiung, zur Gleichgiltigkeit gegen Religion überhaupt, und zuletzt zu jener Entfremdung, aus welcher die neue Spezies der jüdischen Antisemiten entsteht. In diese Wirkungen von Haus und Schule spielen noch manche unerquickliche Erscheinungen ans dem Gemeindeleben hinein, die geeignet sind, jene zu verstärken. Eine derselben ist ohne Zweifel auch die Form der Rabbineranstellnngen in den Gemeinden. Das Abhalten von Probepredigten macht die Synagoge für eine Reihe voll Wochen, ja oft von Monaten zu einer Arena, in welcher sich die Athleten einander ablösen. Alle fühlen sich von dem Schauspiel angelockt, den Probekandidaten zu hören, ihn zu sehen, wie er agirt, „wie er sich räuspert". Der nachfolgende Kandidat erkundigt sich bei einem der Herren, der es sich angelegen sein läßt, den Gast über Vermögens- und Familienverhältnisse auszuforschen, nach dem Kandidaten, der die Woche vorher gepredigt, ob er Beifall gefunden, nur danach seine Maßnahmen zu treffen, ihm den Rang abzulaufen. Es fehlt in manchem Falle sogar nicht viel daran, daß der Eine oder der Andere im Drange der Situation fast an den Paragraphen vom unlauteren Wettbewerb streift. So sinkt der erhabene Beruf eines altehrwürdigen Standes zur gewöhnlichen Waare einer unwürdigen Konkurrenz herab, und gelingt es nun Einem derselben, die Bestallung auf die drei Jahre zu erlangen, dann beginnen für den Glücklichen Leiden, von denen er sich früher nie hat träumen lassen. Vorstand und Repräsentanten sind die Parzen, die die Fäden seiner Existenz in ihren Händen haben. Sie können dieselben je nach Gunst oder Ungunst weiter spinnen und verlängern oder auch abschneiden. Und da von der Gunst zur Ungunst, ebenso wie vom Erhabenen zum Lächerlichen, nur ein Schritt ist, so muß der Rabbiner alle die kleiner: und großen Demüthigungen, die sein Drang nach Freiheit und Selbständigkeit in seiner Berufswaltung erführt, geduldig über sich ergehen lassen. Diese Verhältnisse riebst ihren Begleiterscheinungen sind besonders in kleineren und mittleren Gemeinden so offenkundig, daß auch die horchende Jugend von alledem unterrichtet ist. Daß diese daun nicht mit dem nöthigen vollen Respekt irr derNeligionsschule erscheint, liegt auf der Hand. Wenn es dem Rabbiner aber, eingedenk des weisen Erfahrungssatzes: „Wer die Schule hat, der hat die Zukunft," durch Klugheit und Liebenswürdigkeit im Lehren und Unterweisen gelingt, sich die Verehrung lind Liebe der Jugend zu erwerben, so wird dieser Erfolg nicht selten durch einen anderen Umstand abgeschwächt. Dieser liegt in dem Verhältniß zu seinen Mitbeamten in der Synagoge und in derNeligionsschule. Kantoren und Lehrer, die meistentheils mit den einzelnen Mitgliedern in der Gemeinde nähere Fühlung nehmen, wissen am besten, welche Stimmung in der Gemeinde vorherrscht, und wenn der Rabbiner in der Gunst des wohllöblichen Vorstandes nicht felsenfest steht, dann kann er alsbald aus der renitenten Haltung dieser Beamten den Widerhall der Gemeindestimmung vernehmen. Sie nehmen alsdann seine Wünsche und Weisungen für die Synagoge und die Religionsschule mit einer Miene auf, in der sich unverkennbar eine Mischung voll Hohn und Trotz malt, wenn nicht überhaupt die Widersetzlichkeit offen ausbricht. Diese Gegnerschaft behauptet bedauerlicherweise ihr Gewohnheitsrecht so hartnäckig konsequent, daß sie sich auch in großen und größten Gemeinden geltend macht, obschon die Rabbiner in denselben wegen der meistens festen Anstellung dem Stimmungswechsel der Gemeindebehörden weniger ausgesetzt sind. Ob man vielleicht fehlgehen würde, ein solches gegnerisches Verhalten ans einem minder erlisten und minder tieferen Erfassen des weittragenden, verantwortungsvollen Religionslehrberufs zu erklären, zu dem bei einen: selbstlosen, warmen religiösen Gefühl ein völliges Aufgehen in demselben gehört. Wer vermag zu berechnen, wie viel Antheil an dem jetzt so weit verbreiteter: religiösen Kaltsinn der Jugend gerade die Erinnerung an solche unerquicklichen Verhältnisse hat. Mit schwachen religiösen Eindrücken, aber mit um so lebhafterer Erinnerung an solche Zustände zieht die Jugend ins feindliche Leben hinaus. Wer da nicht von Hause ans einer: festen Charakter und eine warme Pietät für seine Religion sich bewahrt, verliert über kurz oder lang den Halt, er wird von der Strömung des Lebens fortgerissen, in der das schwache, verschwommene Bild, das er von der Religion empfangen, sich bald verwischt und nntergeht. Jeder geringe äußere Anstoß reicht schon dazu Hill. Diese Erfahrung haben wir erst kürzlich bei einen: Vorfall gemacht, bei welchem ein sonst braver jüdischer junger Mann, darüber empört, daß sein Vater von einem reichen Glaubensgenossen wegen einer geringen Restschuld zu hart bedrängt wurde, in der Aufregung ausrief: „Wenn das ein Jude thut, dann lasse ich mich taufen." Es kommt zum Glück nur selten vor, daß ein Jude einem armen Schuldner so hart zusetzt, und wenn dies geschieht, so hat es mit seiner Religion nichts gemein, da diese ihn gerade zur größten Milde und Nachsicht gegen einen Schuldner anleitet, aber es ist doch bezeichnend dafür, wie leicht mar: bei allen möglichen Veranlassungen gleich der Religion der: Dienst und die Gemeinschaft anfsagt, und wie es oft nur äußere Umstünde sind, die zu einem Uebertritt führe!:. Anderseits ist es aber auch ein glänzendes Zenglüß für das Judenthum und zugleich auch dafür, wie tief die Ueberzeugung bei uns in allen Herzen lebt, daß man von einem Juden nichts anderes als Güte und menschenfreundliche Rücksicht erwarten darf. Wenn zu irgend einer Zeit, so gilt gerade für unsere das viäennt eonsules, um ein religiös kräftiges und widerstandsfähiges Geschlecht zu erziehen. Die Wochr. Berlin, 14. August. ie zu erwarten war, hat die antisemitische Presse auch nicht einmal die Beisetzung derKaiserin Friedrich abgewartet, um ihre gehässigen Insinuationen gegen die edle Dulderin zu richten. Es wäre mehr als thöricht, auf dieses Gefasel einzugehen. Nur eine Mittheilung kann und darf nicht unerwähnt bleiben. Die „Deutsche Zeitung", die in solchen Dingen ihre Genossen immer zu übertrumpfen sucht,