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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-16 · Heft 33 (16.8.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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65. Jahrgang. Nr. 33. Allgemeine Berlin» 16. Angnst 1901. eitung öes Auömtbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. > Abonnements-Preis: Durch Buchhandel» I Post oder direkt von der Expedition in Berlin I unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. iRedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Natibiner Ludwig Philippson-Konn Verlags-Expedition: Lerlin, Jerusalemer st r. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Inhült. Leitartikel: Ursache und Wirkung. — Die Woche. — Ein Gedenlblatt all die Kaiserin Friedrich. — Der „wissenschaftliche" Antisemitismus. Von Alfred Dallmann. — Kunstgewerbliche Synagogenschätze. I. Von Eduard Joel. — Feuilleton: Eine von der Heilsarmee. Von O. T. Schwerine r. — Literarische Mittheilungen. Dev Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Kolberg, Hannover, Hitdesheim, Leipzig, Dresden, Aus dem Regierungsbezirk Osnabrück, Wien, Budapest. — Bon Nah und Fern. Ursache und Wirkung. Berlin, 12. August. enn schon die kritische Betrachtung seiner Lage und Zustände dem einzelnen Menschen zu großem Nutzen gereicht, weil er dann auf Mittel und Wege Bedacht nimmt, um die bessernde Hand anzulegen, so erweist sich ein solches Vorgehen für eine größere Eesammtheit um so heilsamer, weil es die Geschicke Vieler betrisst. Und wenn Viele einem Ziele ernstlich zustreben, so liegt schon in dem ehrliche» Willen eine halbe Gewähr für das Gelingen des zielbewußten Strebens. Wir haben unlängst in diesen Blättern einen berechtigten Trostgrund für die Leiden Israels in der Neuzeit darill gefunden, daß man sich in unseren Kreiseil von neuem zusammenschließt, um edle, gemeinnützige Werke einer umfangreichen Fürsorge in großem Stile zu fördern. Wer aber seinen Acker gut bestellen will, muß ihn von Steinen reinigen, um ihn für die neue Saat empfänglich zu machen. Einer dieser Steine des Anstoßes sind die Juden taufen, die wir bereits in einer der letzten Nummern berührt haben. Wohl vermag eine jüdische Eesammtheit wie die in Deutschland, die ihr religiöses Bewußtsein in wohl verwalteten Religionsgemeinden mit gut gepflegten Institutionen zum Ausdruck bringt, einen Verlust, ivie er in dem statistisch angegebenen Uebertritt von 160 Seelen im Jahre 1900 sich herausstellt, zu ertragen. Aber trifft das auch in Bezug auf die Quantität zu, so ist doch qualitativ der Uebertritt selbst eines Einzigen scholl zu viel. Welche Mutter selbst einer großen Schaar von Sprößlingen empfindet nicht einen tiefen Schmerz beim Verluste auch nur eines einzigen derselben, obschon sie in der Zahl der übriggebliebenen den Fortbestand ihrer Familie gesichert sieht! Man kann Niemandem ins Herz sehen, und es läßt sich über die Motive, die zn solchem Schritte führen, streiten. Es giebt nur Wenige, die, wenn sie ihn wegen äußerer Vortheile gethan, ihren Charakter so blosstellen, dies zuzugestehen. Jedenfalls steht das eine fest, daß den Uebertretenden, die einen so bedeutsamen Wechsel an sich vollziehen, die angestammte Religion nicht ans Herz gewachsen war daß diese niemals tiefe Wurzel in ihnen gefaßt, und sie nur locker und lose mit ihr verbunden waren. Unzweifelhaft fällt das in erster Reihe der mangelhaften religiösen Erziehung zur Last. Zwischen Lehre und Leben liegt oft eine Klust, Ueberzeugung und Thun streiten oft gegen einander, und die Jugend ist so scharfsichtig; ihr entgehen die Lücke», Gegensätze und Widersprüche nicht, die sich bei ihrer Erziehung zeigen. Ist das religiöse Thun, das nicht in Uebereinstimmung steht mit einersittlichen Handlungsweise, werthlos und verwerflich, wie die Talmudlehrer so oft betonen, so ist dagegen die sittliche Handlungsweise ohne religiöse Gesinnung einseitig. Weder die Anleitung zur strikten Erfüllung der Religionsgebote, bezw. der Ceremonial- und Nitualvorschriften allein, noch auch das sittliche Beispiel allein reicht aus, um die Jugend jüdisch zu erziehen und sie zum unerschütterlicheil Festhalten am Judenthum anznleiteu. Der Religionsschule fällt die ebenso schwere als wichtige Aufgabe zn, die ans der häuslichen Erziehung mitgebrachten Keime sorgfältig und gewissenhaft zu gesunder, kräftiger Entfaltung zu bringen, und da wo keine religiösen Keime mitgebracht werden, solche mit der ernsten Sorgfalt und Geschicklichkeit eines Gärtners, der einen reichen Ertrag an gesunden Früchten erzielen will, in die zarten Gemüther zn Pflanzen. Nicht selten fehlt es jedoch an der Sorgfalt wie an der Geschicklichkeit. Nicht alle Religionslehrer siild für ihr Fach genügend vorgebildet, nicht alle bebesitzen die nöthige tiefere Kunde vom Geiste und der Geschichte des Judenthnms. Nur sehr Wenige wissen den Kern von der Schale zu unterscheiden und ihren geistigen und geschichtlichen Zusammenhang zu erklären, Andere wieder verwechseln aus Unwissenheit beide und geben in einer Anwandlung von Selbstüberhebung auf eigene Füllst Erklärungen, über die man lachen könnte, wenn es nicht so traurig wäre, da durch solche fade, unzutreffende Erläuterungen, besser Verdunkelungen, viel Schaden angerichtet wird. Nicht Wenigen fehlt der religiöse Ernst, die Uebereinstimmung zwischen Berus und Führung, der Einklang von Lehre und Leben. Zudem giebt es auch Religionsschulen, die außer dem Dogma von der Einheit Gottes und den jüdischen Moralsatznngen alles sonstige jüdisch Charakteristische in der Religion, besonders die Ceremonial- und Ritualvorschriften, ganz übergehen oder doch abschwächen, und die Lehrer erlauben sich da bei Besprechung solcher Stoffe vor der Jugend mit großer Selbstgefälligkeit in kritisch-polemischem Tone sich zu ergehen. Zwar sind auch die

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