Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 welchem Tage die Ferien zu Ende gegangen sind, ist die Schule geschlossen und seit acht Tagen dem derzeitigen, definitiv bestellten Lehrer das Vorbeten von dem Machtinhaber der jüdischen Gemeinde untersagt worden. Wir sind gespannt, wie sich die zuständige Osnabrücker Regierung gegenüber diesem seltsamen Gemeindebefchluß verhalten wird. Ob sich der Wünsch der Lingenser erfüllen wird, einen von der Negierung unabhängigen und von der Sonne der Gemeinde lebenden Lehrer zu erhalten, ist jedenfalls schwer zu bezweifeln. Ein ruhiges, sachliches Vorgehen wäre bei einer solchen wichtigen Sache jedenfalls mehr von Vortheil gewesen. Wir kommen auf den Fall eingehend zurück. Köln, 4. August. Die diesjährige Generalversammlung des Rheinischen Rabbiner-Verbandes hat am 21. v. M. hier stattgefilnden. Zu derselben waren erschienen die Herren: Auerbach- Elberfeld, David-Düsseldorf, Frank-Köln, Grabowskh-Barmen, Jaulus- Aachen, Rosenthal-Köln, Samuel-Essen. Der zeitige Vorsitzende, Dr. Frank-Köln, eröfsnete die Sitzung. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedenkt er in pietätvollen Worten der im Laufe des Jahres verstorbenen Mitglieder des Verbandes, Singer-Koblenz und Cohn-Bonn; die Versammlung ehrt durch Erheben von den Sitzen das Andenken der Dahingeschiedenen. Der bisherige Schriftführer, Dr. Samuel-Essen, verliest das Protokoll der vorjährigen Generalversammlung, welches genehmigt wird. Zn Punkt I der Tagesordnung (Berichterstattung und Rechnungsablage des Vorsitzenden) berichtet derselbe u. a. über seine Theilnahme au den Ausschußsitzungeu des Provinzial-Verbandes Rheinischer Shnagogengemeinden und des Deutschen Rabbiner-Verbandes sowie an der jüngsten Konferenz der jüdischen Lehrer Rheinlands und Westfalens in Bonn. An den Bericht schließt sich eine kurze Besprechung, die Nechnungsablage wird gutgeheitzen. — Darauf wurde zur Neubildung des Vorstandes geschritten: turnnsgemäß übernahm Dr. Jaulus-Aachen das Amt des Vorsitzenden, Dr. Frank-Köln das des Stellvertreters; zum Schriftführer wird Dr. Nosenthal-Köln gewählt. — Zu Punkt III: Relikten- und Pensionskasse der Rabbiner Preußens berichtet Dr. Rosenthal-Köln über seine bisherige Thätigkeit in dieser Richtung, hält die Schwierigkeiten für nicht zu große und empfiehlt warm, sich der Angelegenheit mit allem Eifer zu widmen. Nachdem alle Kollegen ihre Meinung, besonders über den Modus des persönlichen Sammelns, geäußert, gelangt folgende Resolution zur Annahme: „Der Rheinische Rabbiner-Verband nimmt Kenntniß von den Mittheilungen einzelner Mitglieder über ihre bisherigen Bemühungen für die zu gründende Relikten- und Pensionskasse der Rabbiner Preußens und beschließt, jedem einzelnen Mitglied zu überlassen, wie es sich in dieser Angelegenheit zu bethätigen gedenke. Gleichzeitig beauftragt der Rheinische Rabbiner-Verband seinen Vorsitzenden, in der demnächstigen Ausschußsitzung des Provinzialverbandes Rheinischer Synagogen - Gemeinden für diese Angelegenheit nach Möglichkeit Interesse zu erwecken." — Zum letzten Punkte der Tagesordnung (eventuelle Anträge) hatte Dr. David-Düsseldorf die Besprechung des Fürsorgegesetzes beantragt, und verbreitet sich auf Grund eines in Düsseldorf vorliegenden Falles hauptsächlich über die Fürsorge für schulentwachsene Mädchen. Nach eingehender Diskussion wird eine Resolution des Inhalts genehmigt, daß „der Rheinische Rabbiuerverband voll den Mitteilungen einzelner Mitglieder hinsichtlich des Fürsorge-Gesetzes Kenntniß nimmt und seinen Vorsitzenden beauftragt, im Sinne dieser Mitteilungen bei der Ausschußsitzung des Provinzialverbandes Rheinischer Shnagogengemeinden Bericht zu erstatten, mit besonderem Hinweis aus die Notwendigkeit, für ältere weibliche Zöglinge jüdischen Glaubens Unterkunftsstätten zu beschaffen". — Nachdem dem bisherigen Vorstand, besonders Herrn Kollegen Dr. Samuel-Essen, der seit Bestehen des Verbandes die Geschäfte des Schriftführers mit Eifer und Umsicht verwaltet hat. durch den nunmehrigen Vorsitzenden Dr. Jaulus-Aachen der gebührende Dank abgestattet worden, wurde die Sitzung geschlossen. -- Aus Sü-deulschlarrd, Ende Juli. Die „Hohenzoll. Blätter" schreiben: Spanische Blätter bringen das Bild eines jungen Hechingers (Herrn Julius Levi in Madrid) mit erklärendem, für diesen höchst schmeichelhaftem Text. So schreibt die „Espanna Industrial": „Wir haben die Ehre, heute in unserer Revue das Bild des jungen und tüchtigen Direktors der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin zu veröffentlichen, der die Surcursale für Spanien hier (Madrid) leitet. Obgleich er nur kurze Zeit die Direktion dieses sehr bedeutenden Hauses in Händen hat, arbeitete er in derselben seit seiner frühen Jugend^ Heute liegt er seiner schwierigen Mission ob mit wahrhaftem Talent und großer Intelligenz, wie dies hier genügend bekannt ist. Die königlich spanische Negierung hat Herrn Julio Levi-Kocherthaler (in Spanien trägt man auch den mütterlichen Familiennamen neben dem väterlichen) mit dem Militärverdienstkreuz erster Klasse dekorirt und ihm erst kürzlich nichts geringeres als das Komthurkreuz des Ordens Jsabella der Katholischen verliehen. Es ist anzunehmen, daß bei der Jugend des Herrn Julio Levi, bei seiner Thatkraft und Intelligenz, er immer mehr ein bedeutender Faktor des großen industriellen Geschäftslebens Spaniens werden und bleiben wird." Herr Julius Levi ist seit elf Jahren in Spanien. Er besuchte die israelitische Volksschule und die königliche Realschule hier in Hechingen, wo sein Vater bis zu seiner voriges Jahr erfolgten Pensioniruug und Uebersiedlung nach Stuttgart thätig war. — Wir bemerken hierzu, daß Herr Julio Levi derselbe ist. welcher seiner Zeit das in der „Allg. Ztg. d. Judenth." veröffentlichte Feuilleton „Eine Postfahrt in Südspanien" verfaßt hat. Sein Vater, früher Rabbiner, der jetzt als Schriftsteller in Stuttgart lebt, ist der Verfasser der von uns veröffentlichten „Briefe aus Malaga, Tanger, Cordoba, Toledo". Eine Fortsetzung der interessanten Neiseschilderungen wird demnächst erfolgen. Oesterreich-Ungar«. LH Wien, 5. August. In der vorigen Woche hat hierein allgemeiner Kautorentag stattgefuuden, der folgende Resolution gefaßt hat: Der am 29. und 30. Juli 1901 in Wien versammelte „Allgemeine Kantorentag" erachtet es als dringende Nothwendigkeit, im Anschlüsse an den „Oesterr.-nngar. Kantoren-Verein in Wien" eine die gesammte Berufsgenossenschaft des In- und Auslandes umfassende Organisation unter dem Namen „Allgemeiner Kantoren - Verein" zu gründen. Um jedem Verussgenossen, auch dem minderbemittelten, den Beitritt zu ermöglichen, wird ohne Rücksicht auf das Alter des Aufuahmswerbers die Eintrittsgebühr mit 1 Krone, respektive 1 Mark, und der Jahresbeitrag mit 6 Kronen, respektive 5 Mark festgesetzt. Der Zweck der Berufsorganisation besteht in erster Linie in der Förderung der sozialen Interessen des Kantorenstandes, nnd wird der Leitung der Organisation das Mandat ertheilt, im Einvernehmen mit den Knltusgemeinden die derzeit bei der Anstellung und Entlassung von Kantoren sowie während der Dauer ihres Vertragsverhältnisses mit den einzelnen Gemeinden zu Tage tretenden Uebelstäude zu beseitigen und bestimmte, sowohl von den Mitgliedern der Organisation als auch von den Gemeinden einzuhaltende Nonnen auszustellen, die dem Ansehen der israelitischen Knltusgemeinden sowie der Würde und Bedeutung des kautoralen Berufes entsprechen. Der „Allgemeine Kantorentag" spricht auch die einmüthige Neberzeuguug aus, daß die Jnvaliditäts- und Altersversorgung sowie die Sorge für die Wittwen und Waisen der im Amte verstorbenen Kantoren nicht auf dem Wege der alleinigen Selbsthilfe, sondern nur unter Mitwirkung der Kultusgemeinden durchgeführt werden kann und erwartet, daß die Organisation auch nach dieser Richtung die nöthigen Schritte eiuleiten werde. Da der kantorale Funktionär in jeder israelitischen Kultusgemeinde unentbehrlich ist. und da es, besonders durch die in vielen Gemeinden nothwendige Verquickung des kantoralen Amtes mit dem des Religionslehrers, im Interesse der Knltusgemeinden liegt, ein durch bestimmten Studieugang für alle Funktionen des vielseitigen Amtes möglichst ausgebildetes Material zu beschaffen, wird die Leitung der Organisation beauftragt, mit den Gemeinden und Gemeindeverbünden in Verbindung zu treten, um auf Kosten derselben an den bestehenden Rabbiner- und Lehrerseminaren Kurse zur Heranbildung von Kantoren zu errichten, deren Absolventen die staatliche Anerkennung als Religionsdiener zu Theil werden soll. Es wird auch die Erwartung ausgesprochen, daß die Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus für den kantoralen Nachwuchs bedeutungsvoll und auch auf die Förderung der sozialen und materiellen Lage des gesammteu Kantorenstandes von wohlthätigem Einflüsse sein werde. Um einen möglichst zahlreichen Anschluß an die Organisation herbeiznsühren nnd die Propagirung dieser Ideen in den weitesten Kreisen der Berufsgenossenschaft und der israelitischen Kultusgemeinden zu fördern, sind aus den Theilnehmern des Kantorentages Vertrauensmänner für die einzelnen Bezirke und Länder zu wählen, deren Zahl durch die Leitung der Organisation jederzeit die nöthige Vermehrung erfahren kann. Der „Allgemeine Kantorentag" spricht den Wunsch aus, daß, angeregt durch die am Kantorentage in Wien teilnehmenden