Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 AUS Ostpreußen im August. 107 Jahre alt zu werden, kommt sicher nicht oft vor. Noch seltener ist es. daß der Mensch, bis dahin gelangt, nicht das Loos hat, eines ruhigen, sanften Todes zu sterben, daß es vielmehr in dem grausamen Willen des Zufalls liegt, ihn von einem Lastwagen überfahren zu lassen und so den Tod zu finden. — Ein solcher Fall wird uns aus Wirballen in Rußland berichtet, wo erzählt wird, daß jüngst die Jüdin Jitte Necheli Semmer. 107 Jahre alt, von einem Lastwagen überfahren und getödtet wurde. — Wer überzeugt.werden will, daß auch die Juden der Landw irthschaft zugethan sind und sie mit Nutzen und Eifer zu handhaben verstehen, der braucht blos nach dem Dorfe Katschen sich zu begeben, das so ziemlich in der Mitte zwischen Gumbinnen und Nagnit in Ostpreußen liegt. Dort wird er eine große Zahl von Juden vorsinden, die sich fast gar nicht mit dem Handel, aber sehr stark mit der Landwirthschast beschäftigen, also eine völlige Kolonie bilden. Es mögen wohl 40—50 Familien dort wohnen, die in angegebener Weise die Bedürfnisse ihres Daseins zu befriedigen suchen und sie auch finden. Sie bilden eine Gemeinde, haben ein Gotteshaus, das — man sollte es säst nicht glauben —- von dem Gelde verkaufter Hühnersedern gebaut wurde, welche ihr Schächter an die Gemeinde zu diesem Zwecke abzuliefern hatte. Auch einen Kirchhof besitzen sie, den sie zur Zeit auf einem Ackerstück angelegt haben. Man muß es wohl diesen aus Rußland herübergekommenen Bauern nachsagen, daß sie ihrem Berufe Ehre machen, keine Mühe und Arbeit scheuen und eine Kenntniß des Ackerbaues besitzen, als ob sie in diesem Fache geboren und erzogen wären. In gleicher Weise sieht man auch die jüdischen Schindeldecker, ebenfalls aus Rußland, hier arbeiten. Als Leiter derselben befindet sich in Gumbinnen ein gewisser Abrahmowitz, der sich dauernd in den Zeitungen den Besitzern der Umgegend als Schindeldecker da empfiehlt, wo die massive Bauart noch nicht eingeführt. Alles starke, kräftige Männer, diese Arbeiter, denen man es ansieht, daß sie keine Thätigkeit scheuen, wo es sich um einen ehrlichen Erwerb handelt. Aber sie arbeiten am Sonnabend nicht, sondern erscheinen, wenn sie am Sonnabend in naher Umgegend sind, in unserer Synagoge, um in nicht seltenen Fällen zur Ergänzung der Mirzwa beizutragen. — Eine für die Lehrerschaft wichtige Entscheidung, welche kürzlich das Oberverwaltungsgericht im Allgemeinen fällte, verdient auch von unseren jüdischen Lehrern in Betracht genommen zu werden. Nach dem Lehrerbesoldungsgesetz von 1897 erhalten nur verheirathete Lehrer und solche, die einen eigenen Hausstand führen sin der Regel gemeinschaftlich mit Verwandten), die volle Miethsentschädigung, die andern nur zwei Drittel davon. In einer Stadt war nun den Lehrern, die sich verheirathetcn, die Miethsentschädigung erst vom ersten des nächsten Quartals ab gezahlt worden, ein Gesuch an die städtischen Behörden um Gewährung der für verheirathete Lehrer festgesetzten höheren Miethsentschädigung für das betreffende Quartal aber abschlägig beschrieben worden. Infolge dessen betraten die Lehrer den Klageweg. Das Oberverwaltungsgericht entschied kürzlich dahin, daß die Lehrer berechtigt sind, vom Tage ihrer Verheirathung ab die höhere Miethsentschädigung zu beziehen, so daß ihnen ihre Differenzbezüge nachzuzahlen sind. a. Kottitz, 4. August. Es ist schon mitgetheilt worden, daß die Behörde auch den Anstiftern zu dem Synagogen brand aus der Spur ist und fernere Verhaftungen bevorstehen. Die Art, wie es nach mehr als dreizehnmonatlichen vergeblichen Nachforschungen gelang, die Thäter anfzufinden. ist nicht uninteressant. Wie Ihre Leser wissen, war in der Gerichtsverhandlung gegen den Privatdetectiv Schiller auch davon die Rede gewesen, daß der Klempnergeselle Schlichter der Thennahme an der Brandlegnug des Synagogeuschuppens verdächtigt wurde. Letzterer fühlte sich durch eine dahingehende, an den Prozeß - bericht angeknüpfte Bern erkling der „Ostdeutschen Tageszeitung" beleidigt, verlangte eine Berichtigung und wandte sich, als diese abgelehnt wurde, um die Aufnahme zu erzwingen, an die Polizei. Bei seiner Vernehmung verwickelte sich Schlichter in immer ärgere Widersprüche und. in die Enge getrieben, denuuzirte er schließlich den Barbierlehrling Glieds, dessen Verhaftung daraufhin erfolgte. Man kann auf die weitere Entwickelung der Angelegenheit gespannt sein. Bekanntlich war von antisemitischer Seite die niederträchtige Lüge verbreitet worden, daß „die Juden selbst die Synagoge angezündet hätten, um sich als Opfer der antisemitischen Verhetzungen hinzustellen und so den Verdacht, daß die Mordthat an Ernst Winter voll Juden verübt wurde, zu entkräften". Es ist darum doppelt erfreulich, daß endlich Licht in die Angelegenheit kommt. Vielleicht wird die Eruirnlig der Anstifter auch über andere dunkle Punkte die ersehnte Aufklärung schaffen. s. Frankfurt a. O., 27. Juli. Eitlen Einbruch in die Leichenhalle des jüdischen Friedhofes haben in der vergangenen Nacht <vom Freitag zum Sabbath) zwei Spitzbuben verübt, die jedenfalls große Schätze in der Halle vermntheten. Die Einbrecher sind nach den aufgefuiideuen Fußspuren von der Chaussee über die Kirchhossmaner gestiegen und haben dann versucht, durch ein Fenster der Leichenhalle, das sie zum Theil zertrümmerten, einzusteigen; da ihnen dies nicht glückte, zerschlugen sie den aus Glas bestehenden oberen Theil der nach Westen gelegellen Eiugangsthür der Halle und stiegen durch die so geschaffene Oeffuung in die Halle und versuchten den zum Transport der Leichen vom Keller zur Halle dienenden Aufzug aufzuheben, worauf die Spuren voll einem Meißel hindenten. Den Spitzbuben gelang aber auch dies Vorhaben nicht, dagegen fiel ihnen der Meißel durch die Spaltöffnung in den Keller. Sie warfen nun alles bunt durcheinander, rissen von der Kanzelbekleidung die Goldborte ab und nahmell sie nebst einem Handtnche als Beute mit. Dell Rückweg ans der Halle nahmen sie durch Feilster in den Seitenthüreu, die sie voll innen öffneten. Nach den zurückgelassenen Spuren hat man es mit Einbrechern zu thun. die in ihrem Fache keine Neulinge sind. X. Hamburg, 30. Juli. Der Bericht des Krankenhauses der Deutsch-Israeli tisch eil Gemeinde für das Jahr 1900 konstatirt, daß im verflossenen Jahre die Verwaltung eine gründliche Renovirung des Souterrains vornehmen konnte. Die Kosten dieser gesammten Arbeiten beliefen sich auf 22 000 M. und absorbirten den allgesammelten Dispositionsfond. Für Krankenhäuser aber giebt es, wenn sie aus der Höhe der Zeit bleiben sollen, auf hygienischem Gebiete stets Neuerungen. Ilm solche Verbesserungell im Interesse der Leidenden auch ferner beschaffen zu können, ist die Verwaltung ans die Wohlthätigkeit ihrer Mitbürger jetzt mehr als je angewiesen. Ein spezieller, seit vielen Jahren gehegter Wunsch wird sich in der nächsten Zeit erfüllen lassen, nämlich die Errichtung neuer Krankenpavillons. Durch eine hochherzige Schenkung der Herren Julius Lewisohn in London, Leonard Lewisohn und Adolph Lewisohn in New-Uork im Betrage von 135 000 Mark wird d-e Verwaltung in den Stand gesetzt, zwei Pavillons auf ihrem Terrain aufzuführen. Durch solche Neubauten wird das Stammhalls entlastet, für Rekonvaleszenten werden die erforderlichen Tagesräume gewonnen und Privatzimmer in größerer Anzahl hergestellt. Außerdem wurden dem Hause im Berichtsjahre größere Gaben im Betrage von 10 300 Mark zugewendet. Die Ausgaben für Kranke belaufen sich aus 37 394 Mark. Verpflegt wurden im Jahre 1900 815 Kranke mit 22 628 Pflegetagen. Am 24. Januar starb Herr Marco Salomon, der viele Jahre der Verwaltung des Krankenhauses angehörte und in den letzten Jahren zum Ehrenmitglied ernannt war. Am 11. Mai starb Herr Louis Levy. welcher der Verwaltung 26 Jahre allgehörte, hiervon eine Reihe voll Jahren als Vorsitzender. Beide haben für die Anstalt in aufopfernder Liebe gewirkt. Für Herrn Louis Levy wurde Herr Paul M. Marburg in den Vorstand gewählt. Die Verwaltung des Krankenhauses bilden jetzt folgende Herren: M. Beith, Vorsitzender, Dr. Blumenfeld, Schriftführer, Julius Lewandowsky, Hausinspektor, Martin M. Heilbut, Krankenaufnahme, Paul M. Marburg, Kassirer, Dr. A. Alsberg, Oberarzt der chirurgischen Abtheilung, Dr. S. Korach, Oberarzt der medizinischen Abtheilung. Oberin des Krankenhauses ist Frl. Kl. Gordon, Inspektor ist Herr H. Zuckermann. Als Assistenzärzte sungirten: Herr Dr. I. Schumacher. Dr. N. Levi, Dr. N. Lewisohn. Prosektor ist Herr Dr. I. Michael. G Aus dem Regierungsbezirk Osnabrück, 2. August. Nicht geringesAufsehen erregt derBeschlnß der jüdischen Gemeinde zu Lin gen, wonach ihre seitherige öffentliche Volksschule geschlossen worden ist. Wenn die Stenerschwäche der Gemeinde auch als feststehend zu betrachten ist, so muß ihre Maßnahme doch im höchsten Grade befremden, und zwar in der gegenwärtigen Zeit, in welcher man seitens der Verwaltungsbehörden die schwächeren jüdischen öffentlichen Schuleil nur zu gern kassiren möchte. Konnte die Gemeinde die durch die definitive Anstellung ihres Lehrers entstehenden Mehrausgaben nicht bestreiten, so war es Pflicht, der königlichen Regierung hiervoll ordnungsgemäß Meldung zu machen, nicht aber über den Kopf derselben jenen Beschluß zu fassen, der zum Glück jedenfalls seines Gleichen nicht hat. Liugeu hat somit eine Berühmtheit erlangt, um die es von keiner Seite beneidet wird. Seit dem 23. Juli, an