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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-09 · Heft 32 (9.8.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Ur. 62 'Neikage zur „Allgemeinen Zeitung -es Iuöenthunrs". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 6. August. Ein Wiener Blatt bringt von hier die Mittheilung, daß Professor Dr. Moritz Steinschneider am 26. v. M. „das 84. Semester seiner Vorlesungen an der Berliner Universität geschlossen habe". Das ist selbstverständlich nur ein Jrrthum. Zweisellos handelt es sich um die Vorlesungen des greisen Gelehrten am Beitel Heine Ephraim-Stift. Allerdings ist dieser Jrrthttm verzeihlich, denn Steinschneider hätte in der That jeder europäischen Universität zur Zierde gereicht! Wir entnehmen übrigens jener Korrespondenz noch die Mittheilung, daß die derzeitigen Hörer und gewesenen Schüler des großen Gelehrten diese seltene Gelegenheit zu einer Ovation benutzen wollten. Professor Steinschneider aber, bekannt durch seine puritanische Einfachheit und Bescheidenheit, lehnte alle Ehrungen entschieden ab. Den vielen Freunden und Verehrern Steinschneiders dürfte auch die Mittheilung willkommen sein, daß sich der Nestor der Orientalisten körperlich relativ wohlbefiudet und einer phänomenalen Geistesfrische erfreut, die ihm ermöglicht, nach wie vor seinen Studien und Arbeiten obzuliegen. Wir geben hiermit dem Wunsche aller gelehrten Kreise und Verehrer Ausdruck, der große Gelehrte möge sich noch lange voller körperlicher Kraft und ungetrübter geistiger Frische erfreuen. L2 Berlin, 5. August. Vor längerer Zeit haben die Herren Gustav Löwenberg und Oscar Berlin eineu Protest gegen die stattgehabte Ausloosung von nur zwei Nepräseu tan teufte llver trete rn an den Vorstand der Gemeinde und durch diesen all das Polizeipräsidium als die Vorgesetzte Behörde gerichtet. Daraus hat nun das Polizeipräsidium in einer Versügung vom 15. v. M. diesen Protest als unbegründet zurückgewieseu. Der Wortlaut dieser Verfügung ist nach der „Israelitischen Wochenschrift" der folgende: „Der Polizeipräsident. Abtheilung I. Berlin, 15. Juli 1901. All den Kaufmann Herrn Oskar Berlin hier. Ihren bei dem Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde angebrachteil und voll diesen! mir zur Entscheidung vorgelegten Protest gegen die am 28. April d. I. vorgenommene Auslassung von nur zwei Nepräsentantenstettvertretern vermag ich als begründet nicht anzuerkennen. Das revldirte Statut der jüdischen Gemeinde in Berlin vom 11. November 1895 — 11. Januar 1896 enthält zwar keine Bestimmung über die Rechtsstellung endgiltig einberusener Stellvertreter, insbesondere darüber, daß sie aus der Reihe der Stellvertreter plötzlich ansscheiden und an die Stelle ihrer Vorwärmer treten, indessen ergiebt sich die Nichtigkeit der dahin gehenden, in dem Gerlieindebeschluß vom 27. März —21. April d. I. niedergelegten Auffassung aus der Bestimmung des § 15 des Statuts, wonach von den 21 Mitgliedern der Nepräsentäutenversammlung nach Ablauf von je 3 Jahren 11 bezw. 10 Mitglieder ansznscheiden haben. Würden die bereits Einberufenen mit zur Auslassung gestellt und ausgeloost werden, so würden gegen die Bestimmung mehr als 11 bezw. 10 Repräsentanten neugewählt werden müssen. Auch die Bestimmung des K 16. daß im Fall einer vorübergehenden Verhinderung des Repräsentanten, die Funktion des Stellvertreters mit dem Wiedereintritt des Repräsentanten erlischt, weist daraus hin, daß im Fall der dauernden Verhinderung des Repräsentanten der Stellvertreter gänzlich ans der Reihe der Stellvertreter ausznscheiden hat. Die bereits endgiltig als Repräsentanten einbernfenen Stellvertreter können somit zu der nach 8 16 vorzuuehmenden Ausloosung nicht mehr gestellt werden. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß die Bestinunungen dieses Paragraphen, wonach die nach dem Ablauf der ersten drei Jahre ausscheidende Hälfte der gewühlten Stellvertreter durch das von dem Vorsitzenden der Nepräsentanteuversammlung zu ziehende Loos bestimmt wird, lediglich den Zweck hat, als Uebergangsvorschrift am Schluß des Jahres 1901 einen regelmäßigen Turnus herznstellen dergestalt, daß mit diesem Zeitpunkt nur noch fünf Stellvertreter mit einer bis zum 31. Dezember 1904 währenden Amtsperiode übrig bleiben dürfen. Wenn die Gemeinde infolge dessen beschlossen hat, daß die Ausloosung für die diesjährigen Nepräsentantenwahlen sich nur auf so viele Stellvertreter zu erstrecken habe, als über die Zahl „5" hinaus thatsächlich noch vorhanden sind, so entspricht dies nur dem Sinn des Statuts und ist nicht zu beanstanden". 1. Berlin, 6. August. Aus dem vom Rabbiner Servi in Casale (Italien) herausgegebenen Kalender für das Jahr 5662 entnehmen wir nachstehende Daten über die Zahl der Juden in allen Hauptstädten Europas. Es wohnen in 15 europäischen Hauptstädten mit einer Gesammtbevölkerung von rund 15 Millionen etwa 720 000 Inden, oder 4,8 Prozent. Davon zählen über 100 000 Inden nur 3 Städte, nämlich Pest, Wien und London. Ebensoviel Hauptstädte haben je über 50 000 Inden. Es sind das die Städte Berlin, Paris und Amsterdam. Die Hauptstadt der Türkei mit 875 000 Einwohnern zählt in ihrer Mitte etwa 40 000 Juden, während Bukarest ihrer nur 9600, Nom 7600 und Kopenhagen 3500 zählt. Weniger als 3000 Inden weisen nur 5 Städte, darunter aber merkwürdigerweise auch die Hauptstadt desjenigen Reiches auf, das säst die Hälfte aller Juden der ganzen Welt beherbergt. Die Metropole des nordischen Kaiserreichs, das schöne, aber kalte Petersburg zählt gegenwärtig unter ihren 1036 000 Einwohnern nur 2800 Juden und rangirt darin gleich hinter Brüssel, Madrid und Lissabon, welche nur 2000, 300 resp. 250 Juden aufweisen können. Auch Athen, die Hauptstadt Griechenlands besitzt nur 300 Juden. Absolut und relativ die größte Jndenzahl weist die Stadt Budapest auf, welche unter ihren 492000 Einwohnern nicht weniger als 166 000 Inden — 33,9 Proz. zählt. Gleich hinter Budapest rangirt die Kaiserstadt an der Donau, welche trotz ihres antisemitischen Bürgermeisters immer noch 10,3 Prozent oder 140000 Juden zählt. Nicht weit hinter Wien marschirt London mit 120 000 Juden, welche aber trotz dieser ansehnlichen Ziffer unter der Bevölkerung der Mnltimillionenstadt fast völlig verschwinden, da sie in derselben nur 2.7 Prozellt ausmachen. Relativ größer, weun auch absolut geringer ist die Zahl der Inden in Paris, wo sie mit ihren 75 000 Personell beinahe 3 Prozent und in Berlin, wo ihre 88 000 Seelen gar 5 Prozent der Bevölkerung bilden. Stark sind die Inden auch in Amsterdam vertreten, wo sie mit 56 000 Seelen 12.3 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Uebrigens sind diese Zahlen nicht ganz zuverlässig und haben nur einen approximativen Werth. So ist die Zahl 120000 für London und 75 000 für Paris gewiß übertrieben. Ebenso zu hoch ist die Zahl der Juden in Berlin angegeben, da das statistische Jahrbuch des deutschen Reiches ihre Zahl für das Jahr 1900 nicht mit 88 000 sondern mit 79 000 bewerthet. s. Berlin, 5. Augnst. Dem „Nathanael" - Heft 6 entnehmen wir ans einen! Bericht über die letzte „Allgemeine Misstonskvnferenz für die Arbeit der Kirche in Israel" eine Aenßerung des Professors Dalmann, in der er sich mit In den Mission und Antisemitismus beschäftigt. Er kenuzeichnete den Antisemitismus als eine politische Bewegung, die dem Wesen des Christenthums zuwider sei. wie denn auch die zielbewussten unter seinen Anhängern in ihrem blinden Eifer bis zur Verhöhnung der heiligen Schrift und zur Verwerfung des Christenthuuls selber fortgeschritten seien. Der Antisemitismus habe in den! Gegensatz zwischen Juden und Christen eine unnöthige Schärfe und Verbitterung hineingetragen und habe das Missiouswerk unter Israel schwer geschädigt. Der christlichen Kirche sei der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie den unchristlichen Geist auf jener Seite nicht zeitig genug erkannt und seinem Treiben nicht entschieden genug begegnet sei. Ebeu dasselbe Blatt bringt einen längeren Artikel über die Judennlission in Amerika, deren es nicht weniger als 32 Gesellschaften giebt. Dieselben beschäftigen 150 Beamte, aber ihre Erfolge sind nach dem eigenen Zugeständniß des „Nathanael" sehr gering. Und es kann dies nicht überraschen, denn in einem freien Lande, wo die Mission dem Abtrünnigen nicht weltliche Vortheile bieten kann, ist kein Raum für die Seelenfüngerei.

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