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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-09 · Heft 32 (9.8.1901) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 384 (sequence 14)
Language
German
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384 Wie ärmlich, wie kahl das alles war. Der geborstene Tisch, die engen Betteil, die schmucklosen zersprungenen Wände, der holperige Lehmboden. Er hatte es nie gesehen, nie so gesehen wie heute, denn bisher zählte er sich zu den glücklichsten Menschen. Eill Sohn des auserwählten Volkes, der mit seinen! Bater, mit seinen! Gotte in schönster Harmonie lebte, dazu die Gabe der Musik, die sein Leben bereicherte, auch das tägliche Brod mangelte nicht, was fehlte ihm? Nun aber hatte er es erfahren, daß er häßlich und gering sei. — Wagner will nichts mit ihm gemein haben — sein Prophet, sein Erlöser verachtet ihn. Da stand er mit hungrigen Augen und leerer Hand vor seinen! Bassetel. Das nahm er von der Wand, strich es zärtlich nnd entlockte ihm einige Pizziceatotöne, während dicke Thronen auf das Instrument fielen. Wieder hörte er die herrlichen Töne des Lohengrin-Vorspieles: und er saß zwischen dein jungen Manne, der die herrliche Musik nach allen Regeln der Kunst studirt, und der schönen blonden Dame, er hörte das Lied an den Schwan, die düsteren Gesänge der Ortrud, das herrliche Brantlied, das Duett, und das alles tanzte in seinen! Hirn einen wirbelnden Reigen, so süß und so selig, so - so - Aber nein, er durfte nicht — Wagner haßt die Juden. Ach, wie sein armes Herz zuckte, wie es sich in tiefen! Weh bäumte . . . „Ich versteh'," schrie es in ihm, „ich weiß, was du willst. Ich mag auch nicht das ganze lange Leben denselben Ländler, denselben Hopser, dieselbe Zepperlpolka spielen. Ich Hab' nur nichts gelernt, ich Hab' Brod gebraucht, ich Hab' keine Zeit gehabt. Wir müssen uns alle so schwer sorgen für das bischen Leben, nur haben noch keine Zeit gehabt, wir in Martinsdorf. Zeit brauchen wir, laßt uns Zeit!" Hinter ihm reckte sich sein kleines, armseliges Dasein, sein enges, dumpfes Leben empor, das er zum ersten Male in seiner nackten Aermlichkeit sah — vor ihm stand die große Kunst — das Hohe, das Ersehnte, das er träumerisch ahnte, das ihn aber abstoßen will. Es war, als müßte er sein Leben aufrolleu, es seinen! Gegner zu weisen, als müßte er ihm — doch nein, Wagner ist gerecht, er kennt die Ursachen unserer Gebrechen, er ist kein blinder Hasser — er sieht auch einen Ausweg — unsere Auflösung — den Untergang, so steht es in dieser Schrift geschrieben. Mendele zitterte - den Untergang des auserwählten Volkes — hahaha! Tann hob er mit beiden Armen etwas Großes hoch über sein Haupt empor, schleuderte es wild von sichein dumpfer Schlag, ein winselnder Laut -- am Boden lagen die Trümmer des Bassetels von Mendele Klesmer. * * Und wenn inan in Martinsdorf fragt, warum sie keine jüdische Musik mehr haben, dann lautet die Antwort: Da is Mendele Lvhcugrin Schuld daran. Sprechsaat. Geehrte Redaktion! den! Leitartikel der „Zeitung des Judenthnms" Nr. 29 „Die drei Allianzen" bemerken Sie in Ihrem Bericht über die Wirksamkeit der ^llinnca isrrwliw universelle im Jahre 1900 folgendes: „Speziell soll noch erwähnt werden, daß im Berichtsjahr die Einnahmen aus Deutschland auf 44 000 Mark znrückgegangen sind. Wenn irgendetwas, so beweist diese niedrige Ziffer mehr als alle Argumente, wie nothwendig es war. den „Hilfsoerein Deutscher Juden", zu^begründen." Dieses Argument, das zlüGunsien^des „Hilfsvereins" mehr als alle anderen^sprechen soll, wird am Ende des Leitartikels noch einmal wiederholt und gesagt: „Aus Deutschland flössen bisher der ^llianee israölite universelle Beiträge zu, die im Laufe eines Jahrzehnts von 75 000 auf 44 000 Mark hernntergegangen sind; hoffen Mir, daß diese Beitragssumme konstant bleibt, daß aber der neubegründete „Hilfsoerein" durch ungleich größere Beiträge unserer deutschen Glaubensgenossen in den Stand gesetzt wird, neben nnd mit der ^llianea i'sraöllle universelle segenbringend für unsere nothleidenden Glaubensgenossen im Osten zu wirken." Dieses hervorragendste Argument für die Gründung des „Hilfsvereins" ist aber völlig hinfällig, weil die Summen, die aus Deutschland der Alliance israöllw universelle im Berichtsjahre 1900 zuflossen, bedeutend größer waren, als Sie angeben. Seite 169 des deutschen Jahresberichts werden die .Summen der einzelnen in Deutschland bestehenden Komitees angegeben. Breslau 7420.12 Mark, Köln 10 693.34 Mark. Dürkheim 7466.26 Mark. Mannheim 6489.54 Mark, Nürnberg 6640.25 Mark. Posen 1963.04 Mark zusammen 40 552.48 Mark; dazu kommen noch die auf Seite 191—195 aus einzelnen deutschen Städten unmittelbar an das Centralkomitee in Paris gesandten Beiträge, ungefähr 30 000 Francs, und Seite 190 Legate 2000 Francs, so daß nicht 44 000 Mark, wie Sie unrichtig'angaben, sondern 68000Mark eingingen, und der Rückgang gegen früher trotz der großen Anzahl neugegründeter Wohlthätigkeitsvereine, ganz unbedeutend ist. Das wichtigste Argument für die Gründung des „Hilfsvereins" ist somit neben den minder wichtigen, über die ich mich noch auszusprechen gedenke, hinfällig. Köln. 19. Juli. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr.' Frank. Mitglied des Centralkomitees der ^.1.41. in Paris. 4 Geehrter Herr Redakteur! meinen! großen Bedauern lese ich in der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes eine Korrespondenz aus Norderney, welche in sehr scharfen Worten Herrn Landrabbiner Dr. Lob in Emden eines unkollegialen Verhaltens und eines.Mangels an Toleranz beschuldigt. Ich halte mich ans kollegialischer Gesinnung verpflichtet, hierdurch zu erklären, daß die Schlüffe, welche ans der betreffenden Bekanntmachung gezogen werden, vollständig unberechtigt sind. Die Bekanntmachung findet ihre Erklärung einfach darin, daß einerseits der Shnagogenbezirk Norderney und somit auch alle dortigen religiösen Einrichtungen der Aufsicht des Landrabbiners zn Emden unterstellt sind, anderseits aber die dort erwähnten Fleischnnd Wurstwaaren aus Hannover, also ans meinem Bezirke, importirt werden. Herr Dr. Löb hatte in früheren Jahren^ auch die religiöse Aussicht über die Verkaufsstelle des Herrn Louis Wolff^aus Hannover geführt, in diesen! Jahre aber in vollem Einverständnisse mit mir und ans Gründen, die ich nur billigen kann, diese^Anssicht abgelehnt und mir, der ich die hiesigen Verhältnisse natürlich besser kenne, es überlassen, ob ich überhaupt und bis zu welcher Grenze die Verantwortung für deren Kaschrus tragen wolle. Das Ganze war deshalb nothwendig. weil Herr Wolfs, trotzdem ihm die religiöse Aufsicht versagt war, eine Verkaufshalle in Norderney eröffnete, was auch mich zu einer Erklärung veranlaßt hat, die nicht im Widerspruche zn der des verehrten Kollegen und hochgeschätzten Freundes stand, sondern deren Ergänzung bildete nnd von Ihrem Korrespondenten wohl deshalb, weil sie nicht in der Synagoge, sondern nur in einem Restaurant angeschlagen war. übersehen worden ist. Es kann mithin absolut keine Rede von einer Desavouirung.^, des r einen Rabbiners durch den andern sein und darf betont werden, daß das beste kollegiale,Einvernehmen zwischen den drei Landrabbinern der Provinz nach wie vor besteht. Hannover, 28. Juli. Hochachtungsvoll Dr. Grone mann, Landrabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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