Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 383 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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383 lichen Opernhause. Niemand aber sollte es erfahren, wohin seine Gedanken eilen, wo seine Sehnsucht ihn hinzog, nicht einmal seine Frau hatte eine Ahnung, was er mit dem Gelde vor hatte, das bei der Hochzeit außerordentlich reichlich eingeworfen wurde. Zwei Tage später erhielt der junge Herr Freund in Wien einen Brief in jüdischen Lettern mit einem einliegenden Papiergnlden. Der Brief war von Mendele. der bat, ihm für diese Summe das Buch, er wisse schon welches, zu kaufen. Leider genügte dieser Betrag nicht, denn ein Band von Wagners gesammelten Schriften und Dichtungen kostete fl. 2,50. Mendele war durch diese Nachricht arg betroffen. Noch fl. 1,50. Er rechnete. Selbst wenn im Sommer noch eine Hochzeit stattfinden sollte, ginge es nicht; eine reiche konnte es nicht sein, denn solch große Ereignisse werfen schon lange ihre Schatten voraus. Eine Mittelhochzeit aber trug höchstens 40 bis 60 Kreuzer. Blieb noch die Chewre Sude und der Simchasthoraball, und wenn die auch zusammen fl. 1,50 einbringen sollten, das dauerte ja noch fünf Monate. Fünf Monate, so lange mußte er den Schmerz in sich verschließen, so lange mußte er schwanken zwischen Hoffnung und Verzagtheit und so lauge mußte er noch an ihm zweifeln, an dem großen Propheten, an jenem Gottgesandten, der ihm berufen schien, dem Allerhöchsten selbst mit seiner Musik das Herz zu bewegen. Woche um Woche verließ er am Sonntag sein kleines Stübchen, um ohne Freude, ohne Erquickung, von Dorf zu Dorf, voll Hof zu Hof, vou Jörsterhaus zu Försterhaus zu wandern, durch Staub und Hitze, um den Lebensunterhalt für seine Frau und die Seinigen zu erwerben. Er wurde immer ernster, immer wortkarger, mürrisch und verdrossen, zerfallen mit sich und der Welt. Endlich besaß er auch den Rest des Geldes, er sandte es nach Wien und harrte der Erlösung. Als er das Buch in den Händen hielt, drückte er es erst an sich, am liebsten hätte er es zum Munde geführt, um es wie ein heiliges Werk vor der Benutzung mit einem ehrfurchtsvollen Kuß zu begrüßen. „Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard Wagner", bnchstabirte er Silbe um Silbe vom Deckblatt herunter. Der junge Student hatte ihm mit Papierstreifen die Stellen bezeichnet, die vom Judenthum in der Musik handelte«,. Er las sie bedächtig. Zwei Sätze waren dick angestrichen. „Wir haben uns das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinktmäßige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, daß sie stärker und überwiegender ist als unser bewußter Eifer, dieser Abneigung uns zu entschlagen." Das war ihm zu hoch. Er vermochte zwar, die Silben zusammenzuklauben, und jedes Wort auszusprechen, aber sowie er zwei Worte gelesen hatte, verlor er den Sinn und das Verständniß für das Gelesene. Die ineinander geschobenen Begriffe machten es ihm unmöglich, den Sinn des langen Satzes zu verstehen. Dann kam der zweite bezeichnete Satz. „Der Jude, der bekanntlich einen Gott ganz für sich hat, fällt uns in, Leben zunächst durch seine äußere Erscheinung auf, die, gleichviel welcher europäischen Nationalität wir angehören, etwas dieser Nationalität Fremdartiges hat. Wir wünschen unwillkürlich, mit einen« so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben." Das „Unwillkürlich" verstand er nicht, aber „wir wünschen mit einem so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben," das war ihm wohl verständlich, und gemeinmachen mit Jemandem, „etwas gemein haben", das war auch der im Jargon übliche Wortgebrauch. Und doch, er hatte gemeint, in dem Buche einen Satz zu finden, die Juden seien alle Gauner, sowie er es oft in Froschdorf und Wolksdorf gehört hatte, wenn er den Bauern etwas verkaufen wollte, oder die Juden müsse man erschlage»!, was ihm auch oft von robusten Bauernburschen zugerufen wurde, wenn sie ihn allein auf der Straße trafen. Er wollte in seiner Noth Jemanden befragen, der es besser verstehen müßte als er. Er dachte zunächst an den Rabbiner. Aber der würde ein deutsches Buch gar nicht in die Hand nehmen. Der Schames verstand nicht viel mehr deutsch als er selbst, sie würden auch in ihrer Empfindlichkeit gleich außer Rand und Band gerathen. So entschloß er sich denn, zum Advokaten zu gehen, zum christlichen Advokaten, der aus dem Marktplatze neben dem Bezirksgericht wohnte. Hätte der freundliche Rechtsanwalt gewußt, welches Unheil er stifte, er würde ihm wohl die richtige Auskunft verweigert haben. Aber er war ein freundlicher Herr, der dem armen Inden gern gefällig sein wollte. Da er sich selbst für Musik illteressirte, las er diese ihm unbekannte Arbeit Wagners mit großem Interesse. Bald hatte er den Sinn der ganzen Schrift, namentlich aber den der angeführten Sätze verstanden lind dem Juden ehrlich erklärt. Mendele saß erst eine Weile, ohne zu sprechen, dann erhob er sich und frug nach seiner Schuldigkeit. Der Advokat verzichtete lächelnd auf jedes Honorar. Mendele wollte, als Entschädigung für die verlorene Zeit, das Buch dort lassen. Es wurde nicht angenommen. Ach, er hätte es so gern dort liegen lassen, dieses Buch, das ihm den Glauben an den großen Propheten, die Zierde seiner einsamen Stunden an die Erquickung seines armen Daseins geraubt hatte. Er ging traurig aus dem großen Hause, schlich am Bache entlang, der die Judengasse begrenzt, um über die Brücke nach Hanse zu gehen. Unbewußt riß er mit seinen zuckenden Fingern ein Blatt ums andere aus dem Buche, zerstückelte es iil kleine Theilchen, die den Boden besäten. Vom Marktplatz in die Judengasse führte daun eine seltsame unregelmäßige Linie. Bei der Synagoge blieb Mendele stehen. Er faßte das eiserne Gitter, sah stumpf nach dem kleinen Platz, auf dem die Trauungen stattfanden lind schüttelte dann den Kopf. Nein, dort wird er nie mehr stehen können. Das öde Schrnm Schrum, es soll ihn nicht mehr quälen, indem es die Anderen begeistert — es ist zu häßlich, zu gemein. Wie arm wird nun das Leben sein. Keine Musik, kein Prophet, kein Wagner. Doch da drinnen bei seinem alten Gott, mit dem er schon so oft innig Zwiesprache gehalten hat, da wird er Ersatz finden, neue Lebenskraft. Wird er? — Wird er wirklich —? Hat nicht Wagner gesagt, daß der Gottesdienst der Juden »vürdelos ist, ein geistloses Babbeln. Wird er nach wie vor in Gott versunken, sein omei, seile selleme rabu herausschniettern, um dem Kantor zu respondiren, oder wird er lauschen, horchen, ob die Stimmen würdig und harmonisch klingen, wie es vielleicht Wagner hören mochte? Verstört und verdüstert zog er endlich weiter, seiner Wohnung zu, in seine Stube.