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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-09 · Heft 32 (9.8.1901) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 382 (sequence 12)
Language
German
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382 stühle derselben, deren Inhaber zumeist verschiedene Fächer zu bekleiden und auch andere, ihrem wissenschaftlichen Arbeitsfelde ferner stehende Aufgaben zu erfüllen haben, stehen in keinem Verhältnisse zu den zahlreicheil Aufgaben und Zielen der jüdischen Wissenschaft. Außerdem legt die Rabbinerschule vermöge ihrer eigentlichen Zwecke der Forschung gewisse Schranken auf, und nur ein Theil der an ihr geleisteten Arbeit kann der reinen Wissenschaft dienstbar gemacht werden. Die in den Rabbinerschulen zur Pflege der jüdischen Wissenschaft und zur Liebe für sie Herangebildeten aber werden durch die Pflichten ihres Amtes immer weniger in der Lage sein, auch die große Pflicht zu erfüllen, die ihnen, als den leider immer mehr ausschließlichen Trägern der jüdischen Gelehrsamkeit, obläge. Wie gering ist die Zahl der Rabbiner in Deutschland und anderwärts, die trotz innerem Drange und trotz tüchtiger Befähigung Muße finden, sich selbstthätig an dem Ausbau, an der Weiterentwicklung der ihnen so theuren und gewissermaßen ihrer Obhut anvertrauten Wissenschaft zu betheiligen! So verliert die Wissenschaft des Judenthums, wie man sich dessen zuweilen mit Grauen inne wird, allmälig ihre lebendigen Wurzeln, und die stolze Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts ist in Gefahr, im zwanzigsten Jahrhundert zu einem tobten, in Büchern vergrabenen Schatze zu werden, für den sich auch Schatzgräber nur in spärlicher Anzahl finden werden. Eine Hochschule, wie sie in New-Iork erstehen soll, wird ein wirksames Mittel sein, um jene Gefahr abzuwenden. In dem Neulande jenseits des Atlantischen Ozeans, das nun auch vermöge der Anzahl der in ihm wohnenden Bekenner unseres Glaubens in der vordersten Reihe der Länder steht, die Israel zur Heimath geworden sind, wird durch das zu gründende große Institut die Wissenschaft des Judenthums feste Wurzeln schlagen. Und vielleicht dürfen wir, denen ihr Fortbestand und ihre Blüthe besonders am Herzen liegt, ein Wort des deutschen Kaisers variirend, die Hoffnung aussprechen : Unsere Zukunft liegt jenseits des Meeres! Me Geschichte eines Musikanten. Von H. Jork-Steiner. IV. ^m zweiten Samstag nach dem Passahseste hatte Mendeles Gattin ihr Benehmen geändert. Sie war nach Schul zu Schimele Beck gegangen, um im Hofe zu warten, bis der Ofen geöffnet werde. Am Freitag bringt jede Hausfrau ihre Töpfe voll jener Kostbarkeiten, die unter dem Gesammttitel „Scholet" weltberühmt geworden sind, zu Schimele Beck. Der Deckel ist durch eine Teigschicht an den Rand des Topfes festgeklebt, auf dein, in hebräischen Lettern mit Kreide geschrieben, der Name der Besitzerin Prangt. Der ganze Backofen wird mit der Sabbathspeise angefüllt, dann geschlossen. Am Samstag während die ersten Frauen aus der Schul laufen, öffnet man den Ofen. Mit gierigen Blicken fchauen die Weiber nach jedem herausgereichten Gefäß, ob sie es an Form, Farbe oder an den halb verrußten Namenszügen als das ihre zu erkennen vermögen. Ein Schreien und Rufen: „Meine Kügel, meine Bondlach, meine Scholeteier," ein Protestiren, wenn man den falschen Topf ergriffen hat. ein Kichern und Lachen erfüllt dann den Hof. Man hat nur einen Gedanken, die richtigen Töpfe zu bekommen, um sobald als möglich nach Hanse eilen zu können. Das war eine Aufgabe, die große Sorgfalt erforderte. Denn ach, mit Schmerz sei es verzeichnet, es gab in Martinsdorf böse Menschen, die nach dem Scholettopf des Nächsten Gelüste hatten, besonders wenn sie ahnten, daß er besseren Inhalt berge als der ihre. Aber heute herrscht Ruhe in der sonst regen Menge. Man läßt ruhig einen Topf nach dem anderen herausreichen, der Hof füllt sich mit rauchenden Gefäßen, der Duft des durchgekochten Fleisches, der fetten Gansbrüste und gefüllten Hälsel, der echte und rechte Scholetduft steigt unbemerkt in die Lüfte, denn Chaile Klesmerten erklärte mit strahlendem Gesichte den hochaufhorchenden Frauen, daß ihr Mann Lag Beoiner bei der Hochzeit von Awrohom Schürmachers Tochter spielen werde. Trotzdem die Balbatim ungewöhnlich lange gewartet hatten, bis die edle Sabbathspeise ihnen heimgebracht wurde, gab es doch in keinem Hause ernstlichen Zank. Die frohe Nachricht, daß Mendele nicht mehr böse sei, besänftigte die Aufregung selbst jener Männer, deren Frauen einen falschen Topf bekommen hatten und nur dürre Bohnen anstatt Bondlach mit Darrefleisch servirten. Wenn man Mendele frug, was ihn zu dieser Sinnesänderung veranlaßt habe, so bekam man keine Antwort. Es wagte aber auch Niemand, ihn irgendwie zu reizen. Denn als ein killebekannter Chuzpeponem ihn am nächsten Samstag beim Schülgehen mit „Grit Schabbes, Reb Wagner" ansprach, war ihm der kleine Mann mit solcher Wuth an den Hals gesprungen, daß die umstehenden Männer Mühe hatten, den Chillel haschem, diese Versündigung an dem Allerhöchsten, einen brutalen Streit am Sabbath zu verhindern. Man konnte es gar nicht begreifen, daß der sanfte Mendele, der kleine Musikschwärmer, sich zu solcher Gewaltsäußerung habe hinreißen lassen; es war auch, als bereue er seine Heftigkeit, denn die nächsten Tage verlebte er noch zurückgezogener als sonst. Er kam jetzt immer als Letzter in die Synagoge, eilte als Erster hinaus, nur nur ja Niemandem Rede stehen zu müssen. Er war wortkarg und mürrisch geworden, und in seinen einsamen Dorfgängen blieb ihm der Trost des Gesanges versagt. Er blickte immer starr vor sich hin, nur manchmal schrie ergänz wild hinaus: „Das is nix möglich, das is nix möglich." Und dann, wenn er so seiner Empfindung ein wenig Lust gemacht hatte, schwirrten ihm wieder die süßen Zaubertöne aus dem Lohengrinvorspiel durch die Sinuc, schmeichelte sich der Sang an den Schwan in sein Ohr. Eine Weile ging er, umwebt von diesen Tonbildern, ruhig vor sich hin, die Stirn faltenlos, das Auge freiblickend, wenn er dann den Mund öffnete, um die Töne, die in ihm lebten, vor sich hinzufchmettern, dann zuckte er zusammen und hörte im Geiste, was ihm Chaim Freunds Sohn erzählte. So kam der 33. Tag im Oimer. Man weinte und schluchzte nnn im Hause von Reb Awrohom Schürinacher. Das Decktuch fiel über ein jugendfrisches Mädchengesicht, das man zu einer jungen Frau mißgestaltete. Mendele Klesmer marschirte wieder hinter den zwei Violinen, der Klarinette und strich fleißig zum Hochzeitsmarsch. Und wieder war sein Sinn nicht bei dieser Verrichtung, sondern fern in der schönen Kaiserstadt, im kaiser-

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