Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 381 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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381 Aber der Begründer der Jüdischen Encyclopädie wartete nicht die Vollendung des Werkes ab, um mit einem neuen, noch kühneren Gedanken, als es der Plan der Encyclopädie gewesen war, einen weiteren Beweis seines Mnthes und feiner Thatkraft zu geben. Bei dem Bankett, das der Klub der „Judäer" (lim ^uäaeans) in New-Zork aus Anlaß der Vollendung des ersten Bandes zu Ehren der Herausgeber und der Redakteure der .le^visü veranstaltete (am 21. Mai d. I.), überraschte Dr. Singer die Theilnehmer des Festmahles mit der Ankündigung einer in New-Iork zu gründenden „Universität für jüdische Theologie, Geschichte und Litteratur". Die Wissenschaft des Jndenthums, die bisher nur an den Nabbinecbildungsanstalten ihre offizielle Lehrstätte hat, und die außerdem höchstens an einigen wenigen Universitäten hier und da als geduldeter Gast erscheint, soll an der von Singer geplanten Universität eine dauernde Heimstätte erhalten, die zwar auch dem Praktischen Zwecke der Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern zu dienen hat, aber in erster Reihe die Wissenschaft des Jndenthums selbst in allen ihren verschiedenen Disziplinen forschend und lehrend zu hegen lind sortzuentwickeln bestimmt sein soll. Doch dieser Gedanke ist nicht neu. Namentlich war es Abraham Geiger, dem eine Hochschule jüdischer Wissenschaft stets als Ideal vorschwebte, und der am Abend seines Lebens dasselbe in allerdings sehr bescheidenem Maße, den geringen ärmeren Mitteln und den ungünstigen Verhältnissen entsprechend, auch in die Wirklichkeit einführen durfte. Aus Geigers „Hochschule" ist längst eine „Lehranstalt" geworden, die ihr Programm und ihre Thätigkeit vollständig in die Reihe der übrigen Rabbinerseminare Europas einfügt. Der Gedanke der Hochschule wird nun jenseits des Oceans wieder neu ausgenommen; mit welchem Erfolge und unter welchen Lebensbedingungen er verwirklicht werden soll, das wird schon die nächste Zukunft lehren. Denn Dr. Singer läßt der ersten Kundgebung einen neuen Plan, unmittelbar auch die erstell Thatsachen, durch die dessen Ausführung vorbereitet wird, folgen. Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist das Bureall für die neue Hochschulgründung in New-Nork (Bible House, 4. Avenue, 8. Street) eröffnet. Das Komitee, das die Vorbereitung in seine Hände nehmen soll, ist bereits gebildet; jedoch sind die Namen der Mitglieder noch nicht bekannt gegeben. Es scheint, daß mall vor dem vollen Hinaustreten an die Oeffentlichkeit die finanzielle Grundlage des großen Unternehmens wenigstens zum Theil sichern will Und es handelt sich auch nach der finanziellen Seite um ein großes Unternehmen, denn auf nicht welliger als 60 000 Dollars (240 000 Mark) veranschlagt Dr. Singer das jährliche Budget der zu gründenden Universität. Diese für unsere europäischen Verhältnisse geradezu fabelhaft hohe Summen glaubt Singer bei der Liberalität der mit großen Zahlen zu rechnen gewohnten amerikanischen Glaubensgenossen zusammenbringen zu können. Der Bau der Univerfitätsgebäude, der auch eine Bibliothek in großem Stile beherbergen wird, soll 250 000 Doll. (1 Million Mark) kosten. Bis Ende 1902 soll die Vorbereitung so weit gediehen sein, daß die Anstalt eröffnet werden kann. Die Hochschule soll den Namen führen: „Ille Xevv-Vork I7m- V6i 8it)p t'or rlenüsb llieolo^. Hi8tor)' null Interuture". Dieser Name, bezeichnet auch die drei Fakultäten, in welche die neue Universität zerfallen soll: ot' HmoloAv, luleult^ ot' Uitoiature, l^aeult^ ot' Histor^v. Im Rahmen dieser Fakultäten sollen Lehrstühle für die verschiedenen Disziplinen, die man als jüdische Wissenschaft oder Wissenschaft des Jndenthums zusammen zu fassen Pflegt, errichtet werden. Die Seminarien, welche an der Universität thätig sein sollen, haben theils der praktischen, theils der wissenschaftlichen Ausbildung der Hörer zu dienen. So sind für den Anfang ein philologisch-historisches, ein pädagogisches, ein homiletisches, ein liturgisches Seminar in Aussicht genommen. Die Vortragssprache wird außer dem Englischen auch das Deutsche, das Russische und das Hebräische sein; das Russische mit Hinblick auf die ungewöhnlich zahlreiche russisch-jüdische Bevölkerung New-Iorks und anderer amerikanischen Städte, die sich durch Einwanderung fortwährend vermehrt. Die Aufnahme des Deutschen als Vortragssprache soll besonders die Gewinnung von Dozenten deutscher Zunge für die neue Anstalt erleichtern, da diese in erster Reihe auf junge Gelehrte aus Europa rechnet, die sich dazu entschließen, ihr spezielles Arbeitsgebiet an der zu gründenden jüdischen Universität forschend und lehrend zu vertreten. Die vorstehenden Angaben, die ich zumeist der bei dem oben erwähnten Festakte gehaltenen Rede Dr. Singers (dieselbe ist in einem Berichte über das Banket in extenso abgedrnckt), zum Theil seinen brieflichen Mitlheilnngen entnehme, beweisen, daß der Plärr der neuen Hochschule nach verschiedenen Seiten wohl durchdacht ist, und daß er eigentlich nur zweier Dinge bedarf, um ihn der Verwirklichung zuzuführen: die Sicherung des Gründungs- und Erhaltungskapitals und die Sicherung der an der Anstalt zu wirken berufenen Lehrkräfte. Das erstere erscheint, trotz der Höhe der oben genannten Summen, leichter zu erreichen als das letztere. Denn wie werden sich zur Sicherung des — wenn man so sagen darf — geistigen Gründungskapitals die Männer in genügender Anzahl und mit genügender Bedeutung finden lassen, denen die mannigfachenLehrstühle der neuen Universität anzuvertrauen sind? Diese wird sich in der ersten Zeit auch die Aufgabe stellen müssen, ihre künftigen Lehrer sich selbst zu erziehen. Die jüngeren Kräfte, auf die sie zunächst angewiesen sein wird, werden mit ihr wachsen und an Bedeutung znnehmen; die Ansprüche cm die Anstalt werden im Anfänge niedriger gestellt werden müssen. Wenn die jüdische Universität, wie beabsichtigt ist, in naher Zeit schon die beiden amerikanischen Rabbinerseminare, das in Cincinnati und das in New-Iork, sich einverleiben wird, dann wird natürlich ihre Aufgabe erleichtert und ihre Erstarkung beschleunigt werden. Wer die Gründungsgeschichte unserer europäischen Nabbinerbildungsanstalten und die engen Schranken ihrer Budgets im Auge hat, dem muß der hier gekennzeichnete Plan der neuen Gründung Singers den Eindruck des Abenteuerlichen und geradezu Unglaubhaften machen. Auch ihm gegenüber ist die Skepsis am Platze, und zwar noch in höherem Grade, als sie seinem früheren Plane gegenüber berechtigt war, der nun mit dem ersten Bande der Encyclopädie dennoch zur Wirklichkeit geworden ist. Aber auch die Zweifler werden der Idee einer Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums weder die Berechtigung, noch die Größe der Conception versagen können. Wer mit offenen Augen die gegenwärtige Lage unserer Wissenschaft betrachtet, wird die Gefahr nicht verkennen, welche ihrem Bestände, ihrer Fortentwickelung schon lange droht. Die einzige Institution, welche der modernen jüdischen Wissenschaft als Heim zu dienen, die Rabbinerbildungsanstalt, ist durchaus nicht genügend, um die Erhaltung und Erweiterung derselben zu sichern und sie vor Verfall zu bewahren. Die wenigen Lehr-