Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 380 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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380 Bethäuser, Synagogen, nennt sie, wie ihr wollt. Die Synagoge ist aber das Symbol für das Judenthum geworden. Seine Bekenner, oder die es sein sollen, verstehen es nicht inehr. Wohin, ihr Herren Vertreter des Judenthums, habt ihr dieses gebracht? Eine versteinerte, verknöcherte Mumie ist es geworden; das Volk, die Masse steht ihm kalt gegenüber, mit einem Worte, man glaubt Denen, die sich so gern als die offiziellen Pächter des Judenthums bezeichneil und als solche gelten wollen, man glaubt ihren Worten nicht, geschweige ihren Thaten. Man hat das Judenthum zu einer Komödie entarten lassen. Was soll sich ein halbwegs gebildeter Mensch dabei denken, wenn er hört, es sei von seinem Rabbiner das Tragen eines Regenschirms am Sabbath als Entweihung des heiligen Tages bezeichnet worden? Unser ohnehin sehr kritisch beanlagtes Volk — wer kennt es nicht — sollte wirklich Respekt und Ehrfurcht — Schopenhauer nennt es verocnnllirr — haben vor den Schirm- und Stockverächtern am Sabbath? Denken wir nun besonders an unsere Jugend. Und da können wir nicht umhin, dem l^eliali-de-^d-Gedanken — an diesem traurigen Tage sind diese Zeilen geschrieben — Ausdruck zu geben: unsere herallwachsende Jugend ist vollständig religionslos. Während wir die wehmutsvollen Worte Jehnda-ha Levi's in der Synagoge heute anhörten, schnitt es uns schmerzlich durchs Herz: es wird wieder ein Heiligthnm zerstört, und leider ist für die Zukunft keine Aussicht auf dessen Aufrichtung vorhanden. Das ist das Heiligthnm unserer Religion, dessen Trümmer unsere Jugend mit blödem Auge anstarrt. Da baut sie sich ein Gebäude von irgend einem zukünftigen Staatswesen auf, jagt Utopien und phantastischen Hirngespinsten nach, wenn sie nicht, ganz nihilistisch und charakterlos geworden, den väterlichen Glauben abschwört und dem Judenthum ganz verloren geht. „Darüber möchte ich weinen," diese Worte, welche in den Kinnoth so häufig sich wiederholen, sie sind in unserer Zeit nur zu furchtbar wahr geworden. Thränen möchte man darüber vergießen, wenn man sieht, wie das reine Gut der wahren Religion immer mehr und mehr der Zerstörung anheimfällt, und Niemand ist da, welcher den Verfall aufhielte und rettete ans dem furchtbaren Brande, was sich noch retten läßt. Ruinen und Trümmer allenthalben! In alten, halbvergangenen Zeilen pflegte am Gedenktage der Zerstörung Jerusalems der Rabbi, auf der Erde sitzend, die Elegie des Rabbi Meir von Rothenburg zu rezitiren, die gedichtet wurde „auf die Verbrennung der Thora". Sie endet mit den Worten: „Dereinst wird sich dein Dunkel erleuchten"; diese Trosteshofsnnng wollen wir nicht aufgeben. Trost und Hoffnung sind des Sklaven Balsam. Wenn nun unsere geistlichen und weltlichen Vertreter, Rabbiner und Vorsteher, in der Natur draußen Kräftigung suchen, mögen sie erkennen, daß auch unser krankes Judenthum der Gesundung und Kräftigung bedarf. Und mögen sie von der Natur lernen. Das Schadhafte, das Unnütze wird abgestoßen, und nur das Lebensfähige entwickelt sich zum kräftigen Dasein, gestaltet sich aus, bringt junge Triebe hervor, und selbst auf Trümmern verjüngt sich neues Leben. Wenn ihr also auch nicht mehr in den finsteren Bethäusern die alten Kinnoth saget, erwecket doch zu neuem Leben das Gesunde im Judenthum und stoßet endlich die alten Trümmer ab. Es hat sich viel Epheu gerankt um das alte Gebäude des Judenthums, weg mit den Schmarotzern und Parasiten, auf daß die Schönheit des alten Gebäudes neu verjüngt allen Augen sichtbar werde. Ivvii. Eine Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Amerika. Von Professor Dr. Wilhelm Bocher. merika, du hast es besser als nnser Kontinent, das alte!" Dieses Dichterwort ist mir jüngst wieder in den Sinn gekommen, als der Prachtvoll ausgestattete erste Band derLiie^olopiieäia" in meine Hände kam, und ich in ihm einen vor langen Jahren aufgetauchten, oft neu aufgenommenen und immer wieder falle» gelassenen Gedanken der jüdischen Gelehrtenwelt Europas zur Wirklichkeit werden sah. Eine jüdische Encpclopädie, die alles Wißbare nnd alles Wissenswerthe über Inden und Judenthum, über die Vergangenheit und Gegenwart Israels, seine Lehren und Ideen, seine Geschichte und sein Schristthnm enthält nnd für Fachmänner und Laien gleicherweise Nutzen nnd Belehrung in bequemer lexikalischer Form zu bieten bestimmt ist, ist nun kein frommer Wunsch mehr, wie es während der gröberen Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gewesen war. Was wir in Europa im vergangenen Jahrhundert vergebens gewünscht nnd angestrebt hatten, es wird nunmehr am Anfänge des neueil Jahrhunderts in Amerika zur Thatsache. Die zielbewußte Energie eines einzelnen, vor keinem Hinderniß zurückschreckenden Mannes brachte in der neuen Welt zuwege, was die berufenen Träger unserer Wissenschaft in den alten Heimstätten Generationen hindurch vergeblich anzubahnen versucht hatten. Wie einer jener kühnen Konquistadoren des 16. Jahrhunderts zog Dr. Isidor Singer, nachdem er in Europa für seine Idee höchstens kühle Anerkennung und skeptisches Lob zu erringen gewußt hatte, über den Ozean, und binnen kurzem gelang cs ihm, seiner Idee die Gunst und den den Idealismus nicht entbehrenden Unternehmungsgeist einer großen Verlagsfirma zu erobern. Damit war der Boden für die Verwirklichung des Gedankens gewonnen; bald waren auch die großen Schwierigkeiten des Anfanges überwunden, und in wenigen Jahren war das Werk so weit gefördert, daß der erste Band in einer alle Erwartungen übertreffenden Ausstattung ausgegeben werden konnte, und das Erscheinen der übrigen Bände — das ganze Werk soll deren zwölf enthalten — als gesichert betrachtet werden darf. Ein solcher Erfolg muß auch die mit mehr oderweniger Wohlwollen gepaarte Skepsis, der das Unternehmen bis in die letzte Zeit begegnete, zum Schweigen bringen. Dr. Isidor Singer darf sich dessen rühmeil, nicht nur Großes gewollt, sondern auch dessen Verwirklichung herbeigesührt zu haben. Seiner Initiative und der Opferwilligkeit der Verleger Funk und Wagnalls in New-Nork wird die jüdische Litteratur ein Werk verdanken, das einem dringenden Bedürfnisse entgegenzukommen, einem immer fühlbarer werdenden Mangel abznhelsen berufen ist, indem es auf die bequemste und vertrauenswürdigste Weise alle Daten und Forschungen über Inden und Judenthum darbietet, die bisher auch der Eingeweihte nur auf mühselige und zeitraubende Weise an tausend verschiedenen Fundorten zu suchen genöthigt ist. New-Hork, das heilte unter allen Städten der Welt die meisten jüdischen Einwohner zählt, ist nunmehr ans ungeahnte Weise auch zu einem Sammelpunkt jüdischer Gelehrsamkeit geworden. Die Räume, in denen die jüdische Encyclopüdie redigirt wird, bilden eine bevorzugte Werkstätte jüdischer Wissenschaft, deren Arbeiter in allen Ländern der alten und neuen Welt für sie thätig und zum Gelingen des Werkes beizutragen bemüht sind.