Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 377 (sequence 7)
- Language
- German
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Die festgesetzte Prozentnorm entspricht in den für Inden offenen Gegenden meist nicht dem Verhültniß (in Proz.) der Einwohnerzahl der Juden dieser Landtheile zu der der Christen, in den anderen, für Inden geschlossenen Gouvernements, hätten ja die Kinder nur dann das Recht aufgenommen zu werden, wenn ihre Eltern das Wohnrecht in jenen Gegenden hätten, und auch in diesem Falle ist die Aufnahme eines Judenkindes in eine staatliche Realschule oder ein Gymnasium meist ein Ding der Unmöglichkeit, da die Zahl der freien Plätze stets eine sehr geringe und snr Juden am wenigsten reservirt ist. wegen der festgesetzten Prozentenuorm. Bei dieser Lage der Dinge ist es wohl kein Wunder, wenn die vom Gesetz bestimmte, auf ein Minimum reduzirte Anzahl der freien Plätze in den staatlichen Mittelschulen sehr hart erkämpft werden muß, wobei die dazu verwandten Mittel nicht immer sauberer Natur sind .... Es ist wohl klar, wie demoralisirend dieses auf die Schule un Großen und Ganzen einwirken muß, d. h. sowohl auf die Lehrer und Leiter als auch ans die Schüler .... Das Ministerium für Volksaufklärnng, das jetzt die Reformirung der Mittelschule in die Hand genommen, würde eine That echtester Humanität und Gerechtigkeit vollbringen, wenn es nur das Gesetz walten ließe und alle Zirkulare, die so manches junge Leben snr immer verderben und der Ginstern iß weiht, vernichten würde. Protokoll der 37. Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover. Erste Sitzung. Montag, den 27. Mai. er Vorsitzende, Kollege Blumenfeld-Adelebsen, eröffnete um 4 Uhr Nachmittags die Versammlung mit herzlichen Begrüßnngsworten. In seiner Ansprache giebt er dem Wunsche Ausdruck, daß die Berathungen der jüdischen Schule und ihren Lehrern zum Segen gereichen möchten. Die Ansprache schloß mit Ariern Hoch auf den Kaiser. Die Versammlung stimmte dreimal ^geistert in diesen Ruf ein. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende des am 30. Juli v. I. verstorbenen Kollege Ca h n-Sarstedt und widmete demselben einen Nachruf. Die Versammlung erhebt sich zur Ehrung des Entschlafenen von den Sitzen. Nunmehr wurde in die Tagesordnung eingetreten, und zwar gab der Vorsitzende zunächst einen ausführlichen Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr. Redner referirt über die Sitzung des Verbandsvorstandes am 31. Dezember 1900 in Berlin und die Vorbereitungen zum 2. Verbandstage in Hamburg und weist dabei hin auf den Jahresbericht des Verbandes, der allen Vereinsmitgliedern im Monat Februar d. I. übersandt worden sei. Ueber die Angelegenheit des einjährigen Militärdienstes der jüdischen Volksschullehrer giebt der Vorsitzende eingehenden Bericht und macht Mittheilung von den Schritten, welche in dieser Sache vom Verbandsvorstaude bis jetzt geschehen sind. Der Verbandsvorstand werde die Angelegenheit weiter verfolgen und hoffe, schließlich einen günstigen Erfolg zu erwirken. Der Vorsitzende bringt einige Schriften, die ihm in mehreren Exemplaren zugegangen waren, zur Vorlage. Ferner nimmt die Versammlung Kenntnis; von dem Schreiben des Kollegen Levy-Norden, nach welchem der zweite Theil des Lesebuchs für jüdische Schulen durch Ministerialerlaß vom 13. 4. 01 — tv. III. 782 — zur Einführung genehmigt worden ist. Weiter unterbreitet der Vorsitzende das freundliche Begrüßungsschreiben des Delegirten vom D.-J. G.-B. Herrn emer. Prediger Blumen au- Hannover, der es lebhaft bedauert, krankheitshalber der Versammlung nicht beiwohnen zu können. Er wünsche den Verhandlungen einen guten Erfolg. Schließlich wird noch durch den Vorsitzenden die Versammlung im Aufträge des Herrn Konsul Simon zur Besichtigung der Ahlemer Erziehungsanstalt und zur Generalversammlung dortselbst freundlichst eingeladen. Nach Erledigung der geschäftlichen Mittheilungen wird zur Vorstandswahl geschritten. Auf Antrag des Kollegen Levy-Hannover erfolgt die Wahl durch Stimmzettel. Das Ergebniß ist die Wiederwahl des Gesammtvorstandes. Als Kassenrevisoren werden Levy- Hannover und Löwenstein-Burgdorf ernannt. Daraus nimmt Herr Landrabbiner Dr. Grone mann das Wort, um die Versammlung herzlich zu begrüßen, hoffend, daß die Berathungen zum Segen unserer Schulen und Gemeinden gereichen werden. Mit Interesse sei er der Berichterstattung gefolgt, und er hebe besonders daraus die segensreiche Thätigkeit des „Verbandes^der Lehrervereine" hervor. Wenn bisher wesentliche Erfolge auch nicht zu verzeichnen wären, so sei doch zu hoffen, daß die gute Saat mit der Zeit auch gute Früchte reife. Der Verband habe voll und^ganz seine Sympathie. Herr Landrabbiner Dr. Lob schließt sich in beredten Worten dem Vorredner an. (Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky „war dienstlich verhindert, bei Beginn der Konferenz anwesend zu sein.) Hieraus erhält das Wort Kollege Rothschild-Achim zu seinen; Vorträge: „Die Thätigkeit des Lehrers für kulturelle Bestrebungen innerhalb der Judenheit. insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodenkultur." Die Leitsätze zu seinem einstündigen Referat hatte Rothschild in ausführlicher Bearbeitung gedruckt der Konferenz vorgelegt. In verkürzter Form seien sie wie folgt wiedergegeben: vV Die sozialen Verhältnisse innerhalb der Judenheit, hervorgernsen durch den gewaltigen Knlturfortschritt auf allen Gebieten, erfordern zur Lösung die Erziehung nuferer Jugend nach Auffassung der Sozialpädagogik, die den Menschen als soziales Wesen betrachtet, und als Ziel der Erziehung harmonische Ausbildung aller menschlichen Gruiidkräfte — der sittlichen, geistigen und physischen — verlangt. Praktisch wirksame Kräfte und sestgeschlossene Charaktere sollen gebildet werden. I. Charakter und Gemüth zu bilden, unsere Jugend zur wahren Erkenntniß des Judenthums und zu seiner wunderbaren Geschichte zu führen, sie zur selbstthcitigen Arbeit zu erziehen, muß also die nächste Aufgabe der Erziehung sein. k. Daraus ergeben sich die kulturellen Bestrebungen: l. Zur praktischen Betätigung unserer Bestrebungen ist die Erhaltung und Gründung von jüdischen Volksschulen notwendig. II. Die Thätigkeit des Lehrers in der Schule: 1. In erster Linie kommt die Religion in Betracht. Neben den; zu erteilenden charakter- und gemüthbildenden Religionsunterricht muß den Kindern zur Herstellung der Brücke zwischen religiösem Empfinden und sittlichen! Handeln Gelegenheit zur selbsttätigen Uebung religiöser Pflichten gegeben werden. 2. Eine Schulung der Thatkraft und Charakterstärke ist in allen übrigen Nnterrichtszweigen durch rechte Handhabung, insbesondere durch der; Handfertigkeits- und Gartenbanunterricht zu erzielen. III. Auch auf die Jugend des nachschnlpflichtigen Alters muß sich des Lehrers Wirksamkeit erstrecken (Jünglingsvereine für Knaben und Lesekränzchen für Mädchen; Hanshaltnngsschnlen). IV. Die Thätigkeit des Lehrers in der Gemeinde: (Krankenbesuche, Theil nähme an Verlusten, Besprechung von Erziehniigsfragen. Schulfeste, Spaziergänge, auch Handfertigkeits- und Gartenbanunterricht. Elternabende. Unterhaltungsabende und Litteratnrvereine. V. Vertiefung und Weiterbildung des Lehrers. (Ferienkurse an rabbinischen Hochschulen). VI. Zur Verwirklichung aller unserer Bestrebungen ist ein inniges Zusammenarbeiten zwischen Rabbiner und Lehrer erforderlich. L. Die Jugend vorn Handel- und Gelehrtenstande abzuhalteu und sie zum Handwerk und zur Bodenkultur zu erziehen, sei das Bestreben des Lehrers. Der Vorsitzende spricht den; Referenten für seinen sehr fleißig ausgearbeiteten Vortrag den Dank der Versammlung ans und ertheilt darauf den; Kollegen B achra ch-Hameln das Wort zu seinen! Korreferat. Der Korreferent brachte eine ganz entgegengesetzte Ansicht zum Ausdruck und suchte nachznweisen, daß die Erziehung der Juden zum Handwerk und zur Bodenkultur eine wirthschaftliche Frage sei. deren Lösung nicht Ausgabe der Schule sein könne. Leitsätze waren nicht ausgestellt; der Korreferent wird demnächst seinen Vortrag veröffentlichen. Nachdem die Versammlung auch dem Korreferenten ihren Dank zum Ausdruck gebracht, entspiunt sich eine lebhafte Geschäftsordnungsdebalte, hervorgernfen durch eine vom Spezialverein „Hannover- Bremen", bezw. dessen Vorsitzenden Spanier- Stolzenau, eingebrachte