Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 374 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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374 - sehr viel erreichen, wenn man die den Juden noch übrig gelassenen Rechte energisch wahrnehmen und gegen jede willkürliche Deutung derselben eventuell an den Senat appelliren würde. Ein zweites, sehr dringendes Bedürfnis, dem ebenfalls nur die 3. 17. genügen könnte, wäre eine Organisation zum Schutz der jüdischen Auswanderer, welche alljährlich in der Stärke einer Armee von 100 000 Mann den Osten Europas verlassen, um in ferne Länder auszuwandern. Auf ihrem weiten Wege von den Heimathstädtchen bis zum überseeischen Landungsplätze sind diese Armen den schlimmsten Unbilden preisgegeben. Eine Reihe von Auswanderungsagenturen, welche auf der langen Emigrationsstraße zu vertheilen wäre, müßte diese Hilfslosen undunbeholfenen Emigranten sowohl gegen Vergewaltigungen und Bedrückungen der Behörden vertheidigen, als sie auch vor Ausplünderung durch gewissenlose Auswanderungsagenten und sonstige Raubvögel schützen, welche die armen Unerfahrenen gründlich auszurauben und sie um die letzten Nothgroschen zu betrügen suchen. Doch kehren wir nach dieser Einleitung zu unserm Berichte zurück. Rußland. In Rußland hat die Thätigkeit der Gesellschaft einen großen Aufschwung genommen. Alp den: Gebiete des Unterstützungswesens wurde der Versuch gemacht, den nothleidenden Juden in Bessarabieu Arbeit zu verschaffen, in Bobrisk und Grodno wurden Dahrlehnskassen gegründet und an 100 Webern in Dubrowno auf Abzahlung 60 Webstühle vergeben. Die jüdischen Kolonisten in Rußland, deren Zahl auf etwa 70 000 geschätzt wird, hatten sich der ausgedehnten Fürsorge der 3. <5 zu erfreuen. Es wurden unterstützt: 1. die Kolonisten von Südwestrußland (Minsk. Wilna und Grodno) mit Vorschüssen zum Ankauf von Vieh. Geräthschaften und Saaten sowie zur Einführung neuer landwirthschaftlicher Methoden nach einem von der Gesellschaft ausgearbeiteten Plane. 2. Für die Kolonisten in Bessarabieu. deren Armuth aus veraltete Arbeitsmethoden und mangelhafte technische und gärtnerische Kenntnisse zurückzusühren ist, wurden die zur Einführung der dringendsten Verbesserungen nothwendigen Summen bewilligt. 3. Die Kolonisten von Cherson wurden durch eine Reihe von auseinander gefolgten Mißernten sowie durch altmodische Bewirthschaftung ihres Bodens in eine prekäre Lage versetzt. Das Gouvernement Cherson zählt aber 3300 Kolonisten mit 23 000 Seelen, es weist also gegenwärtig weit mehr jüdische Ackerbauer auf als Palästina und Argentinien zusammen. Die 3. 0. hat daher für diese Kolonien einen umfassenden, in allen Details ausgearbeiteten Reorganisationsplan entworfen, der 1901 in Anwendung gelangen soll. Der Bericht giebt nicht an. welche Summen die Gesellschaft für alle diese Kolonien sowie für die' jüdischen Dörfer Seletz, Slavenh. Romanowka, Kraßnselje, Kopil, Malachowka und Ivaniki ausgegeben hat; daß dieselben aber sehr groß sein müssen, beweist das Beispiel des Winzerdorfes Iaruga im Gouvernement Podolien, zu dessen Reorganisation die 3. 17. wie nur aus Privater Quelle erfahren, 70 000 Rubel verwendet hat. Ebenso bedeutend wie die zu wohlthätigen Zwecken müssen die Summen sein, welche die 3. (7. in Rußland für Unterrichtszwecke ausgegeben hat. Nebst 6 Acker- und Garteubanschulen. deren Schülerzahl nicht überall angegeben wird (nur für die Schulen in Mohilew Orgjejew, Minsk und Qrscha werden im Ganzen 72 Zöglinge angegeben), werden von der 3. 17. 11 Handwerkerschulen für Knaben mit einer nicht genall angegebenen Schülerzahl unterhalten. In den fünf Schulen, wo die Zahl der Zöglinge angegeben ist, werden 808 Knaben unterrichtet. Ferner bestehen in Simferopol, Shitomir, Minsk, Poltawa, Orscha und Kischiniew Handarbeitsschulen, in welchen 795 Mädchen unterrichtet werden. Endlich unterhält die 3. 17. in Petersburg und Ljubawitschi zwei gemischte Handwerksschulen mit 266 Knaben und 275 Mädchen. Von industriellen Unternehmungen hat das Berichtsjahr die jüdische Spinnerei und Weberei in Dubrowno, die in Form einer Aktiengesellschaft von der 3. 17. ins Leben gerufen wurde, gegründet. Gleichfalls in Gestalt einer Aktiengesellschaft ist das Unternehmen znr Beschaffung gesunder Wohnungen in Aktion getreten. Die beiden zunächst in Wilna gebauten Häuser besitzen 205 Wohnungen, von denen am Schluß des Berichtsjahres jedoch nur 71 vermiethet waren. Der Umstand, daß die Häuser weit ab vom Ghetto gelegen sind, sowie die Thatsache, daß sie zu dem für Wilna hohen Preise von 3^ bis 6 Rubel monatlich ohne Beheizung vermiethet werden, machen diese Wohnungen bei den Juden voll Wilna unbeliebt. Daher soll der Bau weiterer Wohnungen „auf später" verschoben werden. Galizien. Die Darlehnskassen, welche die 3. 17. im Jahre 1899 in Stanislan, Tarnow und Kolomea ins Leben gerufen hatte, haben im Berichtsjahre einen großen Aufschwung genommen. In diesem Jahre sind gleiche Kassen in Brody, Zaleszczykh und Neu-Sandez begründet worden. Alle diese Kassen, welche in Galizien unter dem Namen „Kreditgenossenschaften für den Kleinhandel und das Kleingewerbe" floriren, erwerben sich große Beliebtheit unter den galizischeu Juden. Die vier Kassen, welche bis zum 31. Dezember 1900 in Funktion getreten sind, besitzen zusammen 1266 Mitglieder, welche an 1877 Darlehnsnehmern den Betrag von 272 000 Kronen ausgeliehen haben. Davon sind 148 000 Kronen zurückgezahlt worden, während der Rest noch in Cirkulation war. Auf dem Gebiete desUnterrichtswesens hat die Gesellschaft drei Tischlerwerkstätten in Tarnow. Stanislan und Kolomea mit zusammen 59 Lehrlingen errichtet. Ferner wurde in Kolomea eine Werkstatt für Trikotage errichtet, in welcher 90 Arbeiter mit eben so viel Maschinen arbeiten. Endlich hat die 3. (7. die 15 Kilometer von Kolomea entfernte 900 Hektar umfassende Herrschaft Slobodka Leßna erworben, um auf derselben eine große Ackerbauschule zu errichten. Dieselbe weist bereits im ersten Jahre 25 Schüler auf, und soll ihre Zahl später wesentlich vermehrt werden. Rumänien. Ueber das Wirken der Gesellschaft in Rumänien ist aus dem Bericht nur über denjenigen Theil, der das Schulwesen umfaßt, Näheres zu ersehen, während derselbe über den interessanteren Theil, den des Emigrationswesens, mit der Bemerkung hinwegleitet, daß „die Gesellschaft gezwungen war, sich mit der Auswanderungsfrage zu befassen, welche infolge einer in Rumänien 1899 ausgebrochenen ökonomischen Krisis plötzlich brennend geworden ist". Die Gesellschaft hat alles, was in ihrer Macht lag. gethan, um eine kopflose Auswanderung zu verhindern und Diejenigen, welche leichten Herzens sich auf die Wanderschaft begaben, vor gänzlichem Untergange zu retten. Dagegen giebt der Bericht über das Schulwesen erschöpfende Auskunft. In 15 jüdischen Gemeindeil unterhält resp. subventionirt die 3. 17. 26 Schulen, darunter eine Handelsschule, eine Handwerkerschule für Knaben und eine Handarbeitsschule sür Mädchen. Diese drei Schulen befinden sich alle in Bukarest, und zählt die Handelsschule 47. die Handwerkerschnle 111 und die Handarbeitsschule 55 Zöglinge. Ferner unterhält die Gesellschaft 11 Bildungsschulen für Knaben mit im Ganzen 3350 Schülern, 9 solche Schulen sür Mädchen mit 1542 Schülerinnen und 3 gemischte Schulen mit 1937 Kindern, und zwar 991 Knaben und 946 Mädchen. Im Ganzen erhalten in Rumänien mit Hilfe der 3. 17. 6994 jüdische Kinder (4451 Knaben und 2543 Mädchen) einen Primärunterricht, den der Staat ihnen vorenthält. Diverse. Die Unterstützung, die die 3. 17. der Alliance gewährt, wurd^ von letzterer in einem ihrer jüngsten Berichte auf Vl Million Francs! allgegeben. Daneben hat die Gesellschaft einer sehr großen Anzahl voil jüdischen Vereinen und Institutionen in Deutschland, England Kanada, der Türkei, der Schweiz n. a. m. Unterstützungen gewährt. Wir heben ans diesen hervor: den Board of Guardians in London zur Unterstützung aus Südafrika ausgewanderter Juden; der Deutsch- Israelitische Gemeindebund hat eine Allleihe erhalten, mit deren Amortisirung im Juni 1901 begonnen werden soll. In Ahlem läßt die 3. 17. aus ihre Kosten 16 Knaben erziehen und in der Präparandenschule zu Hannover drei Lehrer ausbilden.