Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 32. Berlin, 9. August 1901. eitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig PHUippson-Sonn. Verlags-Crpedition: Gerlin, Zerusaiemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Nedncterrr: Gustav Karpeles. ÄllHüIt. Leitartikel: Das Hilfswerk der Iewish Kolonisation Assoziation. — Die Woche. — Protokoll der 37. Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover. — Brief aus Oesterreich. — Eine Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Amerika. Von Professor Dr. Wilhelm Bacher. — Feuilleton: TieGeschichteeinesMusikanten.lv. Von H. Bork-Ste irrer. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Aus Ostpreußen, Konih, Frankfurt a. O., Hamburg, Aus dem Regierungsbezirk Osnabrück, Köln, Aus Süddeutschland, Wien, Budapest. — Bon Nah und Fevn. — Geschäftliche Notizen. Das Hilfswerk der Iewish Colsnisatisn Ajforiation. Berlin, 8. August. Thätigkeit der 4evvisli l.'otonwnlio» Association in fremden Welttheilen haben wir bereits in einem früheren Artikel ausführlich besprochen. Aber nicht weniger wichtig ist, was die Gesellschaft in Europa geleistet hat, obwohl es weniger selbständig und vor allem bei weitem nicht so augenfällig wie in Asien und Amerika ist. Auch in Europa 'suchte die 4. <ss. vV. es »ach Möglichkeit zu vermeide», als Selbstkontrahent aufzutreten lind war stets bemüht, im Verein mit bereits bestehenden oder auf ihre Anregung all Iwc entstandenen Gesellschaften und Institutionen zu wirken. Dreierlei scheint sich die 4. L. in Europa zur Aufgabe gemacht zu haben. In erster Reihe ist sie im gewöhnlichen Sinne des Wortes wohlthätig. Sie giebt große Summen ur Unterstützung jüdischer Bauern aus und gewährt an mdische Kleinhändler und Handwerker Darlehen, um diese so m de» Besitz dep zur Fortführung ihrer winzigen Geschäfte erforderlichen „Kapitalien" zu bringen. Hier konknrrirt die 4. C.H. mit den unzähligen anderen jüdischeil Wohlthätigkeitsvereinen ind Institutionen, welche, freilich in unendlich kleinerem Maßstabe, das gleiche Ziel verfolgen. Die Gesellschaft kann auf siesem Gebiete nur insofern Anspruch auf Originalität erheben, als sie im Gegensatz zu den übrigen Wohlthätigkeitsvereinen hre Unterstützungen nicht au koncls psreln giebt, sondern von den Empfängern erwartet, daß sie die erhaltenen Beträge in bestimmten, genall stipulirten Raten zurückerstatten werden. Weiterhin unterhält resp. subventionirt die 4. L. in Rumänien, Rußland und Galizien eine große Reihe von Schulen. Auch hier wandelt die Gesellschaft auf bereits von anderen jüdischen Gesellschaften eitlgeschlagenen Bahnen, indem sie in Europa nur dasselbe thut, was von Seiten der Alliance im Orient schon seit einigen Dezennien geschieht. Ein großer Unterschied besteht aber zwischen diesen beiden großen iüdischen Institutionen dennoch: die Allianceschnlen in der Türkei sind in ihrer überwiegenden Mehrzahl Bildungsanstalten, in welchen den Zöglingen die für sie ziemlich überflüssige Kenntniß des Französischen eingetrichtert wird, die überall praktischen Zielen nachjagende 4. 6. legt dagegen bei ihrer Schttlthätigkeit das Hauptgewicht weniger auf Bildung als auf Erziehung. Von den von ihr in Rumänien, Rußland und Galizien geförderten 43 Anstalteil mit zusammen weit über 9000 Zöglingen sind 21 mit etwa 2500 Zöglingen keine Bildungssondern Erziehungsanstalten, in denen das Heranwachsende Geschlecht Handwerk und Ackerbau erlernt und so für den ihm bevorstehenden schweren Kampf ums Dasein eine Waffe mehr in die Hand gedrückt bekommt. Nur in Rumänien, wo der Staat den Inden jeden Schulbesuch brutal erschwert, werden von der 4. C. H. auch Schulen mit dem Charakter von Bildungsanstalten subventionirt. Neu und ganz eigenartig sind die im Berichtsjahre von der Gesellschaft gemachten schüchternen, aber vielversprechenden Versuche aus dem Gebiete der Industrie, um durch Gründung von Fabriken jüdischen Arbeitswilligen, die, weil sie eben Juden sind, oder weil sie den Sabbath nicht entweihen wollen, in der Großindustrie keine Beschäftigung finden können, Arbeit und Brod zu verschaffen. Wir wollen hoffen, daß die ersten Unternehmungen auf diesem Gebiete sich rentiren und die Gesellschaft bald in die Lage setzen werden, diesem Zweige ihrer Thätigkeit eine große Ausdehnung zu verleihen. Dann wird die 4. L. für die jüdischen Industriearbeiter bald dieselbe Bedeutung erlangen, die sie für die jüdischen Landarbeiter in Europa, Asien und Amerika jetzt schon besitzt. Politisch hat sich die 4. (1. in den Ländern des Ostens Europas bisher in keiner Weise bethütigt. Ja sie vermied es sogar ängstlich, auch nur den Schein einer politischen Aktion zu erwecken und unterläßt es, selbst solche Unternehmungen ins Leben zu rufen, welche, ohne große Mühe und Kosten zu verursachen, der jüdischen Bevölkerung jener Länder enorme Erleichterung verschaffen würden. Dabei schwebt uns in erster Reihe die Errichtung eines Büreaus für Nechtschntz vor, das die Aufgabe hätte, die Juden Rußlands gegen ungesetzliche Verfolgung von Seiten der unteren Behörden zu schützen. Sv schwer die Maigesetze unsere armen Glnubensbrüder in Rußland auch drücken, die große Bürde ließe sich vielleicht noch leichter tragen, wäre das bakschischlüsterne Tschinownikthum nicht da, das durch Verdrehung und willkürliche Auslegung dieser Maigesetze Rußland für die Juden zu einer wahren Hölle zu machen versteht. Gegen solche Extraverfolgmigen ließe sich schon auf dem Boden der bestehenden Mäigesetze