Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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65. Jahrgang. Ar. 31. Berlin, 2. August 1901 Der Gemein-ebote. 'Vertage zur „Aktgemeinen JerLung des Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 30. Juli. Ohne äußere Veranlassung wird jetzt in den politischen Zeitungen eine Notiz veröffentlicht, daß als die älteste BerlinerKrankenanstalt das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde gelten darf, das jetzt auf ein Alter von 200 Jahren zurückblicken kann. Seine Entstehung verdankt es der Vereinigung „Bikur Cholim" (Brüderschaft der Krankenbesucher), welche im Jahre 1701 begründet wurde. Ursprünglich befand sich das israelitische Krankenhaus in der jetzt verschwundenen „Schmalen Gasse" an der alten Berliner Stadtmauer in der Nähe des Pulverthurms zwischen der heutigen Nosen- und der Klosterstraße. Im Jahre 1754 siedelte das Krankenhalls in die Gebäude Oranienburger Straße 7 und 8 über. In den Jahren 1861 bis 1862 wurde dann das jetzige große jüdische Krankenhaus in der Nuguststraße 14, 15, 16 erbaut, und ebendaselbst erstand im Jahre 1873 ein Siechenhaus für arme, unheilbare Kranke, das mit der Krankenanstalt in engster wirtschaftlicher Beziehung steht. Jndeß sind auch die Räumlichkeiten in der Auguststraße bereits nicht mehr ausreichend, und der Plan einer Erweiterung oder gar einer Verlegung des Krankenhauses hat unsere Gemeindebehörden in den letzten Jahren angelegentlich beschäftigt. Hoffentlich gelangen diese bald zu einem alle Theile befriedigenden Positiven Resultat. — Im Anschlüsse an die obige dürfte auch die folgende historische Neminiscenz von Interesse sein, die dieser Tage durch die Blätter ging: Ein uraltes Schriftstück, welches für die Geschichte Alt- Berlins voll bedeutendem Werthe ist, wurde am Freitag bei Bauarbeiten in der Jüdenstraße in einer Art Grundstein gefunden. Das eigenartige, mit nach Mönchsschriftart gemalten Buchstaben versehene Dokument besagt, daß die Häuser Nr. 46 bis 49 im 14. Jahrhundert den „Jüdenhof" bildeten, und daß dieser Hof schon am Ende des 13. Jahrhunderts zum verschließbaren Wohnsitze der Juden in Berlin eingerichtet war, und sich dort eine Synagoge — jedenfalls die älteste iil Berlin — befand. Als unter Ludwig dem Römer die Juden vertrieben wurden, verlor der Jüdenhof zwar seine Bestimmung, aber nicht seinen Namen. Im Jahre 1354 schenkte der genannte Fürst den Hof dem Probste Wörner, der die darauf stehenden Häuser einzeln veräußerte. Als die Juden wieder Ausnahme fanden, aber der alte Jüdenhof ihnen nicht mehr eingeräumt werden konnte, legte man in der Nachbarschaft — „im Gekhol an der Mauer" — ein anderes Judengnartier an. — Das Schriftstück, eine Pergamentrolle, enthält auch noch Nachrichten in hebräischen Lettern, die einem Sachverständigen zur Entzifferung übergeben worden sind. LLZ Berlin, 28. Juli. In den Geschäftsräumen der „Berliner- Morgen post" fand gestern auf Ersuchen der Staatsanwaltschaft eine Politische Haussuchung statt. Die Behörde wünschte den Verfasser eines am 18. Januar erschienenen Artikels „Das Räthsel von Könitz" kennen zu lernen. Durch den Hinweis dieses Artikels hatte sich der Lehrer Weichel in Könitz beleidigt gefühlt und eine Privatklage angestrengt. Die Staatsallwaltschaft hat ein öffentliches Interesse für vorliegend erachtet und auch ihrerseits Anklage erhoben. Da es nicht üblich ist, die Namen von Mitarbeitern Preis zu geben, hatte der verantwortliche Redakteur jede Mittheilung über Entstehung des fraglichen Artikels abgelehnt. Die Haussuchung galt der Auffindung des Manuskriptes und der Ermittelung von Kassenbelegen. Dies währte mehrere Stunden, verlief aber resultatlos. L2 Berlin, 30. Juli. In seiner Vaterstadt, wohin er sich, ein müder Wanderer, vor einem Jahrzehnt zurückgezogen hatte, ist am 25. d. M. ein Mann gestorben, der zu Ende der siebziger Jahre in den jüdischen Kreisen Berlins eine gewisse Popularität besaß: Dr. Sinai Nascher, von 1867—1878Rabbiner derchiesigen Schochare- Hatob-Gemeinde. Geboren zu Baja in Südungarn 1842 als der Sohn des dortigen Oberrabbiners Moses Nascher legte er seine theologischen Studien am Seminar zu Breslau zurück und wurde hierauf als Rabbiner jener Privatgemeinde nach Berlin berufen, die ihrer Zeit ein großes Ansehen und viele Mitglieder besaß. Durch seine ungewöhnliche oratorische Begabung schaffte er sich rasch einen großen Wirkungskreis, den er erst nach Jahren infolge von anhaltenden Nervenleiden aufgegeben hat. Seither lebte er in seiner Heimathstadt wissenschaftlichen Studien, deren Ergebnisse er u. a. auch in unserm Blatte zu veröffentlichen pflegte. Mit Naschör ist ein ungewöhnlich begabter jüdischer Theologe nach langen, mit großer Geduld ertragenen Leiden dahingegangen, dem Alle, die ihn kannten, ein treues Andenken bewahren werden. Friede seinem Geiste! §2 Berlin, 29. Juli. Seit Kurzem wird wieder in jüdischen wie nichtjüdischen Zeitungen die schon häufig erörterte Frage besprochen, ob Juden „produktiv" thätig sind oder nicht. Unter„produktiver Thätigkeit" wird hierbei — freilich unwissentlich genug — nur die des Bauern nnd des Handwerkers verstanden, während es doch keinem Zweifel unterliegen kann, daß, volkswirthschaftlich gesprochen, Gelehrte. Künstler, Kaufleute in gleicher Weise produktive Arbeit leisten. Aber selbst wenn hierunter nur Handarbeit im Gegensatz zur Kopfarbeit verstanden werden soll, trifft der Vorwurf, Juden seien in Berufen, die mit körperlicher Anstrengung verbunden sind, nicht vertreten, diese in keiner Weise. Mit Recht ist schon von Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz auf die Handwerker Schlesiens, von anderer Seite auf die jüdischen Bauern in Argentinien und den übrigen Kolonien verwiesen worden. Zu verwundern ist nur. daß bisher nicht die amtliche Statistik des deutschen Reichs herbezogen ist, welche genau angiebt, wie viel Juden auf unserem heimischen Boden landwirthschaftliche Berufe betreiben. Herr Dr. Ernst Tuch, der Generalsekretär des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, schreibt uns darüber folgendes: Gestatten Sie mir hierfür die Zahlen der Berufs- und Gewerbestatistik des deutschen Reiches vom 14. Juni 1895 anzuführen. Danach giebt es: in der Landwirthschaft, Gärtnerei, Viehzucht, Forstwirthschaft und Fischerei: a) selbständige Israeliten 1197 männliche, 419 weibliche — 1616; I)) Wirthschaftsbeamte, Wirthschafterinuen rc. 73, 3 — 76; o) Knechte. Mägde rc. 893, 786 — 1679, insgesammt männlich 2163, weiblich 1208 -- 3371. Aus die einzelnen Bundesstaaten entfallen hiervon aus Preußen und zwar: Ostpreußen männlich 149, weiblich 22, Westpreußen 94, 40, Berlin 16, 3, Brandenburg 38, 16, Pommern 39, 21, Posen 167, 66, Schlesien 128, 48, Sachsen 10. Schleswig-Holstein 2,2, Hannovers, 14, Westfalen 54. 38, Nassau 173,111, Rheinland 207.158, Hohenzollern 7, —, Bayern 535,358, Sachsen 2.—, Württemberg 48, 28, Baden 129, 63, Hessen 124, 82, Mecklenburg-Schwerin 6. 3, Sachsen- Weimar 2, 1, Mecklenburg-Strelitz 1. —, Oldenburg 5, 5, Braunschweig 5, 1, Sachsen-Altenburg 3, —, Koburg-Gotha 1, —. Schwarzburg-Sondershausen 1, —, Waldeck 3, 4, Schaumburg-Lippe 1, —, Lippe 1, 5, Bremen 15, 13, Hamburg 4, —, Elsaß-Lothringen 166,106, Summa männlich 2163, weiblich 1208 — 3371. In dieser Zahl sind die als Gesinde für häusliche Dienste beschäftigten Israeliten nicht mit inbegriffen. Als solche wurden außerdem gezählt: Preußen männlich 171, weiblich 501, Bayern 4. 31, Sachsen 3, 4, Württemberg —, 6, Baden 2, 24, Hessen 6, 10, Mecklenburg-Schwerin —, 2. Sachsen-Weimar —2, Oldenburg —. 5, Braunschweig —, 1, Koburg- Gotha —, 3, Allhalt —. 1, Lippe —, 1. Lübeck 2, —, Bremen 1, 5, Hamburg 9, 35, Elsaß-Lothringen 9, 53, Summa männlich 207, weiblich 684 ----- 891. Sind diese Zahlen nun auch nickt so hoch, wie wir sie wünscheil müssen, und ist daher die volkswirthschaftliche Bedeutung der Bestrebungen zur Ueberleitung deutscher Inden zur Landwirthschaft gar nicht hoch genug einznschätzen, so sind sie doch eill unwiderleglicher Beweis dafür, daß Inden sich auch der schweren Arbeit der Landwirthschaft gern widmen, wenn ihnen Gelegenheit hierzu geboten ist. u. Breslau, 28. Juli. Der Verwaltungsbericht des Verbandsausschusses des Bez irks-Gemein dev er ban des Breslau- Liegnitz für das vierte Geschäftsjahr 1900 1901 bietet zwar einer-