Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- Seite 368 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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LUII-IHOI» Me Geschichte eines Mustkanten. Von H. Jork-Steiner. IU. ei der ersten Zusammenkunft mit seinen Kameraden erklärte Mendele, daß es mit der alten Musik aus sei und nur noch Wagner gespielt werden könnte. Die alten Herren waren außer sich, sie hätten ja gegen die neue Musik nichts einzuwenden, doch müßte sie im Rhythmus der alten ähnlich sein. Die Melodie, die hätten sie gern gewechselt. Aber mit dem ewigen tü tü tü seiner „Lohengrin"-Ouvertüre ließe sich doch unmöglich eine Hochzeit begleiten oder zum Tanze aufspielen. Vom Tanze wollte Mendele nun überhaupt nichts mehr wissen. Er erklärte die Mazurka für einen Gräuel, die ZePPerpolka für einen Blödsinn und den Ländler für etwas Abscheuliches. Stundenlang saß er mit seinen Kameraden, sang und pfiff ihnen die Gänge aus dem Vorspiel zu „Lohengrin" vor, suchte Trompete, Klarinette, erste und zweite Violine zusammenzustimmen, aber sie erklärten alle, es sei der größte Unsinn. Er aber strich tapfer von der L-Saite aus die 6-Saite hinüber sang sein tü tü tü, hatte dabei die Töne des herrlichen Wiener Orchesters im Ohre und schaute verzückt geil Himmel. Sie lachten, weil sie nichts verstanden. O diese Kameraden, stumpfsinnige Brodfiedler waren sie. Nun aber war es ihm gelungen, er hatte seinen Willen durchgesetzt, sie mußten „Lohengrin" spielen. Der Hochzeitstag von Chaim Schulhofs Tochter sollte epochal werden in der Musikgeschichte von Martinsdorf. Die Zeit von der Trauung bis zum „Essen" benützte er zur Probe mit seinen Orchesterkvllegen. Schmaie, der erste Violinist, ging noch am ehesten auf seine Intentionen ein, auch der kleine, dicke Moische Bauch, der die zweite Violine strich, fügte sich in die sordinirten Gänge, schwieriger war die Geschichte mit Mordche Fresser, dem Klarinettisten. Dies war ein alter Herr mit tiefliegenden kleinen Augen, langer, nach dem Munde zustrebender Nase, aufwärts gebogenem Kinn, kurz einem Gesichte, das von allen Seiten dem kräftigen Munde zustrebte, dessen hängende, wulstige Unterlippe wenig Energie — und viel Genußsucht verrieth. Mordche hatte keine Ahnung von Zukunftsmusik oder auch nur von „Lohengrin", er quitschte immer zur Unzeit und vermochte absolut keine „Harmonie" zu bilden, was seine Aufgabe gewesen wäre, zusammen mit dem großen, dicken Ascher-Falk, dem Trompeter. Mendele aber war geduldig, ach, und er hörte in den Tönen seiner Kollegen alle die göttlichen Harmonien, die noch von Wien her seine Sinne umgaukelten. Um drei Uhr begab sich die Kapelle ins Hochzeitshaus. Das „Essen" sollte beginnen, man sah schon den Rabbi mit seinem Stabe durch die Gasse gehen, ihm nach alle Geladenen. Aber auch viele Ungeladene zogen zum Hause Reb Chaims, um im Hofe der Musik zu lauschen. Ja sogar vom Markt und vom Kirchbergl herunter kamen Hörer; die Nachricht von der „Lohengrin"-Premiere hatte auch die christlichen Honoratioren in die Jndengasse gelockt. Das allgemeine Händewaschen war vorüber. Der laute Segensspruch des Rabbiners folgte, die ersten Brocken der weißen Barches wurden vertheilt, und das „Essen" begann. Der Wein löste die Zungen, man lachte, schäkerte, schrie und sang wirr durcheinander, bis nach einer Stunde das Zeichen zum Benschen gegeben wurde, zum Segen nach dem Essen. Auch das ging vorüber, die Späße des „Schalksnarren", der seine derben Witze in holperigen Reimen entlud, sie nahmen auch nicht mehr viel Zeit weg. Der Server hatte die Hochzeitsgeschenke ansgernfen und zwar genau nach der üblichen Vorschrift, ob von Bräutigamsseite oder von der Sippe der Braut das Geschenk komme, worauf der Name des Gebers dann immer mit lautem Hallo begrüßt wurde. Schließlich schlug auch die Stunde der eigentlichen Musikproduktion, die Mendele mit sichtlicher Ungeduld erwartet hatte. Alles blickte erwartungsvoll nach den fünf Musikanten. Die Violinen wurden sordinirt, ein leises Winseln in bewegten Figuren drang in die Lüfte und die Klarinette versuchte den Bewegungen in maßvoller Weise nachzufolgen. Diese Bemühungen wurden aber nur durch das Umschlagen des Blattes quittirt, dessen jämmerliche Töne die lebhaften Zuhörer zwang, die flachen Hände vor die Ohren zu legen. Mendele aber ließ sich nicht irre machen. Er strich immer drauf los und sang mit seiner kleinen, klaren Stimme die ganze Tonfolge, wie sie sich in seinem Gedächtnisse aufgespeichert hatte. „Tü tü tü tü tü tü" klang es. „Nun sei bedankt mein lieber Schwan." Diese Paar- Takte hörte man, dazu das „schrum schrum" der zwei Baßsaiten. Die Violinen strichen wirr durcheinander, die Klarinette versuchte es auch, aber ohne Erfolg, so etwas wie eine melodische Tonfolge heranszuguetschen, die Trompete hatte einige Momente energischer Thätigkeit, es half aber alles nichts Erst Einer und dann ein Anderer von den jungen Leuten, schließlich auch die Bejahrten, das ernste Brautpaar und die Brauteltern, sie alle lächelten erst, dann lachten sie laut im heiteren Chore, dann immer lauter und ausgelassener, bis daß die Töne der Violine und des Bassettels und auch die zarte, kleine Stimme Mendels übertönt, erdrückt, vernichtet war. Mendele stand auf, ängstlich und verlegen umherschauend. Dann aber griff er nach seinem Instrument, steckte den Bogen zwischen die Saiten, streckte die linke Hand in den breiten Gurt und warf mit einem Ruck das Bassettel über die Schulter wendete sich und ging. Man wollte ihn beruhigen. Reb Mendele, Reb Mendele' Man hielt ihm Gläser voll Wein entgegen, er aber ging seines Weges. Im Hofe standen die Leute in lachenden Gruppen, sie sahen Mendele nicht. „Meschugge," rief Einer, „nuna, meschugge metorref," entgegnete ein Anderer. Mendele nickte, als rufe man ihm ein lautes Bravo zu. Er war tief gekränkt, aber nicht erbost. Der junge Herr in Wien, der die Musik studirt hat ihm ja gesagt, daß Wagner ansgelacht wurde, weil man ihn nicht verstand, nun warum soll Martinsdors besser sein als Wien? Aber er hatte ihm auch gesagt, daß es Pflicht eines jeden strebsamen Musikers sei, Wagner zum Siege zu verhelfen, die alte Musik zu unterdrücken. Das erste war mißglückt, aber die alte Musik sollte auch nicht triumphiren, o nein. Am nächsten Tage wußte ganz Martinsdorf, daß Mendele nicht mehr spielen wird; nie, nie mehr. Das ärgerte die Leute und sie rächten sich dafür.