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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-02 · Heft 31 (2.8.1901) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 31 (2.8.1901)
Date
1901-08-02
Page
Seite 367 (sequence 9)
Language
German
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Später wurde er allerdings durch seine aufgeklärte Gattin immer mehr aus jenen Kreisen entfernt. Zu Anfang des neuen Jahrhunderts hält er sich schon zu den Aufklärern innerhalb seiner Glaubensgenossenschaft, ja er hatte sich sogar in die Loge „zur Morgenröthe" in Frankfurt a. M. aufnehmen lassen. Im Jahre 1804 finden wir Samson Heine mit einem Beitrag unter den Männern verzeichnet, die die Begründung der ersten oder doch einer der ersten deutschen Schulen, des Philantropins in Frankfurt a. M., unterstützten. Dies war schon ein Fortschritt. Jndeß blieb Heine dennoch eine religiöse Natur. Heinrich Heine erzählt am Schlüsse seiner Memoiren, daß sein Vater ihm einmal wegen Gotteslästerung eine große Standrede hielt, die längste, die er wohl je gehalten. Sie lautete folgendermaßen: „Lieber Sohn! Deine Mutter läßt Dich beim Rektor Schallmeyer Philosophie studiren. Ich meinestheils liebe nicht die Philosophie, denn sie ist lauter Aberglauben, und ich bin Kaufmann und habe meinen Kopf nöthig für mein Geschäft. Du kannst Philosoph sein, so viel Du willst, aber ich bitte Dich, sage nicht öffentlich, was Du denkst, denn Du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, daß ich einen Sohn habe, der nicht an Gott glaubt; besonders die Juden würden keine Velveteens bei mir kaufen und sind ehrliche Leute, zahlen prompt und haben auch Recht, an der Religion zu halten. Ich bin Dein Vater und also älter als Du und dadurch auch erfahrener. Du darfst mir also aufs Wort glauben, wenn ich mir erlaube. Dir zu sagen, daß der Atheismus eine große Sünde ist."') Bei diesem einfachen Glaubensbekenntniß ist Samson Heine aber bis zu seinem Lebensende verblieben. Zn Ostern 1820 zog Heine von Düsseldorf weg und zwar zunächst nach Oldensloe in Holstein und später nach Lüneburg. Im Sommer 1828 übersiedelte er nach Hamburg, wo sein zweiter Sohn Gustav ein Speditivns- und Produktengeschäft begründet hatte. In dessen Hause erlag er am 2. Dezember desselben Jahres den Folgen eines Nervenschlags und wurde am 8. desselben Monats auf dem israelitischen Friedhof zu Altona beerdigt. Der schlichte Denkstein auf seinem Grabe trägt die Inschrift: Nun liege ich und schlafe, erwache Einst, denn der Herr erhält mich. Hier ruhet Samson Heine Aus Hannover, Gestorben in» 64. Jahre Seines Alters, den 2. Dezember 1828. Ruhe saust, edle Seele Ps. 3, V. 6. Die Verhältnisse der Familie mußten auch zu jener Zeit nichts weniger als glänzend gewesen sein, da die Kosten des einfachen Begräbnisses, wie aus den noch vorhandenen Gcmeinderechnungen hervorgeht, von Salomon Heine gedeckt wurden. Heine erhielt die Nachricht von der lebensgefährlichen Erkrankung seines Vaters auf einer italienischen Reise in Venedig. Er hatte ursprünglich die Absicht, nach Nom zu gehen, aber in Florenz befiel ihn plötzlich eine so glühende Sehnsucht nach seinem Vater, daß er sich eiligst auf den Heimweg begab. In Venedig empfing er den Brief seines Bruders, daß er in Würzburg Näheres erfahren werde. Als er dort ankam, war der Vater todt. Noch ein Jahr später erzählt er seiner Freundin Friederike Robert in Berlin, daß er wie zur Selbstverspottung gerade damals die glänzende Zeit seines Lebens beschrieben, jene Zeit, wo er berauscht von Uebermnth und Liebesglück an den Höhen der Apenninen umherjauchzte und große Heldenthaten träumte, wodurch sein Ruhm sich über die ganze Erde verbreiten würde, bis zur fernsten Insel, wo der Schiffer des Abends am Herde von ihm erzählen sollte. Dann fügte er mißmuthig hinzu: „Jetzt bin ich zahm geworden seit dem Tode meines Vaters! Jetzt möchte ich aus so einer fernen Insel das Kätzchen sein, das am warmen Herde sitzt und zuhört, wenn von berühmten Thaten erzählt wird."*) Als Heine nach längerer Zeit wieder einmal nach Lüneburg kam, sprach er mit seinem Freunde Rudolf Christiani nur von dem Vater, und einmal sagte er: „Ja, ja, da reden sie von einem Wiedersehen in verklärter Lebensgestalt. Was thue ich damit? Ich kenne ihn in seinem alten braunen Ueberrocke, und so will ich ihn Wiedersehen. So saß er oben am Tische, Salzfaß und Pfefferdose vor ihm, das eine rechts, das andere links, und wenn wieder die Pfefferdose rechts stand nnd das Salzfaß links, so stellte er das um. Im braunen Ueberrock kenne ich ihn, und so will ich ihn Wiedersehen." Und zu Adolf Stahr sagte er noch 30 Jahre später: „Ich habe den Verlust meines Vaters jahrelang nicht begreifen und nie verschmerzen können. Er war von allen Menschen derjenige, den ich am meisten auf dieser Erde geliebt habe." Weitere Zeugnisse dieser Liebe des Dichters zu seinen Eltern brauche ich erst nicht beizubringen. Jeder, der Heines Werke kennt, weiß davon zu erzählen. Wohl aber darf es gerade an dieser Stelle hervorgehoben werden, daß diese rührende Familienliebe, die den Dichter bis in seine letzten qualvollen Lebensjahre hinein der innigst geliebten Mutter sein schweres Leiden verheimlichte, ein echt jüdischer Zug seines Geistes war, in dem sich semitische und hellenische Einflüsse zu einer merkwürdigen und rätselhaften Eigenart verschmolzen haben. Mit Samson Heine mag der Rückblick auf den Stammbaum der Familie Heine zum Abschluß kommen. Chajjim Bückeburg hatte sicher nicht geahnt, daß sein Stammbaum sich einmal mit den, der alten Adelsfamilien, mit den Namen Richelieu und Ney de la Moskwa verbinden, daß einmal eine seiner Urenkelinnen einen Thron, wenn auch nur den von Monaco, besteigen werde. Noch weniger mochte er es ahnen, daß sein Enkel ein großer deutscher Dichter sein und den Namen Heine zu Weltruf bringen werde. Aber ich meine, wenn er die Verherrlichung der Bibel in den Schriften dieses seines Enkels gelesen hätte, daun würde er doch mit Wehmuth und mit Stolz den Geist der Familie wiedererkannt haben, die so tief im Geiste des Judenthums wurzelte. 6 L. 0 vm. 565. Strodtman». I. e. I. 258. Stahr: Zwei Monate in Paris, 71. 358. Betty Heine hat ihren Mann um mehr als 30 Jahre überlebt. Ihr Grab befindet sich auf dem israelitischen Friedhofe in Hamburg. Es trägt die Inschrift: „Hier ruht Betty Heine, geborene van Geldern, geboren in Düsseldorf den 27. November 5531, gestorben 3. September 5619." Auf der Rückseite ist das Geburtsnnd Sterbejahr nach der allgemeinen Zeitrechnung angegeben. --O<- y VH, 430.

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