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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-02 · Heft 31 (2.8.1901) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 31 (2.8.1901)
Date
1901-08-02
Page
Seite 364 (sequence 6)
Language
German
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S6L das Licht der Welt erblickte. Prag, Pest, Teplih, Dresden und Breslau bezeichnen die Marksteine seines Erdenwallens. In Prag geboren und in das talmudische Studium von hervorragenden Talmudisten eingeführt, hat Frankel an der Pester Universität ein umfangreiches klassisches Wissen sich angeeignet, um alsdann als Kreisrabbiner von Teplitz Israels Heerde zu - leiten, und später in Dresden als Oberrabbiner seine ganze Persönlichkeit und sein talmudisch-klassisches Wissen in den Dienst der sächsischen Juden zu stellen, für deren Gleichstellung wacker und größtentheils mit Erfolg zu kämpfen, um endlich in Breslau als Leiter des ersten jüdisch-theologischen Seminars, ein Oberhirte der zukünftigen Hirten Israels, sich unsterbliche Verdienste um das Jndenthum, die jüdischen Gemeinden, um Glauben und Wissenschaft zu erwerben. Die Bedeutung Frankels für das Judenthum, die jüdische Wissenschaft und die jüdischen Gemeinden verdient noch von dem Historiker in das rechte Licht gestellt zu werden; will man ihn mit einem ausgeprägten geschichtlichen Charakter der alten Zeit vergleichen, so mutz man unwillkürlich an Rabbi Jochanan beu Sakkai denken. Wie dieser stand Frankel an der Grenze zweier Zeitabschnitte, denn das neunzehnte Jahrhundert war entscheidend für die Zukunft des Judenthums. Die alten Jeschiwot gingen allmälig ein, der alte, naive Glaube nahm Merklich ab, die Judenheit verließ infolge der ihr freundlichen Zeitströmung des Jahrhunderts das Ghetto und trat auf den Marktplatz des Lebens; sein ungeübtes Auge sah in eine neue Welt von Anschauungen, das blendende Licht der Wissenschaft traf es fast unerwartet; da galt es denn, die sich von selbst ergebenden Gegensätze zu mildern, die sich entwickelnden geistigen und religiösen Kämpfe zum Siege des Judenthums zu Ende zu führen. Blinde Orthodoxie auf der einen Seite, rücksichtslose Reform auf der andern Seite, und zwischen beiden das altehrwürdige Judenthum in Gefahr, von den sich bekämpfenden und erhitzten Parteien zerrieben zu werden. Da trat Frankel auf, ausgerüstet mit einem immensen biblisch-talmndisch-rabbinischen Wissen, mit gründlich klassischer Bildung und „Paarte den Ernst des Glaubens mit dem Ernst der Wissenschaft". Er ward Direktor des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, einer Anstalt, die erste ihrer Art, mustergiltig für alle später errichteten Institute zur Ausbildung von Gemeinderabbinern. In Budapest, Berlin, Wien, ja Amerika, überall wo Seminare errichtet wurden, hat man Breslau und seine Einrichtungen sich zum Vorbild genommen, und Männer, die an jenen Anstalteil erfolgreich wirken, haben in Breslau ihre Vor- und Ausbildung genossen. Es war aber auch gleichsam eine Fügung der Vorsehung, die dem Judenthum zur rechten Zeit die rechten Männer giebt, daß im Lehrerkollegium des Seminars Frankel von Mitarbeitern umgeben war, wovon jeder ein Koryphäe auf einem bestimmten Gebiete der Wissenschaft war. Es war ein Lehrerkollegium, zu dem Alle, die das Glück hatten, zü dessen Füßen zu sitzen, noch heute mit Verehrung. Pietät und Dankbarkeit hinaufblicken. Ach, sie ruhen Alle bereits -im Schoße der Erde; ">22 '2 möchte ich ausrufen, wenn ich an meine Lehre denke. Die Kollegen dev älteren Jahrgänge, die noch am Leben sind — viele becheutende Schüler sind bereits ihren Lehrern in die Ewigkeit gefolgt; ein Seligsohn, Perles, Bamberger, P. Frankel, David Kaufmann, Buchholz, Wallerstein u. A. sind nicht mehr, — werden gern mit mir die verklärten Gestalten der Lehrer noch einmal sich vor den Geist führen. Da steht er, unser ehrwürdiger erster und großer Lehrer, ein Vater seiner Schüler, Zacharias Frankel, mit seiner innigen Frömmigkeit, seinem warmen Glauben, feiner unbegrenzten Liebe zum Judenthum, mit seinem uferlosen Wissen, mit feiner antiken Anspruchslosigkeit! Neben ihm als zweiter Lehrer Grätz, mit dem klugen, forschenden Ange, unbeholfen im Vortrage, aber ein Meister der Feder, ein jüdischer Herodot, der nicht allein mit dem Geiste, sondern auch mit dem Blut seines warmen jüdischen Herzens die Geschichte seines Volkes geschrieben hat. Der dritte war der orthodoxe,fromme Sohn desHamburgerChachains, Jacob Bernays, mit seiner hohen Stirn, hinter welcher die ganze klassische Welt, im Vordergründe Aristoteles, in klarer durchsichtiger Form aufgespeichert lag; Bernays, der spätere Oberbibliothekar der Universität Bonn, wo er auch auf den: jüdischen Friedhofe schläft, dessen Grabschrift so sinnig die Verbindung jüdischen Geistes mit klassischer Bildung wiedergiebt 2j7U' tlL' IN'L'L'- Und wer denkt nicht ger» an Joel zurück; Philosoph, Philologe und Theologe in einer Person, der erste große klassische Denker auf der modernen jüdischen Kanzel. Aber noch ein Name sei nicht vergessen, der des biederen Dr. Benno Zuckermann. Ein strenggläubiger Altbreslauer mit seiner Familiensynagoge in der nicht sehr vornehmen „goldenen Radegasse", einer alten, im dunkeln Hintergebäude liegenden Betstnbe mit ihrer ausgetretenen hölzernen Treppe, die nur Der hinaufzuklettern wagte, de unerschütterlich an das talmudische VZ'X N1ZLV glaubte. Zuckermann war Mathematiker von Beruf und hat di schwierigsten talmudischen Themata über Münzen, Matz und Gewichte in mehreren Programmschriften nach wissen ichaftlicher Methode bearbeitet. Und last not least denken wi auch an den edlen Dr. Rosin, den Nachfolger Joels am Sk minar, den gründlichen Kenner und Erforscher der mitte? alterlichen Bibelexegeten, Kommentaren und Dichter. Wie ein wissenschaftlicher Generalstab umgab das Lehrerkollegium seinen großen Führer und vertheidigte und rettet das Judenthum, seinen Glauben und seine Wissenschaft an den Gefahren der Zeit. Und hinaus sandte das Semino seine Jünger in alle großen Gemeinden Deutschlands, Oester reichs, ja Europas und über den Ocean nach Amerika, nn Alle wirkten und lehrten im Sinne und im Geiste des große: Meisters. Unter dem Einfluß der Breslauer Schule hat die Ultra orthodoxie ihren das Judenthum auszehrenden Fanatismu aufgegeben und ist die zerstörende, auflösende Reform zur Be sinnung gekommen und hat sich dem Positiven zugewandt Darum segnen an erster Stelle wir, die Schüler Frankels, da Andenken unseres Lehrers, aber auch die jüdischen Gemeinde; haben allen Grund, anläßlich des bevorstehenden hundertste: Geburtstages, Frankel an heiliger Stätte und in würdige Weise zu feiern. Der 1. Oktober 1801 fiel auf den Tag nao Sukkvth ZN INOX: wir Schüler erinnern uns noch, wie wir a» Simchas Thora nach dem Gottesdienst in des Direktors Wob nnug gingen, um ihm zu gratuliren, und wie er unS oh», ein NNU1 "QN niemals entließ. Es dürfte sich daher empfehle» daß das Lehrerkollegium des jüdisch-theologischen Seminars i» Breslau ein Programm für eine würdige Gedenkfeier in der Anstalt entwerfe, etwa für Schemini Azeret, und ich bin überzeugt, alle Schüler Frankels, überhaupt alle Zöglinge der Breslauer Senuuars, wo sie amtiren und wirken, dies- und

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