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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-26 · Heft 30 (26.7.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 beabsichtigten schweren Gewissensbedrückung vieler Tausende von Glaubensbrüdern ansgebentet wurde. Sicherlich würde Leopold Stein, der übrigens diese Ansicht erst äußerte, nachdem er sein rabbinisches Amt niedergelegt hatte, einen solchen Mißbrauch mit seiner Aeußerung niemals zugegeben haben. Wie es sich aber auch damit verhalten möge, wir erachten uns verpflichtet, namens sämmtlicher Rabbiner Deutschlands hiermit die Erklärung abzngebeu, daß das Gutachten von Leopold Stein mit dem jüdischen Religionsgesetz unvereinbar ist, daß vielmehr die rituelle Schlachtart eine für die Juden unbedingt verbindliche religiöse Satzung ist, die in der Bibel ihre Begründung hat, und von deren Befolgung für die nach dem Neligionsgesetze lebenden Juden der Fleischgennß abhängig ist. Wir geben der zuversichtlichen Erwartung Ausdruck, daß keilt Jude zu der vom Vorstande des Thierschutzvereins geplanten Gewissensknechtuug seine Zustimmung ertheilt hat. Sollte dies aus Unkenntnis; des Sachverhalts dennoch geschehen sein, so mahnen wir an die Pflicht und bitten zugleich, die Unterschrift schleunigst zurnckzuziehen und jede wie irgend geartete Benutzung derselben auf das Nachdrücklichste zu verbieten. Der Vorstand des Nabbinerverbandes in Deutschland. Dr. Maybaum- Berlin. Tr. Horovitz-Frankfurt a. M. Dr. Werner-München. Dr. Gnttmann-Breslau. Dr. Auerbach-Halberstadt 22 Berlin, 19. Juli. Im Alter von 48 Jahren ist hier am 15. d. M. der Mathematiker Dr. Ferdinand Ca sparh gestorben- Derselbe hat in seiner Wissenschaft namhaftes geleistet und hätte wohl ein Anrecht auf einen Lehrstuhl au jeder deutschen Universität gehabt. Daß ihm ein solcher nicht zu Theil wurde, war die Tragik seines Lebens. Ei»; besonderes Verdienst hatte er darin, daß er ans die lange nicht gebührend gewürdigten, ja verkannten mathematischen Lehren des vielseitigen Graßmann die Aufmerksamkeit lenkte. Die eigenen Studien Casparhs, die bei uns und im Auslande viel Anerkennung fanden, beziehen sich auf die Flächentheorie, die Theorie der Nanmkurvcn, die Theorie der elliptischen Funktionen, die Theorie der Thetafnnktionen von zwei und mehr Veränderlichen. Sie finden sich in deutschen nnd französischen Fachzeitschriften. 1853 zu Unruhstadt geboren, studirte Caspary, ans dem Gymnasium zu Glogau vorgebildet, vou 1871 bis 1875 arl der Universität Berlin unter dem damaligen Mathematikerdreigestirn Kummer, Weierstrab und Kronecker und unter Aronhold Mathematik. 1874 errang er den Steinerpreis. Im Jahre darauf promovirte er zum Doktor; später bestand er die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt. Er widmete sich in der Folge dem Schulfache. Nach langjähriger Thätigkeit am hiesigen Humboldtgymnasium nahm er 1887 seinen Abschied, um sich ganz der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Seit 1894 nahm Caspary an den wissenschaftlichen Arbeiten Theil, welche die Firma Siemens «k Halste ausführen läßt. Die Beerdigung fand lxente in Weißensee statt. Berlin, 22. Juli. Das Leibblatt Ahlwardts und Miguels, das Spezialorgan für rituelle Blntmorde und Tellersammlungen, läßt in seiner dummdreisten Weise einen Artikel los, in dein es sich der schwierigen Aufgabe unterzieht, nachzuweisen, daß der Zusammenbruch der Schwindelinstitute in Berlin, Leipzig. Kassel und Dresden nur auf die Juden znrückzusühren ist. Wir können es dem Blatt nicht verdenken. daß ihm der Umstand unangenehm ist, daß in der Verwaltung der verkrachten Banken so gut wie gar keine Juden vertreten waren. Uns ist das natürlich nicht minder lieb als gleichgiltig. Denn wir messen jüdischeSchwindler mit demselben Maß wie christliche. Aber wer eben durchaus ein Geschäft daraus machen will, bei jeder Gelegenheit den Juden zu hängen, für den ist natürlich der jetzige Bankkrach eine Periode arger Enttäuschungen. Wenn wir überhaupt auf das Geschreibsel Bezug nehmen, so geschieht es nur, da antisemitische Dummheit auch schon früher von christlichen Verbrechern dazu benutzt worden ist, sich rem zu waschen. So hat z. B. Herr Kommerzienrath Sauden die weniger; Tage, welche er nach Entdeckung seines Schwindels noch in der Freiheit zubringen durste, dazu verwendet, in der Stadt das Gerücht auszusprengen, die bösen Juden hätten ihn kaput gemacht. Diesen Faden spinnt jetzt die antisemitische Presse weiter, und man stellt es so dar, als ob die jüdische Hochfinanz aus Purer Schadenfreude die Banken hat verkrachen lassen. Sehr treffend bemerkt hierzu ein hiesiges Montagsblatt: Man erzählt von einen! polnischen Bauern, dessen Hans von Ungeziefer strotzte, er habe, anstatt das Haus im Innern zu säubern, sein ganzes Anwesen in Brand gesetzt und sei dann immer händeklatfchend um die Brandstätte herumgelausen und habe gerufen: „Wenn das nicht gut gegen Wanzen ist, dann weiß ich nicht, was besser ist!" Solche Taktik schieben die Antisemiten unserer hohen, insbesondere der jüdischen Bankwelt unter. Was für Leser müssen das sein, denen man so etwas bieten darf? en. Berlin, 22. Juli. Eine Greisin mit jugendlichem Herzen ist am 19. d. M. aus dem Leben geschieden. Frau H en rrette PH Nipp geb. Schöulank war eine jener seltenen Persönlichkeiten, die Jeder, der sie auch nur kurze Zeit kannte, in ehrfurchtsvoller Erinnerung behält. Die Liebe zum Judenthum zeigte sich bei ihr durch Thaten. Jene echte Wohlthätigkeit, die nie das Gefühl des Empfangens anskommen läßt, sondern die förmlich nur die Freude am Geben als Dankbarkeit gegen die Empfänger zum Ausdruck brachte, übte sie in geradezu hervorragender Weise. Ihre Erzählnngsknnst, die in ihrem reichen Leben eine Fülle von Stoff ans der guten alten Zeit fand, fesselte ungemein und gab ihren! näheren und weiteren Kreise dauernde Anregung, so daß ihr Andenken zum Segen bleiben wird. Beuthen O. Schl., 13. Juli. Gestern Nachmittag 3 Uhr fand unter zahlreicher Betheiligung die Beerdigung des am 10. d. M. verstorbenen Kaufmannes. Stadtrathsund königlichen Lotterieeinnehmers Ignatz Lomnitz, Inhaber der hiesigen altrenommirten Firma A. Lomnitz Wwe., statt. Es betheitigten sich u. A. der Gesammtvorstand und das Nepräsentautenkolleginm, Deputationen sammtlicher hiesiger Wohlthätigkeits- und Unterstützungsvereine, beide städtische Körperschaften in corpore, die Schützengilde mit umflorter Fahne, die hiesige städtische freiwillige Feuerwehr, sowie alle Diejenigen, welche dem Dahingeschiedenen nahe gestanden, außerdem fast sämmtliche Bürger hiesiger Stadt. Der Entschlafene war 17 Jahre hindurch ununterbrochen stellvertretender Oberbürgermeister, ein tüchtiges, thätiges nnd befähigtes Mitglied des Nepräsentantenkollegrums. Der Tranerkondukt bewegte sich durch die Gleiwitzerstraße. Boulevard u. s. w., woselbst die schwarznmflorten Gaskandelaber brannten, nach dem städtischen Friedhöfe. Am offenen Grabe schilderte Herr Rabbiner Dr. Kopstein in tiefempfundenen Worten Wesen und Leben dieses allgemein hochgeachteten Edelmannes in des Wortes vollster Bedeutung. Die Rede machte auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Nach den ceremoniellen Gebeten wurde der Todte der Erde übergeben. Das Andenken des Gerechten bleibt ein Segen. >. KottdUs, 18. Juli. Am 3. d. M. fand hier die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Synagoge unter reger Vetheiligung der Gemeindemitglieder sowie vieler nichtjüdischer Mitbürger statt. Da die Einweihung des Gotteshauses, so Gott will, zu einen! allgemeinen Gemeindefest sich gestalten soll, wurde von Seiten der Gemeindevertretung beschlossen, die Behörden nicht zur Grundsteinlegung, sondern zu Einweihung einzuladen. Die Feier wurde eingeleitet vom Rabbiner Kamerase durch eine Predigt, in der derselbe mit Zugrundelegung des Textes: „Und sie sollen mir ein Heiligthum errichten, damit ich in ihrer Mitte weile," aus den Wohlthätigkeitssinn und die Opserwilligkeit der Söhne Israels hinwies und hervorhob. daß diese Tugend von jeher uns in hervorragender Weise anszeichnete. Auch dieses neu zu errichtende Gotteshaus diene uns und unseren Kindern zum Zeichen, daß der Herr in unserer Mitte weilt. Der Predigt schloß sich ein Gebet an für den Kaiser. Vaterland und Synagogenvorstand, für das Wohlergehen der Stadt, ihrer Behörden und Einwohner, für alle Arbeiter, die an dein Ban des Gotteshauses beschäftigt sind. Hierauf verlas der Vorsitzende des Vorstandes. Bankier W. Löwenstein, die Schristnrkunde, die manches Interessante über die Geschichte unserer Gemeinde erzählte, so z. B., daß nachweislich im 14. und 15. Jahrhundert Inden in größerer Zahl hier ansässig waren. Sodann wurde die Urkunde in einer dicht verschlossenen Kapsel in den Grundstein versenkt. Baumeister Pabel überreichte hierauf nach einer Ansprache den Hammer dem Prediger, der die üblichen Hammerschläge mit folgendem Sinnspruch that: „Ans drei Dingen," so sprechen unsere Weisen, beruht die sittliche Weltordnnng: „auf Wahrheit, Recht und Frieden." Dieses Grundwort sei der Grundstein des Gotteshauses: „Wahrheit üben gegen Alle, ein Recht für Alle, Gesinnungen des Friedens in Allem." Bankier Löwenstein begleitete die Hammerschläge mit den Worten: „Zu Ehren Gottes, zur Freude der Menschheit, zum Glück der Frommen." Herr W. Neyersbach, Vorsitzender der Repräsentanten : „Des großen Preußenkönigs Wort bleib' stets der Wahlspruch hier aus Erden: in diesem Staat kann Jedermann nach seiner Weise selig werden." Das älteste Mitglied der Bankommission erinnerte an das Gelübde des Patriarchen Jakob, das er ablegte, als er den Stein, welchen er zu Hänpten hatte, aufrichtcte und zum Altar salbte. Diesem weihe-

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