Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 360 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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360 bluffend in „Kapparah", wo ein Mann mit der Rechten den Hahn schwingt, ein Knabe und ein Mädchen schauer: verwundert zu. Wie ergreifend ist das mit „Schiwah Jamim" bezeichnet Bild. Der in Familientrauer auf niedrigem Schemel sitzende alte Mann mit dem Käppchen lernt, unweit dorr ihn: sitzt eine Frau in stummer Trauer, unweit der verlassenen Lagerstätte kauern andere Frauen, ein am Boden stehendes mattes Licht beleuchtet die düstere Szene. Eines wohlverdienten Rufes erfreut sich die 1896 in den Champs Elysi'-es in Paris ausgestellte Lithographie „Par schah". Ein alter Mann mit Käppchen und Brille bemüht sich seinem Schüler dasjenige Kapitel ans der Bibel beizubringen, das der Knabe am Tage seiner Barmizwah vor versammelter Gemeinde vortragen soll. Es erhöht den Humor des Bildes, das; der gute „Rebbe" etwas ärgerlich dreinschaut, so daß ihn: die Brille bereits schief sitzt, während er den Knaben mit einen: Stift auf einen Fehler in: Vortrag aufmerksam macht. Letzterer ist den: Weinen nahe. Die angenehmere Seite der Barmizwah zeigt ein anderes „Das Barmizwah - Jüngel" bezeichntes Bild. Der Rabbiner trifft eine stattliche in: Neifrock einherstolzirende Mutter mit ihrem hübschen Knaben und faßt Letzteren wohlwollend ans Kinn. Die ganze Skala jüdisch behaglichen Humors bis zum tiefsten Schmerz beherrscht Levy meisterhaft. In beiden Gebieten will er niemals schmeicheln, nur die reine Wahrheit geben. Uns muthet heute das behagliche Schmunzeln des Mannes, dem seine Frau die dampfende Kugel („Kuggel" schreibt Lewy) zeigt, etwas epikuräisch an. Denn wir sind in den Zeiten Stöckers und Drnmonts etwas nervös geworden. Unfern: Maler wird es aber Niemand verdenken, daß er „trotz alledem und alledem" sein behagliches Bild „Ter Schabbesfisch" in zwei Auffassungen gezeichnet hat. Ein Alter mit weißem Rundbart sieht sich den breit auf den: Teller liegenden Fisch an, während die gut charakterisirte Frau neben ihm auf die Vortrefflichkeit dieses Schabbesgerichts hinweist. Welch' ein mächtiger Schritt vor: diesen Genrebildern bis zu den: „Jahrzeit" betitelten Werke des Meisters. Ein Greis steht erschüttert auf den: „Beth Olam" vor einen: Grabe und betet innig, und wie wir sehen, laut. Vielleicht beachtet der Maler, der uns gern Leute mit offenen: Munde zeigt, zu wenig das Lessing'sche Gesetz von den transitorischen Momenten. Was bei dem humoristischen Bilde „Der niesende Beter" angebracht ist, ist deshalb noch nicht bei anderen Typen, die das religiöse Gebiet berühren, nothwendig. Direkte synagogale Studien und Typen hat A. Levy mehrfach zun: Vorwurf genommen, so in dem anziehenden Bilde, das„Misrach" betitelt ist. Vor den: Altar, auf dem der siebenzackige Leuchter steht, verrichtet ein ganz in seinen Tallis eingehüllter Beter seine Andacht. In einiger: selbstbiographischen Zeilen, die unserem Künstler von einer Pariser Zeitschrift, welche im Stile der vornehmen Revuen 11 bisher nicht erschienene Illustrationen Levys brachte, kürzlich abgefordert wurden, spricht er von seiner Verehrung des jüdischen Kultus: „Seit meiner frühester: Jugend achte ich auf die Schönheiten und den Zauber unseres Kultus. Mit meinen schwacher: Fähigkeiten ging ich daran, seine malerischen Seiten hervorzuheben. Aufgewachsen in ehrbarem und einfachem Kreise, habe ich seit meiner Kindheit die harmlosen, oft humoristischen Bilder ir: mich ausgenommen, welche eine vor: der Berührung mit der: großen Centren noch nicht angekränkeltes Geschlecht in seinen Sitten nnd Charakteren darbvt. Meine Modelle haben die Grenzen :hrer Dörfer in Elsaß und Lothringen nicht überschritten, sie sind die Ahnherren Derjenigen, welche Drumvnt heute so heftig angreift, aber ich denke, daß auch diese Vorfahren nicht immer ganz mit ihren Enkeln zufrieden sein würden. Die großen Tugenden der jüdischen Rasse, die stark ist durch ihr Familienleben, ihre Nüchternheit und Zähigkeit, verflüchtigen sich und verwandeln sich bei längerem Aufenthalt in den großen Städten. Ich finde aber einen unendlichen Zauber darin, meine Inden darzustellen, wenn sie ihren religiösen Traditionen und Hebungen getreu anhängen." So hat der Künstler unter die Zeichnung, die ein jüdisches Ehepaar auf den: Dorfe, Philemon und Baueis ins Elsässisch-Jüdische übersetzt, darstellt, selbst die Bemerkung geschrieben: „Verschwundene Typen". Und 1895 theilte A. Levy einer Zeitschrift mit, daß die Spuren des von ihm dargestellten etsässisch-jüdischen Gemeindelebens in 20 Jahren verschwunden sein werden. Allerdings solche humoristischen Originale, wie er sie ir: seiner Zeichnung „Noschhaschanah während des Gottesdienstes", in den: Rabbiner und Chasan, die sich an einer Prise erquicken, mit etwas satirischem Anflug auch in verschiedenen unförmig dicken Betern, mit noch unförmigeren Filzschuhen dargestellt hat, verschwinden allmälig. Bei einigen Levy'schen Zeichnungen müssen wir uns mit der bloßen Aufzählung begnügen, so seien genannt der „Baalboos", ferner die meisterhafte „Alte Frau", welche an: Erew Jomtob die Gefäße und die Festtagsleuchter scheuert, „Der sinnende Rabbi", „Die Frau, welche kaschert", „Der Seder", (hier ist Professor Oppenheim doch der Größere), „Die Pessachknödel" (man sieht sie förmlich dampfen), „An der Klagemaner in Jerusalem", „Bild eines russisch-jüdischen Flüchtlings", „Rabbi Aronsohn", „Zeichnung eines jüdischen Antiquars" u. s. w. * Einen Unterschied von unserer Auffassung in Deutschland, was religiöse Ceremonien anbelangt, Haber: wir nur bei einer einzigen Levy'schen Darstellung gefunden, die er betitelt „s/!in<1NIv neir 8edel (11:r: n nkr: 1i". Da laßt der Vater seinen kleinen Sohn das fünfte Chanukalicht anzünden und freut sich über den Gesang des Jungen in etwas grotesker Weise. Es scheint uns die ernste religiöse Stimmung zu fehlen, die bei den in vielen Ausgaben verbreiteten Bildern Oppenheims aus den: jüdischen Familienleben so sehr anspricht, und die sie zu einen: Schmuck unserer jüdischen Häuser so geeignet macht. Aber auch die Levy'schen Bilder machen ihren Weg. Möge trotz seines vorgerückten Alters der noch rüstig schaffende Meister, der sich zu einen: kurzen Aufenthalt während der Dauer seiner Berliner Ausstellung bei uns entschlossen hat, sich nicht auf das alterthümliche Milieu der elsässischen Juden beschränken. Sowohl in London wie in Paris, wo er hohe Anerkennung genießt, hat man ihn bereits auf das seinen: Genius so verwandte niederländische Milieu und auf die Juden in Amsterdam hingewiesen. Hoffentlich findet ein jüdischer Maler, der den Mnth gehabt hat, ein ganzes Leben lang fast ausschließlich jüdischen Stoffen zu weihen, auch bei uns in Deutschland, das jetzt für so manche künstlerische Bizarrerien offene Herzen hat, die verdiente Anerkennung. Sprechsaal. Berichtigung. In Nr. 29 muß es im Sprechsaal: Fritz Ho mb arg er, und in der Korrespondenz G el seukirchen, nicht Giesenkirchen, heißen. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.