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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-26 · Heft 30 (26.7.1901) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 359 (sequence 13)
Language
German
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359 Hanse, Jom Kippur, Nvschhaschanah Sukkoth, an alle die geweihten religiösen Momente des jüdischen Hauses, ernst herantritt, mit Pietät, aber auch mit unerbittlicher Wahrheitsliebe schildert, wie diese Dinge heute bei uns ansschauen. Das Kunstideal dürfte, wenn auch manche Schattenseite nicht verschwiegen werden soll, auch heute noch nicht dabei zu kurz kommen. Alphonse Lcvh bringt zu der mächtigen Aufgabe, die er sich gestellt hat — der schon an Jahren gereifte Künstler behandelt außer den Festen auch eine Reihe ganz intimer Momente, Kücheninterieurs, den „Schabbesfisch", die „Schabbeskugel", ferner „Mesusah", „Kapparah", „Schiwah" u. s. w. — vor allem ein genaues Studium des ländlichen jüdischen Milieus, eine, man könnte sagen, fast bis zur Karikatur scharfe Charakteristik und hervorragendes malerisches Können mit. Beginnen wir mit der Schilderung des einen, geradezu Sensation erregenden Bildes, das den „Jomkippur-Nachmittag auf dem Schulhof einer kleinstädtischen Synagoge" darstellt. Es ist eine Pause im Nachmittagsgottesdienst gemacht worden. Die meisten Beter, sowohl Männer wie Frauen, erholen sich auf dem schattigen Hof der Synagoge, aus deren weiter Pforte soeben ein alter Mann am Stock auch noch heraushnmpelt. Die Greise und Greisinnen, erstere zumeist in Gebetkitteln, sitzen auf Bänken unter einem Baum und an der Seite des Hofes. Eine alte Frau, in sich gekehrt, weint, ein Mann in einer Haltung von grotesker Eleganz erkundigt sich bei zwei anderen alten Damen nach ihrem Befinden. Knaben, von denen der eine bereits den Tallis im wohlverschnürtem Tallisbeutel nach Hanse tragen will, belustigen sich im Hofe. Ein etwas drollig und gaminartig ansschauender jünger Mann wird von einigen jungen Leuten wegen angeblichen Nichtfastens gehänselt und streckt auf Befragen die Zunge heraus, zum Zeichen, daß er noch nicht gegessen hat. Hier haben wir den Witzbold der Kehille vor uns. Ganz köstlich aber sind die beiden ernsten Alten im Mittelpunkt des Bildes. Da glauben wir in der breiten Geste der Hand und dem gemüthlichen Ausdruck förmlich das „Nun, wie geht es Ihnen, Rebb' Mosche," herauszuhören. Der Eine scheint der Rabbiner zu sein. „Jom Kippur in der guten alteir Zeit" hat Alphonse Levy dieses Bild betitelt, und es ist ihm ersichtlich gelungen, die behagliche, schon die Versöhnung mit Gott und allen Mitmenschen voransstrahlende Stimmung eines solchen in echter Frömmigkeit verbrachten T ages, namentlich bei den Alten in ihren Sterbekitteln wiederzngeben. Denn, um eines hier gleich hervorzuheben, bei der meisterhaften Akribie der Darstellung, die den Bildern ihren Weg von dem Pariser Salon seit den achtziger Jahren in die größten Museen der Welt geebnet haben, wirkt leider oft die groteske Uebertreibnng, zu der der Künstler in einigen anderen Darstellungen neigt, auf den Glaubensgenossen fast wie Karikatur. Vielleicht hat der Künstler den Epiknräismus mancher seiner Landsleute geißeln wollen, die in Schabbesfischen und Schabbeskugel gar zu sehr aufgehen, so daß der edle, pietätvolle Zug auf einigen dieser Bilder fehlt. Wenn diese Zeichnungen auch ungewöhnlich geistvoll richtig beobachtet sind, so geben sie theilweise doch dem überall herumlauernden Gegnern ein wenig Nahrung und die mit ihnen vielleicht bezweckte soziale Zeitpredigt gelangt leider so nicht an die richtige Adresse. Ernster und darum wieder geradezu meisterhaft ist das Bild „D er Ge betriemenfabrikant" nach einer Herrn Redakteur Perivier (der neuerdings so viel von sich reden machte) von der Pariser Zeitung „Figaro" gehörenden Zeichnung. Das 1886 im Pariser Salon ausgestellte Bild befindet sich jetzt im Luxemburg-Museum; es wird noch in späten Tagen nicht nur echt künstlerischen, sondern auch kulturgeschichtlichen Werth besitzen. Da ist alles der Natur mit schlichter Wahrheit abgelauscht, das durchfurchte Gesicht, die charakteristische Nase des alten Mannes mit dem Käppchen, der an einein Tische, in dessen Ecke ein Safer Thora lehnt, die Gebetriemen zurechtschneidet. — Wenn ich mir in der Kunsthandlung eine der vorzüglicheil (und wie ich höre, für den Preis von je 15 Mark viel gekauften) Lithographien erstehen könnte, so würde ich indeß ein anderes Bild wählen, auf dein Alphonse Levy nicht nur als Maler, sondern auch als guter Jude mehr hervortritt. Da ist zunächst „Mesusah". Ein festtäglich gekleidetes Ehepaar macht eine Jvmtow-Visite. Der Mann dieses Mal mit edlem, nicht karikirtem Gesichtstypus, berührt bereits die Mesusah, während die Gattin in der Festhaube, strahlenden Antlitzes, ihm auf dem Fuße folgt. Die Gebetbücher in der Hand deuten an, daß man soeben „aus Schul" kommt. Noch inniger rührt mich aber das Bild eines Greises, der soeben mit dem Lulaw beim Hallel-Gebet die vorgeschriebenen Bewegungen inbrünstig ausführt. Der alte Mann ist mit Cylinder und im Gebetmantel dargestellt. Sukkoth hat der Künstler hier mit hebräischen Lettern ans den oberen Rand geschrieben. Eine Ausstellung seiner Werke, Gemälde, Lithographien, Kreidezeichnungen, die Alphonse Levy 1897 in Paris im Salon der Zeitschrift „Die Feder" veranstaltet hat, umfaßte 121 Nummern, hauptsächlich Bilder aus dem Leben der Juden im Elsaß und in Algier. Levy ist Elsässer, er ist in Mauresmünster bei Straßburg geboren, und sein künstlerisches Wirken gehört seit 35 Jahren der Chronik des jüdischen Gemeindelebens. Das von ihm zuerst iüustrirte Werk „Im vie jniva" wurde durch eine Vorrede Zadoc Kahns ausgezeichnet. Eine große Anzahl Originalzeichnungen A. Levys schmücken das auch in deutscher Sprache erschienene Werk „Jüdische Erzählungen" von Sacher- Masoch, so die „Erklärung in der Sukkah", Beim Schofarton und Am Jomkippur, Vor der Abreise nach Jerusalem u. s. w. Es steckt in unserem Maler etwas von Rembrandt, von Teniers, von Ostade. Oder sollte man nicht glauben einen Künstler zu sehen, der bei den Niederländern in die Schule gegangen ist, wenn man eines der ältesten Werke Levys betrachtet, die gute Alte, welche den Sabbathnachmittag damit verbringt, von ihrem Fenster aus den kindlichen Spielen ihrer Enkelkinder znzuschauen. Geradezu klassisch ist die Zeichnung in „Andacht" „Kawanah". Ein ganz alter Mann, die Tefillin auf der mächtigen Stirn, mit weißem Spitzbart und zwei charakteristischen mächtigen Haarbüscheln, schreit laut aus seinem Siddur mit! Ein Kabinetsstück ist auch das alte Männchen, das prüfend seinen Eßrog besieht. Während auch Nichtjuden, darunter namhafte Kunstkritiker ihre Freude an diesen Werken ausgesprochen haben — Herr Levy ist bereits Okkeier cke l'Intilut und von ersten sranzösischen Meistern, wie Gardine usw., für das rothe Band der Ehrenlegion vorgeschlagen — mögen sich dieselben manches Mal den Kopf zerbrechen, was z. B. ein Werk Levys, wie das mit „Schaalah" bezeichnte, zu bedeuten hat. Wir wissen es, weshalb dieser alte Gelehrte die Gans so aufmerksam betrachtet, indem er sich die Brille mit der Rechten zurechtrückt, während die alte Frau, welche die Gans gebracht hat, besorgt zuschaut. Die Naturwahrheit wirkt auch ver-

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